So nah und doch so fern

Eine ganze Weile hat es nun gedauert, bis an dieser Stelle wieder ein Text erschienen ist. Das liegt nicht daran, dass mir die Lust am Schreiben vergangen wäre oder der SV Babelsberg 03 nicht gespielt hätte. Manchmal kommt eben alles zusammen und dann klappt nichts – oder nicht so wie mensch es sich vorgestellt hat. Das trifft auch ein wenig auf den diesem Eintrag zugrunde liegenden Spieltag zu. Alle Unwegbarkeiten konnten aber diesmal nicht verhindern, dass wenigstens diese Zeilen entstanden sind.

Endlich war es wieder so weit. Ich konnte ein Heimspiel von Nulldrei an einem Samstag – der für ZeitungsmacherInnen, die keine Sonntagsausgabe produzieren, im Allgemeinen der ruhigste Tag der Woche ist – besuchen. Das letzte Spiel in der Hinrunde der Regionalliga Nordost stand auf dem Programm. Gastieren durfte der FSV Zwickau, auch ein Traditionsklub im Fußballosten. Dass der sogar noch eine »Fanszene« hat, war spätestens am massivem Polizeiaufgebot rund um die Karl-Liebknecht-Straße in Babelsberg zu erkennen. Ich konnte gut beobachten, wie die Staatsdiener sich und ihre Absperrgitter nach und nach verteilten, war ich doch schon früh am Morgen nach Babelsberg gefahren. Es sollte ein langer Fußballtag werden, beginnend mit dem Spiel der Zweeten von Babelsberg auf dem Kunstrasenplatz des Karl-Liebknecht-Stadions.

Schnell wurde mir wieder klar, was Fußballfans so alles mehr oder weniger freiwillig auf sich nehmen. Sie stehen sehr früh auf und das selbst bei klimatischen Zuständen, gegen die der innere Schweinehund eigentlich keine Chance hat. Worauf ich hinaus will: Noch um 10 Uhr war von Tageslicht nicht wirklich etwas zu bemerken, dafür umso mehr vom frischen Lüftchen bei Null Grad Celsius. Der Glühwein war noch nicht heiß, da fummelten die Babelsberger Ultras aber schon an ihrer Choreografie herum, die am Anfang des Spiels gezeigt wurde. Das Filmstadtinferno 1999 feierte sein 15-jähriges Bestehen mit einer großen Blockfahne sowie Spruchband und reichlich Fahnen und Rauch sowie Bengalos.

Das sollte ich nicht miterleben. Ebenso wenig wie die folgenden 90 Minuten, in denen sich eine hart umkämpfte, spannende, wenn auch nicht immer fußballerisch ansprechende Partie zugetragen haben muss. Mit 2:1 gewann Zwickau am Ende knapp. Darüber hätte ich hier wahrscheinlich trotzdem nicht mehr Worte verloren, als ich es nun schon getan habe.

Ich hätte aber über Marian Unger schreiben können – ein Torwart, der mehrere Jahre für Babelsberg gespielt hat. Ein legendäres Mannschaftsfoto zeigt, wie er freudestrahlend die Meisterschale der Regionalligasaison 2009/10 in die Kamera hält. Die Fans bedachten ihn wegen seiner Leistung, die Babelsberg damals mit in die Dritte Liga brachte, aber auch wegen seiner sympathischen Art, mit dem Lied »Wir haben Unger«. Doch Unger saß am Sonnabend nur auf der Bank, er war leicht angeschlagen. Viel hätte seine Geschichte an diesem Tag also nicht hergegeben.

Mir war allerdings ebenso wenig vergönnt, nach dem Spiel von Babelsbergs erster Mannschaft Welcome United 03 zu beobachten. Das Team beim SV Babelsberg 03, in dem seit wenigen Monaten Flüchtlinge Fußball spielen können, hatte wieder einen Auftritt gegen Champions ohne Grenzen, auch eine Refugees-Mannschaft aus Berlin. Der SVB ist der erste (Profi-)Verein in Deutschland, der ein eigenes Team für Flüchtlinge gegründet hat. Der Andrang ist so groß, dass die Trainingsgruppe schon unterteilt werden muss. Zudem wird der erste Spieler bald in den regulären Spielbetrieb einsteigen. Er trainiert bereits regelmäßig bei der zweiten Herrenmannschaft mit. Das erfolgreiche Engagement der Vereinsverantwortlichen hat schon einige Wellen geschlagen, auch im »nd« wurde bereits über diese Arbeit berichtet.

Vielleicht hätte ich also doch noch über etwas ganz anderes geschrieben, wäre ich nur im »Karli« gewesen. Aber dazu kam es nicht.

Irgendwie hatte sich das schon angedeutet. Morgens in Babelsberg angekommen stellte ich fest, dass mein Ticket nicht mit mir gefahren war. Doch das ist selbstverständlich kein Problem, das der SV Babelsberg 03 nicht lösen könnte. Mit einer Ersatzkarte ausgestattet war ich also schon dabei, mich ins Stadion zu begeben. Aber dann, kurz vor zwölf Uhr, ereilte mich die Schreckensnachricht. »Ich bin jetzt im Krankenhaus«, schrieb mir meine Begleitung immerhin aus eigener Kraft.

Nun sollte ich also eine mir noch völlig neue Ecke Potsdams entdecken, nämlich das nächstgelegene Klinikum. Sehr viel anders als in anderen Notaufnahmen geht es dort jedoch auch nicht zu. Wer also im Wortsinne nicht halbtot ist und irgendwie auf seinen eigenen zwei Beinen stehen bzw. auf den vier Buchstaben sitzen kann, muss warten. Eineinhalb Stunden waren noch Zeit bis zum Anpfiff, um eine unschöne Platzwunde zu nähen. »Bei Dekoarbeiten wollte Kollege ihm eine Klebebandrolle zuwerfen ... «, hieß es dazu später im Notfallbogen.

Es wurde ein langes »später«. Die Hoffnung, noch etwas vom Spiel zu sehen, verflog nach Errechnung des Viertelstundentakts beim Aufrufen des nächsten Patienten in einem Saal mit über zehn Maladen. So half nur noch Twitter, um wenigstens die ersten Bilder der Choreografie zu betrachten und zeitnah von den Toren mitzubekommen. Die 90. Minute war angebrochen, als der Herr neben mir mit der Kompresse auf der Stirn zur Chirurgin durfte.

Drei Stiche später und weit nach Abpfiff ging es noch einmal zurück nach Babelsberg. »Habt ihr das gesehen?«, war eine Frage, die dort häufiger zu hören war. Was ich vollends verpasste – worüber ich aber weniger traurig bin – ist die »dritte Halbzeit«, die sich offenbar auf dem Platz zugetragen hat. Gerangel zwischen Spielern und auf den Rasen stürmende Fans. Viel Schaden ist dabei nicht entstanden. Doch wäre ich noch etwas länger im Krankenhaus geblieben, hätte ich dort einen Spieler von Nulldrei treffen können – mit einer Platzwunde am Kopf. Eine solche am Tag zu sehen, genügt jedoch. Bei meinem nächsten Ausflug nach Babelsberg werde ich hoffentlich wirklich wieder Flanken, Pässe und Ecken betrachten können. Wenn es das Fußballschicksal denn gut mit mir meint.

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