Dschihadisten-Angriff von der Türkei aus

Ankara: »Lüge« / Luftangriffe auf Kobane und Raka

Der Angriff auf einen Posten nahe der umkämpften Stadt Kobane ist unbestritten. Unklar es aber, von welcher Seite er kam.

Beirut. Kämpfer der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) haben am Samstag erstmals einen von Kurden kontrollierten Posten an der syrisch-türkischen Grenze nahe der Stadt Kobane angegriffen. Nach Angaben der Kurdenpartei PYD und syrischer Aktivisten wurde der Angriff zweier IS-Selbstmordattentäter von türkischem Gebiet aus verübt, was Ankara entschieden zurückwies. Offenbar wurden mindestens 50 Dschihadisten getötet.

Die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, zwei Selbstmordattentäter hätten den Grenzposten angegriffen. Der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman, sagte, der erste Attentäter habe einen Autobombenanschlag verübt, der zweite habe sich mit seinem Sprengstoffgürtel in die Luft gesprengt.

Beide Männer kamen der Beobachtungsstelle zufolge von der türkischen Seite der Grenze. Nach Angaben des auf die Auswertung islamistischer Internetportale spezialisierten US-Unternehmens Site sprach der IS in Twitter sogar von drei Selbstmordanschlägen an dem Grenzposten.

Innerhalb von 24 Stunden seien in Kobane 50 IS-Kämpfer getötet worden, teilte die Beobachtungsstelle am Sonntag mit. Es handele sich um einen der verlustreichsten Tage für den Islamischen Staat seit dem Beginn von dessen Offensive auf Kobane Mitte September. Die Toten gab es demnach bei Luftangriffen der US-geführten Militärkoalition, bei Gefechten mit kurdischen Kämpfern und bei fünf IS-Selbstmordattentaten.

Auf Seiten der Verteidiger Kobanes registrierten die Aktivisten im gleichen Zeitraum elf kurdische Tote und einen syrischen Rebellen. Derzeit ist die Stadt etwa zur Hälfte unter kurdischer und zur Hälfte unter IS-Kontrolle. Die für den Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad eintretende Beobachtungsstelle stützt sich auf ein Netzwerk von Informanten in Syrien. Ihre Angaben sind von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen.

Der Vertreter der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) in Paris, Chaled Issa, sprach von der »ersten IS-Offensive gegen Kobane von türkischem Territorium aus«. Seine Partei könne das mit Videos beweisen.

Ein türkischer Behördenvertreter sagte, am frühen Samstagmorgen habe es zwei Explosionen »auf der syrischen Seite der Grenze« gegeben. Der IS-Angriff ereignete sich demnach in der Nähe des Grenzübergangs. Dass der Angriff von der türkischen Seite ausgegangen sei, bezeichneten der türkische Generalstab und die Regierung in Ankara jedoch als »Lüge«.

Nach dem Angriff nahe Kobane gab es auf der syrischen Seite heftige Gefechte zwischen IS-Kämpfern und Milizionären der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), dem bewaffneten Arm der PYD. Sie dauerten bis in die Nacht zum Sonntag an. Bei der Verteidigung der Kurdenstadt Kobane erhalten die YPG Unterstützung von kurdischen Peschmerga-Kämpfern aus dem Nordirak. Kampfflugzeuge der Militärkoalition unter Führung der USA bombardieren im Gebiet um Kobane mutmaßliche IS-Stellungen. Kurz vor Mitternacht am Samstag bombardierte die Koalition laut Beobachtungsstelle 30 Ziele in und um die Stadt Raka, die Hochburg des Islamischen Staats.

Der syrische Außenminister Walid al-Muallim sagte dem panarabischen Sender Al-Majadin, die USA und die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats müssten die Türkei dazu bringen, ihre Grenze wirksam zu kontrollieren. Andernfalls würden die IS-Kämpfer nicht besiegt.

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