Strahlende Last der Vergangenheit

Radioaktiv belastete Polynesier wollen von Frankreich Entschädigung für Atomtests

Das Parlament Französisch-Polynesiens bereitet eine Forderung an Paris vor: rund eine Milliarde Dollar Kompensation für die Schäden von jahrzehntelangen Nukleartests.

Ob der »Guardian« in Großbritannien oder pazifische Medienportale in Neuseeland: Die Nachricht, die zuerst von der einheimischen Zeitung La Depeche de Tahiti verkündet wurde, verbreitet sich längst rund um den Globus. Demnach kann das autonome französische Überseegebiet vom »Mutterland« 930 Millionen Dollar (754 Millionen Euro) direkte Entschädigung fordern, sollte die Resolution im Inselparlament eine Mehrheit finden. Wie chancenreich der Vorstoß aus den Reihen der konservativen Partei Tahoera’a Huiraatira ist, lässt sich zunächst schwer sagen. Fakt ist, dass er das für Frankreich unangenehme Thema mit neuer Wucht in die breite Öffentlichkeit bringt.

193 Atomtests haben die Regierungen in Paris zwischen 1966 und 1996 auf den beiden zu Französisch-Polynesien gehörenden Inseln Mururoa und Fangataufa durchgeführt, ein Vielfaches jener weiteren 17, die noch in der Sahara stattfanden.

Unter den Folgen leidet die Bevölkerung der Region bis heute. Lange Zeit fielen alle Daten unter strengste Geheimhaltung, erst im Juli des vergangenen Jahres wurden die meisten Dokumente rund um die Testreihen offiziell deklassifiziert. Dabei werden 114 der 2050 Seiten noch immer unter Verschluss gehalten oder sind geschwärzt.

Forscher, die sich mit dem Material beschäftigten, fanden schnell heraus, dass die Verstrahlung von Mensch und Umwelt in dem Gebiet sogar noch weit höher liegt, als zuvor immer angenommen wurde. Allein bei einem besonders starken Test im Jahr 1974 sollen auch die Einwohner des Hauptatolls Tahiti durch den radioaktiven Niederschlag einer Verseuchung ausgesetzt worden sein, die beim 500-fachen des amtlichen Grenzwertes lag.

Ein Report von 1998 legte zudem nahe, dass im Laufe der Zeit wenigstens 3200 Tonnen nukleare Abfälle 1000 Meter tief im Ozean bei Mururoa versenkt wurden.

Die parlamentarische Initiative ist an Inselpräsident Edouard Fritch vorbei gestartet worden. Dieser zeigte sich in einer ersten Reaktion überrascht, nicht konsultiert worden zu sein. Sollte die Resolution von den Volksvertretern beschlossen werden, würde dies Frankreich zumindest unter erheblichen Zugzwang setzen. Es müsste sich nach Jahrzehnten des Wegschauens und Aussitzens endlich ernsthaft mit der generellen Kompensationsfrage auseinandersetzen. Zwar hatte die Regierung 2010 anerkannt, dass militärische Veteranen und auch beteiligte Zivilisten prinzipiell einen Entschädigungsanspruch hätten. Die Bearbeitung der Anträge könne aber sehr lange dauern, hieß es da bereits.

So viel Zeit haben viele Betroffene nicht mehr. Allein die Vereinigung Mururoa e Tatou vertritt direkt etwa 4500 ehemalige Mitarbeiter, die heute zumeist unter schweren Gesundheitsschädigungen leiden. Insgesamt waren in Polynesien über drei Jahrzehnte hinweg sogar 127 000 Personen im direkten Umfeld der Tests beschäftigt. Dass die Krebsraten auch unter der Bevölkerung allgemein deutlich über dem Durchschnitt liegen, hatten im Jahr 2006 Untersuchungen eines französischen Medizinerteams bestätigt.

Abgesehen davon, dass das Überseegebiet jährlich 150 Millionen an Transferzahlungen aus dem französischen Staatshaushalt erhält, hat sich Paris seiner Verantwortung für diese unrühmliche Vergangenheit bisher nicht gestellt. Die Bewohner von Tahiti und den 67 weiteren bewohnten Inseln sind zu wenige, und das Gebiet ist so abgelegen von Europa, als dass es eine größere Lobby fände.

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