Kleines Laos - großer chinesischer Markt

Der übermächtige Nachbar des kleinen südostasiatischen Binnenstaates treibt Handel und folgt eigenen Interessen

  • Von Alfred Michaelis, Vientiane
  • Lesedauer: 4 Min.
6,5 Millionen Laoten haben mit 1,4 Milliarden Chinesen viele Nachbarn. Die setzen vor allem auf Handel und Investitionen.

Auf dem Weg nach Muang Sing. Nach kurvigem Auf und Ab öffnet sich der Blick in ein idyllisch gelegenes Tal. Bestimmt wird es vom satten Grün der Reisfelder, hier und da gesprenkelt mit einer Handvoll einfacher Bauernhäuser. Am Rand des Tales die schachbrettartig angelegte Stadt. Muang Sing war einst das Zentrum eine kleines Fürstentums der Tai Lue, eines Völkchens zwischen Thailand, Myanmar, Laos und China. Heute ist der Ort Distrikthauptstadt der nordlaotischen Provinz Luang Namtha.

Die idyllische Lage und der bunte Mix verschiedener Bergvölker machen den Reiz des Fleckens aus, der auf dem besten Weg zu einer einzigartigen Touristenattraktion war. Heute sind die meisten Gästehäuser geschlossen, wehrt sich das nur noch schäbige Hotel Sing Charoen gegen die allgemeine Tristesse.

Am anderen Ende des Ortes dagegen ist Boom angesagt. Ein üppiger Marktplatz wurde förmlich aus dem Boden gestampft. Ladenzeile auf Ladenzeile entsteht auf einstigen Reisfeldern. Der Unterschied: Hier wird chinesisch gesprochen. Die Grenze zum großen Nachbarn ist keine 15 Kilometer entfernt und dem kleinen Grenzverkehr vorbehalten. Dafür sind die Lastwagen, die zwischen den Ländern hin und her pendeln, allerdings groß genug. Muang Sing hat heute den Charme eines chinesischen Marktfleckens. Selbst die örtlichen Behörden klagen, dass sie mit der Mehrzahl der Geschäftsinhaber in ihrer Stadt nicht einmal ein Gespräch führen können, da die nur des Chinesischen mächtig seien.

Was in Muang Sing in großem Stil geschieht, passiert an anderen Orten in kleinerem Maßstab. Kaum eine Siedlung, die heute nicht einen chinesischen Markt oder wenigstens einen chinesischen Händler vorweisen kann. Die sind allesamt im Laufe der letzten 15 Jahre nach Laos eingesickert. Ihr Aufenthaltsstatus ist oft so unklar wie die Wege, auf denen sie den anscheinend unerschöpflichen Nachschub an Waren organisieren.

Angeboten wird alles - vom billigsten Plastikramsch bis zu Solarpanelen, vom Eletroschocker bis zu Pestiziden unklarer Zusammensetzung. Doch die Ameisenarmee der kleinen Händler ist nur eine Seite chinesischer Allgegenwart. Auf der anderen stehen Großprojekte der Multimilliarden-Euro-Klasse.

So hat die Wan Feng Shanghai Real Estate Company den Zuschlag für 356 Hektar am einstigen Stadtrand der Hauptstadt Vientiane erhalten, um aus dem für den Wasserhaushalt der Stadt wichtigen Feuchtgebiet ein hypermodernes Stadtviertel zu machen. 1,2 Milliarden Euro will der chinesische Investor hier verbauen, die ersten zwölf Hochhäuser wachsen derzeit über die Stadtsilhouette hinaus. Auch am Mekongufer und im Stadtzentrum von Vientiane klotzen chinesische Firmen Einkaufszentren und Hochhäuser in die bislang eher lockere Stadtlandschaft.

Wenn kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, was ist dann mit großen? Die Volksrepublik China hatte der Volksrepublik Laos zuerst einen großen Kulturpalast geschenkt. Die Chinesen waren stets da, wenn Laos ein Ereignis internationaler Bedeutung ausrichten wollte. Als Laos 2009 die südostasiatischen Sportspiele abhielt, baute China ebenso einen heute sträflich vernachlässigten Sportkomplex wie es 2012 anlässlich des Europa-Asien-Gipfels quasi als Gastgeschenk ein prächtiges Kongresszentrum in die Stadt setzte. Für den ASEAN-Gipfel 2016 wächst das mit 138 Metern bislang höchste Gebäude in den Vientianer Himmel. Finanziert wird er von einer Baufirma aus dem chinesischen Chongqing und errichtet auf einem Grundstück der Laotischen Volksarmee. »Vientiane - the Next Miracle in New Asia« (Vientiane - das nächste Wunder in Neu-Asien) prangt in großen Lettern auf dem Bauzaun.

Ganz selbstlos scheint aber die Hilfe unter den Volksrepubliken aber nicht zu sein. Laos verfügt gleich über zwei Ressourcen, die den Chinesen ein paar Milliarden mehr wert sind: angesichts der dünnen Besiedlung Land geradezu im Überfluss und reichlich Bodenschätze. Ganze Landstriche sind heute mit Kautschuk bepflanzt, nach Norden geliefert werden Bananen, Melonen und Mais.

Die Firma Sinohydro verwandelt den längsten Nebenfluss des Mekong, den Nam Ou, in eine achtstufige Kraftwerkskaskade. Auch Kupfer, Gold und Aluminium stehen weit oben auf der Liste chinesischer Projekte. Nur bei dem von Laos am sehnlichsten gewünschten Vorhaben steht das Signal vorerst auf Halt. Es findet sich wohl niemand in China, der knapp sechs Milliarden Euro vorschießen möchte, die eine Eisenbahnverbindung von der chinesischen Grenze in die laotische Hauptstadt Vientiane kostet. Selbst wenn, Muang Sing liegt nicht an der Strecke.

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