Zentrales am Rande

Jahrbuch für Marginalistik

Mitte September gab es an der US-Eliteuniversität Harvard eine Veranstaltung, die uns daran erinnert, dass die Wurzel des menschlichen Forschergeistes nicht darin liegt, das Zweckmäßige, in jeglicher Hinsicht »Vernünftige« dieser Welt zu ergründen, sondern darin, die Welt und deren Existenz als großes Spiel, als den lachhaften Einfall einer göttlichen Instanz zu begreifen, die vor Jahrmilliarden wahrscheinlich aus Langweile auf den Knopf drückte und so einen Kurzschluss verursachte, den wir fälschlicherweise als Urknall bezeichnen. Zehn wissenschaftliche Forschungen wurden also an jenem Septembertag des Jahres 2014 mit den sogenannten Ig-Nobelpreis ausgezeichnet. Prämiert wurden Wissenschaftler, die beispielsweise den Nachweis dafür erbrachten, dass sich Hunde beim Pinkeln am Magnetfeld der Erde orientieren, oder erforschten, was in Gehirnen von Menschen vor sich geht, die das Abbild von Jesus auf einer Scheibe Toast zu erblicken meinen.

Der Name dieses seit 24 Jahren ausgelobten Nobelpreises kommt durch ein Wortspiel mit »ignoble«, was sinngemäß mit »unwürdig« oder »schmachvoll« übersetzt werden kann. Die Herausgeber und Verfasser des kleinen Bändchens, das in diesem Text vorgestellt wird, würden dies - zu Recht übrigens - als üble Nachrede bezeichnen. Die den Beiträgen im Jahrbuch für Marginalistik III» zugrunde liegenden Forschungen und Phänomene der Wissenschaft sind zwar nicht mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet worden, sie hätten einen solchen Preis aber verdient. Sie beschäftigen sich mit der «Sprache und Anatomie der Engel», dem «Kalauer als Kommunikationsform» oder mit der «Pränatalen Mediennutzungsforschung», formulieren aber auch durchaus politisch brisante Fragestellungen, wie etwa die, ob ein Bayer dereinst schottischer König werden könnte. Könnte er, vorausgesetzt, Schottland erklärt sich für unabhängig vom Britischen Empire, akzeptiert einen Monarchen als Repräsentanten des Staates, die Queen verzichtet auf den Thron und Franz Herzog von Bayern tritt die Stelle an. Vorher wird allerdings eher die Isar austrocknen, aber man weiß ja nie.

Es gibt in dem Büchlein aber auch Abseitiges, das bei näherem Betrachten seine Abseitigkeit verliert und Grundlegendes offenbart. So beschäftigt sich der Mitherausgeber Eckart Roloff in seinem Beitrag «Gestatten. Erika Mustermann und Otto Normalverbraucher» mit dem Lieblingskind aller Sozialwissenschaftler, Parteienforscher und Bürokraten: dem Durchschnitt in der Statistik. Diesen Durchschnittsmenschen gebe es bei Lichte gesehen gar nicht, meint Roloff. «Je mehr Kriterien herangezogen werden, umso differenzierter wird die scheinbar gleichförmige Masse.» Wir Menschen mögen es halt nicht, «wenn wir zu einem uniformen XY, einem uninteressanten Hinz und Kunz» gestempelt werden. Ein Blick in die Nachbarschaft, so Roloff, zeige: «Der Durchschnitt ist weit weg, oft schlägt das Marginale durch».

Das Randständige halt, die gelegentlichen Kurzschlüsse in unserer Existenz.

Walter Hömberg, Eckart Roloff (Hg.): Jahrbuch für Marginalistik III«, LIT Verlag, Münster 2014, 344 S., 12,90 €.

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