Damit Flaschensammler nicht im Müll wühlen

Städte im Südwesten diskutieren, wie die Suche nach Pfand menschenwürdiger gestaltet werden kann

  • Von Valentin Gensch, Ulm
  • Lesedauer: 3 Min.
Befestigungen an Mülleimern können Pfandsammlern das Leben einfacher machen. Viele Kommunen im Südwesten sind offen für Pfandringe oder -kisten. Doch wie sieht es mit der Umsetzung aus?

Sie gehören vielerorts im Südwesten zum Stadtbild: Menschen, die sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen oder -dosen ein paar Euro hinzuverdienen. Manche durchstöbern Mülleimer mit Hilfsmitteln, andere mit der bloßen Hand. In einigen Kommunen des Landes sind Diskussionen entbrannt, wie das Sammeln von Pfandflaschen menschenwürdiger gestaltet werden kann. Eine Lösung könnte die Installation von sogenannten Pfandringen oder Pfandkisten an Mülleimern oder Laternenpfählen sein. Doch nicht überall im Land stoßen solche Vorschläge auf Zustimmung.

Nicht weit vom Ulmer Münster entfernt hat Walter einen Mülleimer im Blick. In der belebten Fußgängerzone sucht er nach Pfandflaschen. »Die paar Euro Hartz IV im Monat reichen mir nicht aus«, sagt der 58-Jährige, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Zu unangenehm ist es ihm, wenn Familie oder Freunde von seinem Zubrot erfahren. Daher wechselt er dafür auch die Stadt: »Ich kenne hier niemanden in Ulm. Da ist es mir nicht so peinlich, in den Eimern zu wühlen«, sagt Walter. Mit einer Hand greift er in den Mülleimer und findet eine Bierflasche. Acht Cent bekommt er dafür im Supermarkt.

Die SPD-Fraktion im Ulmer Gemeinderat will Menschen wie Walter helfen. Sie hält das Durchwühlen von Müll für entwürdigend und verletzungsträchtig, etwa wegen Scherben. Bereits im Sommer hat sie Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) in einem Brief aufgefordert, Pfandkisten zu installieren. Beispielsweise in Form von Getränkekisten, in die Menschen ihre leeren Pfandflaschen hineinstellen können, statt sie in den Müll zu werfen. Doch die Stadt steht dem Vorschlag skeptisch gegenüber. In einem Schreiben stellt Gönner die Frage, inwiefern die Sammelbehälter etwa »nicht-bedürftige Flaschensammler« auf den Plan rufen. Zudem könnten die Behälter zweckentfremdet und die Umgebung vermüllt werden.

Etwas offener für Pfandsammler ist Karlsruhe. Auf dem zentralen Friedrichsplatz hat die Stadt im Sommer zwei Pfandringe installiert. Die gelben Metallvorrichtungen umspannen Mülleimer und haben Platz für ein gutes Dutzend Flaschen oder Dosen. Seit Juni testet die Stadt, ob sich die Ringe bewähren. »Für ein Resümee ist es noch zu früh«, erklärt Helga Riedel, Sprecherin der Fächerstadt.

Gekauft hat die Karlsruher Stadtverwaltung die Ringe beim Kölner Designer Paul Ketz. Rund 300 Euro pro Stück haben die Ringe die Stadt laut Sprecherin Riedel gekostet. Den Preis rechtfertigt Ketz mit Individualität eines jeden Pfandrings. Weil jeder Mülleimer eine andere Form hat, müssten die Ringe maßgefertigt werden.

Während Karlsruhe die Pfandringe seit Monaten testet, halten sich andere Städte in Baden-Württemberg noch zurück. In Mannheim etwa wurde im Gemeinderatsausschuss das Thema Pfandringe diskutiert. Trotzdem will die Stadt zunächst Erfahrungen aus anderen Kommunen abwarten. In Pforzheim hält man Erleichterungen für Pfandsammler für eine »interessante Idee«, wie es eine Sprecherin formuliert. Doch auch dort will man Erfahrungen abwarten.

In der Landeshauptstadt haben sich die Abfallwirtschaft Stuttgart und ein Start-up-Unternehmen zusammengetan, um Pfandringe im gesamten Innenstadtgebiet zu installieren. Neun blau-weiße Ringe werden Anfang Dezember aufgebaut. Nach einer Testphase von vier bis sechs Wochen wollen die Verantwortlichen entscheiden, wie es in Stuttgart weitergeht.

Walter aus Ulm würde sich freuen, wenn er für ein paar Cent nicht im Müll wühlen muss. »Dann stinkt der Arm nicht so sehr«, meint er. Sorge, dass weniger Bedürftige als er sich an den abgestellten Flaschen bedienen, hat er nicht. Schließlich würden schon jetzt manche rücksichtsvolle Ulmer ihre Flaschen neben oder auf die Mülleimer stellen. dpa/nd

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