Beständig

PERSONALIE

Wenn man etwas über den neuen Mann an der Spitze des Zentralrats der Juden erfahren will, sollte man seine Patienten fragen. Der Nachfolger von Dieter Graumann ist Internist mit eigener Praxis in Würzburg und seine Patienten sind voll des Lobes: Seriös, kompetent und aufmerksam sei Dr. Schuster, ist in Onlineportalen zu lesen. Unangenehmste Magenspiegelungen werden bei ihm erträglich, »voreilige Diagnosen wird man bei ihm nicht hören«, sogar persönlich rufe er an, um Befunde mitzuteilen. Eigenschaften, die nicht nur für einen Arzt, sondern auch für den wichtigsten Vertreter der Juden in Deutschland nützlich sind.

Gedrängt hat es Schuster in dieses Amt trotzdem nicht. Seit 15 Jahren ist er im Zentralrat, vier Jahre lang Vize des Präsidenten. Erst als sich Graumann nicht zum Weitermachen bewegen ließ, entschloss er sich für eine Kandidatur. Notgedrungen, weil niemand sonst nach vorne drängte. Schuster wäre lieber in der zweiten Reihe geblieben, das entspricht seinem Charakter, der auch in politischen Zusammenhängen als ausgewogen und bedächtig beschrieben wird, eher.

Wie sein Vorgänger hat der 60-Jährige die Shoa nicht mehr selbst erlebt. Wie jenem ist ihm der Blick in die Zukunft wichtig. Das deutsche Judentum soll sich nicht allein über die widerfahrene Auslöschung definieren, sagte er in einem Interview. Er wolle die »fröhlichen, lebensbejahenden Aspekte jüdischer Kultur« betonen. Fortführen will er auch Graumanns Ansatz, Offenheit und Pluralismus des Judentums zu stärken.

Josef Schuster wurde 1954 in Israel geboren, dem Vater und Großvater war nach Enteignung und Haft in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald die Flucht vor den Nazis geglückt. Die Eltern der Mutter wurden in Auschwitz vergast. Als der Sohn zwei war, zog die Familie zurück nach Franken, wo sie 400 Jahre lang ihre Wurzeln hatte, bevor die Nazis sie vernichten wollten. Schuster hat diese Fäden wieder aufgenommen und ist in Würzburg sesshaft geworden, hat geheiratet, zwei Kinder bekommen. Seine Arztpraxis will er auch künftig weiterführen.

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