Werbung

»Tempi passati! Was geht mich das an«

»Zielgerade« - das letzte Buch von Joachim Fuchsberger

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Fluch des Alters besteht darin, dass jeder Gedanke zur Flucht drängt. Das ist aber auch von Vorteil. Im Alter beschäftigt man sich weniger mit der Zukunft, sondern mehr mit der Vergangenheit - vor allem mit der eigenen. Der Gedanke, selbst wenn er nur ein flüchtiger in dem Sinne ist, dass er lediglich für einen Augenblick in den Sinn kommt, um zugleich wieder dem Vergessen zu entschwinden, drängt nicht nur nach Veräußerung, er manifestiert sich in ungeschminkter Wahrheit.

Als Joachim Fuchsberger sein Buch »Zielgerade« zu schreiben begann, war er eben an jener Schwelle dieser ganz besonderen Lebenswahrnehmung angelangt. Man müsse nicht mehr besonders optimistisch in die Zukunft blicken, weil diese eh ohne einen stattfinden werde, schreibt er. Ein glücklicher Zustand, denn man neidet niemandem mehr den Erfolg. Dieser Zustand ist aber auch eine Qual, denn man weiß, dass die Jüngeren noch die Kraft haben, um sich dem Kampf um eben jenen Erfolg zu stellen, der das Glücksgefühl des Lebens doch ausmacht. Wo kein Kampf ist, ist auch kein Leben.

Da ist aber auch die Angst im Alter, dass der nahende Tod einen trifft, ohne dass eben jene Zukunft, die nicht mehr die eigene ist, nicht geordnet ist. Was ist mit den geliebten Menschen, mit denen man durchs Leben schritt? Die Kinder, ja, diese dürften in der Regel versorgt sein, ihre eigenen Gegenwart und Zukunft haben. Aber der Partner? »Das ist unsere Schwachstelle«, schreibt Fuchsberger, »die Angst: Wer verlässt wen zuerst?« Und die Gewissheit, dass »seine Gundel« (Fuchsbergers Frau) ohne ihn gut zurecht kommen würde (das ist übrigens eine Gewissheit, die er mit den meisten Männern seines Alters und seiner Generation teilt), dass der umgekehrte Fall aber nicht gilt. »Aber ich glaube, ich würde es nicht lange ohne sie aushalten, würde alles tun, um ihr so schnell wie möglich zu folgen.«

Gottesgläubige Menschen haben es in diesen Fällen leicht, ihr Glaube an eine jenseitige Existenz ist in der Regel Trost für diesen letzten Weg. Fuchsberger aber war seit mehr als 70 Jahren Agnostiker, seit der Zeit, als er aufgrund der Kriegsereignisse, die er als Soldat erleben musste, aus der Kirche austrat. Das »ewige Leben«, wie es die christliche Theologie verspricht, war für ihn also lediglich eine unter vielen möglichen Jenseitswelten. Die Qual, die die Aussicht auf das ewige Nichts, den traumlosen Schlaf der Nichtexistenz hervorruft, ist die Rechnung, die der Aufgeklärte für sein selbstbewusstes Leben zu begleichen hat.

Wo ist da der Trost, dass das Leben mehr ist als die Summe von Lebensjahren? Manche finden ihn auf den Friedhöfen. Nirgendwo fühlt man sich dem Leben der Menschen näher als dort. Wobei diese Aussage angesichts der immer häufiger anzutreffenden Anonymität der Gräber (»Hier ruht Familie Müller«) der Einschränkung bedarf. Wo sind die Regierungsamtmänner a.D., die Assessoren, Postsekretäre zweiten und dritten Grades geblieben? Irgendwann (und bei manchen Urnengräbern ist das schon der Fall) werden nur noch Nummern auf den in der Erde eingelassenen Grabpflastersteinen vermerkt sein, die als Zugangscode für die Gedenkseite im Internet funktionieren. Vermutlich wird die dann von der Firma »Second Life« betreut werden.

»Tempi passati! Was geht mich das an«, würde Fuchsberger solcherart Grübelei quittieren. Gegen Ende seines Lebens spricht aus dem 87-jährigen Joachim Fuchsberger, Schauspieler, Quizmaster, Samstagsabendfernsehunterhalter und Talkmaster, der Misanthrop. Er fühlt das Ende und fürchtet die Eskalierwand, die sich vor ihm übermannshoch aufbaut. Die Kultur der westlichen Welt, so orakelt er, scheine »sich in ihrem Endstadium zu suhlen«. »Kann es sein, dass unsere Gesellschaft, ja, das ganze System die Zielgerade entlangkeucht?«

Kann sein, aber es ist eine Zielgerade mit mindestens 500 Jahren Anlauf. Schon der große Apokalyptiker Martin Luther soll gesagt haben, dass er angesichts des nahenden Weltenendes noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde. Joachim Fuchsberger hat ein Buch geschrieben. Am 11. September dieses Jahres ist er verstorben. Einen Grabstein hat er, einen mit Namen, Geburts- und Sterbedatum.

Joachim Fuchsberger: Zielgerade, Gütersloher Verlagshaus, 222 S., 19,99 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!