Linke Medien in der Krise

Frankreich

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Krise auf dem französischen Zeitungsmarkt trifft ganz besonders die »Meinungsblätter« und hier vor allem die kommunistischen Tageszeitungen, weil die fast ganz ohne Werbung auskommen müssen. Die »Marseillaise«, die in der Hafenstadt erscheinende kommunistische Regionalzeitung, musste Ende November vor dem Handelsgericht Zahlungsunfähigkeit anmelden. Zusammen mit einem vom Gericht bestellten Treuhänder soll nun versucht werden, die finanzielle Situation entscheidend zu verbessern - oder aber einen Käufer zu finden. Beide Lösungen können sich die insgesamt 213 Journalisten und technischen oder administrativen Mitarbeiter des 1943 in der Illegalität von Résistance-Kämpfern gegründeten Blattes kaum vorstellen.

Dabei war die Bilanz 2013 noch fast ausgeglichen, doch im laufenden Jahr haben sich rund 1,5 Millionen Euro an Schulden angehäuft, weil nicht nur die Werbeanzeigen weiter zurückgegangen sind, sondern aufgrund der allgemeinen Sparzwänge auch die Zahl der offiziellen Bekanntmachungen von Kommunen oder Behörden. Das ist sicher nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Kommunistische Partei bei den jüngsten Kommunalwahlen im März in den sechs südfranzösischen Departements, in denen das Blatt vertrieben wird, zahlreiche bisher von ihr geführte Städte und Gemeinden verloren hat. »Wir haben eigentlich immer mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, aber jetzt ist die Lage extrem kritisch«, erklärt Jean-Louis Bousquet, der Direktor der Zeitung. Man appelliere an Leser und Sympathisanten des Blattes, mit Spenden dazu beizutragen, dass diese »Stimme der fortschrittlichen Ideale und der sozialen Veränderungen nicht verstummt«.

Die CGT-Journalistengewerkschaft wirft der Verlagsleitung vor, »in Panik gehandelt« zu haben und kritisiert, dass die Belegschaft weder konsultiert noch über die finanzielle Lage informiert wurde. Auch die Vertriebszahlen hält der Direktor unter Verschluss und erklärt nur, man verkaufe sechs bis sieben Mal weniger Exemplare als die bürgerlichen Konkurrenzblätter »La Provence« und »Le Midi Libre«, deren tägliche verkaufte Auflage bei jeweils 115 000 bis 118 000 Exemplaren liegt.

Nur wenige Tage nach der Hiobsbotschaft aus Marseille musste auch Patrick Le Hyaric, der Direktor der in Paris erscheinenden kommunistischen Zeitung »L’Humanité«, in einem Appell um Spenden bitten. Seit er 2000 an die Spitze der Zeitung getreten ist, war das schon das vierte Mal. Seinerzeit fand er 14 Millionen Euro Schulden vor, die nur dadurch weitgehend getilgt werden konnten, dass die Zeitung ihr von dem brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer in Saint Denis bei Paris gebautes Haus verkauft und ihr Kapital für Anteile von Lesern und Sympathisanten geöffnet hat. Im vergangen Jahr wurde auf Mehrheitsbeschluss des Parlaments eine auf vier Millionen Euro aufgelaufene Schuld gegenüber den Steuer- und Sozialbehörden gestrichen. Die »L’Humanité« gehört zu den Zeitungen, die aufgrund ihrer geringen Werbeeinnahmen und im Interesse der Meinungsvielfalt eine staatliche Beihilfe bekommt. Sie liegt gegenwärtig bei rund drei Millionen Euro pro Jahr. Doch bei einer Auflage, die auf 43 000 Exemplare gefallen ist, reicht das längst nicht aus, das Defizit auszugleichen.

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