Lernen stoppt das Altern

Medizinische Möglichkeiten und eigener Lebensstil machen Menschen immer länger leistungsfähig

Die Wahrscheinlichkeit, ein hohes Alter zu erreichen, steigt stetig. Lag die Lebenserwartung eines Menschen 1860 noch bei 40 Jahren, wird sie sich im Jahre 2050 mehr als verdoppelt haben.

Mit Schwung reißt der 76-jährige Uwe Dieckhoff die Tür seiner Steglitzer Altbauwohnung auf. Er empfängt gern Gäste, obwohl er wenig Zeit hat. Nach einem schweren Unfall mit einem Segelflugzeug ging er bereits mit 60 Jahren in Pension, hat sich aber tatsächlich bis heute nicht zur Ruhe gesetzt. Eine gewisse Rastlosigkeit zeichnet ihn aus. Nachdem seine Arbeit als Familienbeauftragter des Berliner Senats beendet war, interessierte er sich für die Filmerei. »Ich denke nicht an Müßiggang und Rosenzüchten. Ich will für Geld bis 84 arbeiten und auch für andere Arbeitsplätze schaffen«, so seine Worte. Der Autor, Regisseur und Produzent engagiert Kamerateams und Cutter, denn Filmarbeit ist Teamarbeit. Seine Themen sind so vielfältig wie das Leben. Mal interessiert er sich für Geschichte, Kunst und Architektur und es entstehen Filme über Sanssouci oder den Magdeburger Dom. Dann wieder versucht er das Thema »Mauerfall« filmisch zu bewältigen oder in fremde Kulturen einzudringen. Mit »Talitha Kumi« hat er einen Beitrag über eine renommierte Schule im palästinensischen Autonomiegebiet hergestellt. »Ich ziehe immer eine Weile dorthin, wo ich dann meinen Film drehen werde, um mich mit den Umständen vertraut zu machen«, sagt er. Momentan ist er auf dem Sprung ins Brandenburgische. Dort will er einen Film über einen Künstler machen, der Kirchen mit moderner Malerei verändert. Dieckhoff sucht sich gerade ein Hotel vor Ort.

Eine Befragung des Allensbacher Instituts für Demoskopie mit rund 4000 Menschen zwischen 65 und 85 Jahren ergab, dass sich Ältere heute viel mehr bewegen als früher und dadurch fitter sind. Zudem trägt körperliche Aktivität zur strukturellen Veränderung des Gehirns bei. Die Gehirndurchblutung wird verbessert und neurotrope Wachstumsfaktoren steigen an, die wiederum die Neubildung von Nervenzellen und deren Vernetzung begünstigen.

Die 72-jährige Renate Hoffmann, eine zarte Frau mit glatten Gesichtszügen, hat sich spontan zu einem Interview bereiterklärt. Viele Jahre arbeitete sie als Lehrerin für Französisch an Volkshochschulen, später als Übersetzerin und Lektorin. Immer war sie freiberuflich. Ihren Sohn zog sie allein groß. Viel Geld blieb ihr nie, aber der Optimismus, alles zu schaffen. Ein jahrelanges Migräne-Leiden nahm sie ergeben hin, bis ihr vor ca. 15 Jahren mit den Mitteln der Homöopathie geholfen wurde. Diesen Wink des Schicksals nahm sie zum Anlass, parallel zu ihrer Arbeit eine Ausbildung als Heilpraktikerin zu beginnen sowie ein vierjähriges Studium der Homöopathie zu absolvieren. Dieses neue Tätigkeitsfeld erfüllt sie mit großer Freude, obwohl sie manchmal mit sich selbst unzufrieden ist. Die langen Gespräche mit ihren Patienten in ihrer winzigen Wilmersdorfer Praxis verlangen geduldiges Zuhören und manchmal auch Schweigen, denn »nach Pausen kommen oft Sachen aus dem Innersten des Patienten«. Der Wunsch, ihren Mitmenschen zu helfen, treibt sie an, hält sie wach und interessiert. Immer wieder liest sie Fachliteratur oder berät sich mit Kollegen.

Menschen werden immer leistungsfähiger, haben Forscher am Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn herausgefunden. Der Zeitraum, in welchem sie arbeiten können, vergrößert sich entsprechend der medizinischen Möglichkeiten. Studenten der Jacobs Universität Bremen haben innerhalb eines Jahres die geistige und körperliche Fitness von älteren und jungen Probanden verglichen und dabei festgestellt, dass das kalendarische Alter wenige Informationen bietet, erst die persönliche Fitness macht Menschen älter oder jünger, wobei altersbedingte Leistungseinbußen durch Training wettgemacht werden können. Im kognitiven Bereich wird deutlich, dass die Geschwindigkeit im Alter abnimmt und plötzliche Umstellungen schwerer fallen. Doch der Leistungsverlust lässt sich durch Lernprozesse nahezu aufholen. So können 70-Jährige wieder das durchschnittliche Niveau eines 50-Jährigen erreichen.

Wie hat der 73-jährige Lothar Appler, bekannter Radprofi der DDR und ein immer noch gut aussehender, schlanker Mann, seine Fitness bewahrt? Zunächst findet er, dass es darüber nichts Besonderes zu berichten gibt. Er kniet auf dem Fußboden und baut ein Regal für den neuen Kosmetiksalon seiner Frau zusammen. Am liebsten würde er auch die Auskünfte über sich selbst seiner Frau überlassen, denn solches Interesse an seiner Person ist ihm nicht geheuer. Das gab es höchstens im Zusammenhang mit seinen sportlichen Erfolgen, und da konnte er einfach in die Pedale treten und sich beweisen, statt zu reden. Appler gewann 1961,1962, 1963 und 1966 die DDR-Meisterschaft im Mannschaftsfahren. 1962 wurde er bei der Ägypten-Rundfahrt nach acht Etappensiegen Tourgewinner. Aber auch bei der bekannten Friedensfahrt, die in den 60er Jahren durch die DDR, Polen und die CSSR führte, gewann er einen Etappensieg. Später wurde er mehrmals Straßen-Weltmeister der Senioren.

Handwerklich unglaublich begabt, hat er bis vor einem Jahr als Hausmeister eines großen Klinikums gearbeitet, denn von seiner Rente kann Lothar Appler nicht leben. Vor einigen Jahren baute er in der Nähe Berlins ein altes Haus um. Dort fühlt er sich wohl. Er fährt noch täglich stundenlang mit dem Fahrrad allein übers Land. Bewegung an der frischen Luft würde er jedem Menschen empfehlen. Der sportliche Rentner raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, isst aber viel Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten. Und er schwärmt von den kulinarischen Künsten seiner Frau. »Ich esse gern ihren selbstgebackenen Kuchen«, sagt er und betont: »Aber nie zu viel!«.

Der Einfluss unserer Essgewohnheiten auf Fitness und Lebenserwartung ist sehr groß, sagen Ernährungswissenschaftler. »Ob wir mit 80 oder 50 sterben, ist ernährungsabhängig«, so der Ernährungsmediziner Michael Ristow von der Universität Jena. Eine ausgewogene Ernährung senkt das Risiko zahlreicher Krankheiten und kann das Leben verlängern, bestätigt eine seit Jahren laufende Studie mit 520 000 Europäern. »Demnach sollen Obst, Gemüse und Fisch, aber wenig Fleisch die wesentlichen Bestandteile der Ernährung bilden. Der Vitaminbedarf lässt sich nicht durch Tabletten ausgleichen, da diese nicht die Vielzahl an Einzelsubstanzen ersetzen können, die zum Beispiel in einem Apfel stecken.«

Auch der Filmemacher Uwe Dieckhoff resümiert, dass er immer einen Rest auf dem Teller lässt. »Ich trinke täglich ein Glas Rotwein. Und ich habe mich vor drei Jahren noch einmal Hals über Kopf verliebt«, fügt er hinzu. Von diesem Phänomen ist auch die Heilpraktikerin Renate Hoffmann noch einmal überrascht worden. Sie hat ihre Jugendliebe wiedergetroffen. Das Glück strahlt aus ihren Augen. Gefühle kennen keine Altersgrenze, kann man darin lesen, sie tun jedem gut. Oft werden über 70-Jährige wie sie auf Grund ihres Auftretens, ihrer Ausstrahlung und ihres Aussehens jünger geschätzt als sie sind. Gerontologen haben herausgefunden, dass Lebensalter stark vom eigenen Lebensstil abhängt. Die Gene haben nur etwa 20 bis 30 Prozent Einfluss auf das Alter.

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