Die tödlichste Fluchtroute der Welt

Mindestens 3400 Menschen ertranken 2014 auf dem Weg über das Mittelmeer nach Europa

Laut UN starben in diesem Jahr so viele Flüchtlinge auf dem Mittelmeer wie noch nie zuvor. Ein Kurswechsel in der europäischen Flüchtlingspolitik ist dennoch nicht in Sicht.

Krieg, Hunger und Gewalt lassen immer mehr Menschen ihre Heimatländer verlassen, um über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. 207 000 Menschen waren es laut Vereinten Nationen im Jahr 2014, fast dreimal so viele wie im bisherigen Rekordjahr 2011. In der Hoffnung auf ein besseres Leben machen sich derzeit besonders viele Syrer und Eritreer auf den Weg, doch noch vor ihrer Ankunft werden viele von ihnen erneut traumatisiert: Sie müssen sich von Schleppern drangsalieren lassen, sie müssen mit ansehen, wie andere Schutzsuchende verdursten oder ertrinken, sie müssen um ihr Überleben kämpfen.

Die Zahl der Opfer solcher Bootsunglücke war vermutlich noch nie so hoch wie in diesem Jahr. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) zählte bislang 3419 Tote. Damit sei das Mittelmeer zur »tödlichsten Flüchtlingsroute der Welt« geworden.

UN-Flüchtlingshochkommissar António Guterres ist alarmiert und forderte die Regierungen der EU-Länder zu einem Kurwechsel auf. »Einigen Regierungen ist der Schutz ihrer Grenzen zunehmend wichtiger als Asyl zu gewähren«, sagte Guterres in Genf. Die nationale Politik dürfe nicht dazu führen, dass Menschenleben zu »Kollateralschäden« würden.

Das UNHCR veröffentlichte die Zahlen am Internationalen Tag der Menschenrechte und vor Beratungen mit Regierungsvertretern und Nichtregierungsorganisationen, bei denen über besseren Schutz von Flüchtlingen gesprochen werden sollte. »Wer flüchtet, um sein Leben zu retten, lässt sich nicht durch Abschreckung stoppen«, wandte sich Guterres gegen Äußerungen, wonach Flüchtlinge aus dem Meer zu bergen lediglich bedeute, mehr Anreize zur Einwanderung zu schaffen.

Die Europaabgeordnete Cornelia Ernst (LINKE) sieht in den neuen Zahlen den Beweis dafür, dass die Beendigung des italienischen Seenotrettungsprogramms Mare Nostrum »ein großer Fehler« war. Italiens Marine rettete innerhalb eines Jahres 150 000 Menschen im Mittelmeer. Das Programm wurde durch die schlechter ausgestattete und von der EU-Grenzschutzagentur koordinierte Mission Triton abgelöst. Neben einem umfangreichen europäischen Rettungsprogramm fordert Ernst, dass »nicht mehr über das Ob, sondern das Wie der Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen in Europa« debattiert wird. »Wirtschaftskräftige Länder wie Frankreich und Österreich müssen sich ebenso beteiligen wie Deutschland und Schweden es bereits tun.«

Die EU-Regierungen wollen jedoch offenbar die Abschottungspolitik fortsetzen. Die Innenminister stießen erst am Freitag mit einem Vorschlag auf Kritik, Flüchtlingslager in Drittländern einzurichten. Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl bezeichnete diese Idee als »unrealistisch«.

Auch weltweit sind laut UNHCR in diesem Jahr mehr Menschen per Boot geflohen als je zuvor. Insgesamt seien dabei 4270 Menschen ums Leben gekommen. Seite 3

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung