Vom Humanisten zum Islamhasser

Ein Nachruf auf das letzte Lebenskapitel Ralph Giordanos

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Medien feiern den am Mittwoch verstorbenen Publizisten Ralph Giordano als großen Humanisten. Zu Recht – wenn man die letzten zehn Jahre seines Lebens ausklammert: Ein Nachruf auf einen Moralisten, dessen Islamhass ihn zu dem machte, was er sein Leben lang bekämpfte.

Am Montag starb der Schriftsteller und Publizist Ralph Giordano. Medien würdigen den Holocaust-Überlebenden für seinen Kampf gegen Rechts. Als einen auch im hohen Alter stets hellwachen Kritiker totalitärer Regime. Als großen Humanisten. Dagegen ist nichts einzuwenden, wäre Giordano vor zehn Jahren gestorben. Denn neben seiner Kritik an (fehlender) deutscher Vergangenheitsbewältigung und seinem öffentlichen Kampf gegen Rechtsextremismus, bleibt Giordano auch als nicht immer unfreiwillige Galionsfigur einer rechten Islamhasserbewegung in Erinnerung.

Giordanos moralischer Niedergang begann mit seiner Autobiographie

Der Niedergang des Mannes, der vielen in der Nachkriegsrepublik als moralische Instanz galt, begann spätestens mit der Veröffentlichung seiner Autobiographie »Erinnerung eines Davongekommenen«. Im 2007 erschienenen und durch alle Feuilletons hochgelobten 500-Seiten-Werk gab sich der Überlebende des recht gottlosen Nationalsozialismus als Kritiker der Religion, die er als »Menschheitsneurose« geißelte. Während Juden- und Christentum dabei noch recht gut wegkamen, galt ihm der Islam als »Todfeind«. Muslime, so schrieb Giordano, seien schlicht nicht integrierbar:

»Wenn etwas über 25 Jahre besprochen wird, ohne dass sich wirklich etwas geändert hat, dann stehen die Aussichten für eine Lösung schlecht – ich spreche von der Integration der muslimischen Minderheit in die deutsche Mehrheitsgesellschaft. … Ermutigend sind die Aussichten dafür allerdings nicht. Wofür keineswegs nur die ‚bösen Deutschen‘ verantwortlich sind.«

Im Folgenden fehlte allerdings jede Spur tatsächlicher Religionskritik. Stattdessen stellte er Muslime in Folge des 11. Septembers 2001 unter Generalverdacht und forderte diese auf, ihre Bereitschaft zur Integration »unmissverständlich zu bekunden und zwar so oft der Terror es erforderlich macht...«

Unmissverständlich ist auch die Bedingung des einstigen Kämpfers für Minderheitenrechte, unter der er Muslime in Deutschland die gesellschaftliche Teilhabe erlauben wollte: »Aber ich will keinen Muezzinruf von einem Minarett... Ich beharre auf einer Lebensform, die die meine ist und die in vielerlei Hinsicht mit der muslimischen nicht übereinstimmt.«

Eine Kölner Moschee galt ihm als Kriegserklärung

Nun könnte man angesichts Giordanos Lebenswerk und seines fortgeschrittenen Alters über ein paar wenige verwirrte Seiten in seiner Biographie hinwegsehen - wenn er es denn dabei belassen hätte. Doch es blieb nicht beim Theoretischen. Als im Jahr 2007 im Kölner Stadtteil Ehrenfeld Anwohner und Rechtsradikale gegen den Bau einer Moschee protestierten, stand an ihrer Seite: Ralph Giordano.

Gemeinsam mit der rechtspopulistischen Bewegung Pro Köln (die er selbst als »lokale Variante des zeitgenössischen Nationalsozialismus« bezeichnete) forderte Giordano: »Stoppt den Bau dieser Moschee« und bezeichnete die Integration von Muslimen als »generell gescheitert«. Wenige Woche später setzte er im Gespräch mit »Deutschland Radio Kultur« noch einen drauf und sprach von einer »Kriegserklärung, es ist eine Landnahme auf fremden Territorium.«

2008 forderte er die Ausweisung des Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime

Während sich der Bau der Moschee auch dank seines Engagement um Jahr und Jahr verschob, arbeitete Giordano beständig weiter an der eigenen moralischen Selbstdemontage: Einmal unterstützte er die von Udo Ulfkotte gegründete rechtspopulistische »Bürgerbewegung Pax Europa«, ein andermal forderte er die Ausweisung des in Aachen geborenen Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek.

Zur Galionsfigur der islamophoben Bewegung in Deutschland stieg er spätestens mit seinem Auftritt bei der »Kritischen Islamkonferenz« im Mai 2008 auf. Einmal mehr beklagte er dort das »Erpresserpotenzial« des Islam, »der seine Tentakel bis in die Mitte Europas ausgeworfen« habe und warnte vor dem - nach Nationalsozialismus und Stalinismus - »dritten Totalitarismus«:

»Ich werde mir auch weiterhin von der Seele schreiben und reden, was dabei ist, mich auf meine alten Tage das Fürchten zu lehren: der politische, der militante Islam, seine rührigen Aktivisten unter uns, die professionellen Taqiyya-Rhetoriker und –praktiker – und, noch einmal, die deutschen Umarmer, xenophilen Einäugigen, Multikulti-Illusionisten, Sozialromantiker und Beschwichtigungssouffleure.«

In einer Reihe mit Henryk Broder und Thilo Sarrazin

Noch bis zu seinem Tod ließ er sich das Wüten gegen den Islam (oder das, was er darunter verstand) nicht nehmen: In einem Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt stellte er sich im Jahr 2011 selbst einmal in die von ihm als »Ehrengalerie« bezeichnete Reihe von »Islamkritikern« wie Necla Kelek, Alice Schwarzer, Henryk Broder, Ayaan Hirsi Ali und Thilo Sarrazin. Im selben Text befand er erneut: »Die Moschee ist das Symptom, der Islam das Problem!«

Ähnlich unerbittlich wie gegen Muslime zog er bis zuletzt nur gegen seine meist linken Kritiker zu Felde: »Meine Kritik am Islam als Rassismus zu denunzieren, ist das niederträchtigste aller niederträchtigen Totschlagargumente einer politischen Korrektheit«, befand er im März 2013 im WDR-Interview. Neben Muslimen seien es die »Multikulti-Illusionisten, Dauerumarmer, Sozialromantiker, Beschwichtigungsapostel und Problemverharmloser«, die Integration in Deutschland verhinderten.

Zeitungen schrieben vom »Ausländerfeind« und »intelektuellem Selbstmord«

Von jenen Kritikern gab es in den Jahren vor Giordanos Tod - im Gegensatz zu den Tagen danach – zum Glück jede Menge: Die Süddeutsche beklagte, dass Giordanos »Wut regelmäßig seinen Verstand besiegt.« Die Zeit schrieb vom »intellektuellen Selbstmord« eines Mannes, »der einmal ein Aufklärer war«. In der FAZ las man vom »Ausländerfeind« Giordano, der von einer »moralischen Autorität« zum »dumpfen von Ressentiments getriebenen Kleinbürger« geworden war. Und die taz bescheinigte Giordano gar einmal »gefährliche Brandreden, die in der Tradition des Anti-Asyl-Diskurses zu Beginn der Neunzigerjahre stehen«, zu halten.

Nicht zuletzt übersteht Giordanos Umgang mit der muslimischen Minderheit in Deutschland aber auch sein eigenes Urteil nicht. Die »ungeteilte Humanitas« - also das Bekenntnis zur Gleichwertigkeit allen Menschseins - ist das Leitmotiv seiner Autobiographie. Was aus ihm geworden war, schreibt Giordano dort selbst: »Ein Antifaschist, der die Humanitas teilt, ist keiner.«

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