Robinsons Traum

Die nie endende Suche nach dem nicht existenten Gral. Von Gunnar Decker

Die Hoffnung ist rund. Sie ist wie eine Insel, die den Schiffbrüchigen rettet und gefangen setzt zugleich. Karl Krolow hat in seinem Gedicht «Robinson» geschrieben: «Immer wieder strecke ich meine Hand / nach einem Schiff aus.» Aber die verschiedenen Fahrzeuge, die sich am Horizont zeigen, ziehen unbeeindruckt von dieser Geste vorbei, ohne ihn zu bemerken.

Das Schicksal der Schiffbrüchigen ist verzweifelt. Krolows Robinson scheint auf einer tatsächlich unbewohnten Insel gelandet, kein Freitag weit und breit - wie noch bei Daniel Defoe, den Lutz Seiler als Motto für seinen Roman «Kruso» zitiert: «Um jedoch auf meinen neuen Gefährten zurückzukommen, so gefiel er mir außerordentlich.» Jener Robinson, von Seiler kurz Ed genannt (ein Germanistikstudent, der sich mit Georg Trakl beschäftigt), hat eine Lebenskrise kurz vor dem Ende der DDR im Sommer 1989 als Saisonkraft in den «Klausner» nach Hiddensee verschlagen. Die Lebenskrise offenbart die Krise der Gesellschaft. Da trifft er dann als Abwäscher seinen Freitag, der doch viel mehr ist: eine Lichtgestalt, ein Hoffnungsträger, der verkörperte Gral namens Kruso. Also ist gar nicht Ed der eigentliche Schiffbrüchige hier, der Robinson, sondern bloß Freitag (einer von vielen) für jenen Krusowitsch, der einen Hiddensee-Guru des «anderen Lebens» vorstellt? Es wird unweigerlich labyrinthisch.

Krolow dagegen behandelt seinen Robinson mit aller klaren Sachlichkeit, die der Situation angemessen erscheint. Wenn man auf seiner Insel keinen Menschen trifft, mit dem man reden kann, dann muss man sich einen erfinden. Nachdem dieser Robinson (ein alter ego des an seinem Schreibtisch wie auf einer Insel ausharrenden Dichters) es aufgegeben hat, sich den Schiffen draußen auf dem Meer bemerkbar machen zu wollen, fügt er sich in das Unvermeidliche: «Jetzt lebe ich nur noch / In der Gesellschaft mit dem Ungehorsam / Einiger Worte.»

Nun ja, die Inseln. Auf ihnen wachsen die Erlösungstheorien wie Unkraut. Oder anders, nicht auf Inseln, da ist man ja mit dem Überleben des harten Alltags beschäftigt, sondern in den utopischen Büchern, in denen man die Gesellschaft der Zukunft plant! Erstaunlicherweise sind diese zumeist inselförmig - von Thomas Morus’ «Utopia», über Campanellas «Sonnenstaat» bis zu Fichtes «Geschlossenem Handelsstaat». Von da ist es dann nicht mehr weit bis zur DDR und als ihrem Gipfelpunkt und romantischer Antithese zugleich: Hiddensee!

Wir sind auf der Suche nach jenem Gral, der bekanntlich in der Legende wohnt. Ein utopisches Prinzip? Immerhin stößt man auch auf Seite 137 von Seilers «Kruso» unvermittelt auf das Kapitel «Der Gral». Denn Kruso hat Ed ein selbstverfasstes Gedicht vorgetragen, das diesem, wenn er ehrlich zu sich wäre, sehr missfallen müsste.

Doch die Ideologie der Gefolgschaft hat bereits von ihm Besitz ergriffen; was er jetzt noch betreibt, ist Selbstüberredung. Bis wohin schließlich sollte denn noch laufen, wer schon bis nach Hiddensee gelaufen ist, der Insel gewordenen Utopie? Er müsste über die Grenze gehen - jene, die seine Welt bislang abschloss, sie zur Insel machte. Aber was liegt dahinter? Das Meer und darin nur wieder andere Inseln?

In jener Zeit, in der Seiler Ed und Kruso als Abwäscher Glanz und Elend der Utopie durchleben lässt, hat Christoph Hein seine Tragikkomödie «Die Ritter der Tafelrunde» am Staatsschauspiel Dresden zur Premiere gebracht. Darin wird die Frage nach dem Gral gestellt, der die um König Artus versammelten Krieger auf sehr verschiedene Weise zur gefährlichen Verzweiflung oder zur Klarsicht treibt.

Hein wie Seiler spielen das Sehnsuchtsszenario vom «anderen Leben» unter den konkreten Verhältnissen der Endzeit-DDR noch einmal durch. «Wo sind die Ritter geblieben? Ich sehe nur einen alten, vergilbten Mann.» Die Ehefrauen der einstigen Helden müssen es wissen. Die Gralshüter sind längst zu Verwaltungsbeamten, wie man sie sich in Kafkas «Schloss» vorstellt, mutiert. Dämonische Zwerge der Macht, die vorgeben, im Bunde mit der Wahrheit zu stehen, einem höheren Auftrag zu folgen. Da ist König Artus, den Hein wie eine Art Märchenkönig ausmalt, einer, der zwischen den Parteien vermittelt, und doch fragt man sich, wenn er das Wahrheitsmonopol je aufgeben wollte, warum hat er es nicht längst getan?Dann sind da noch weitere Ritter der Tafelrunde (die despotische Möglichkeit runder Tische vorführend, auch sie Inseln spezieller Art) wie Orilus, «ein Reptil aus vergangenen Tagen» oder Keie: konspirative Untergrundkämpfer des verheißenen Morgens, zynische Umstürzler von gestern. Parzifal dagegen, durchaus ein Mitschuldiger an den Verbrechen der Ritterklasse, hat sich davon distanziert, mehr noch, er versucht nun auch andere über den Irrtum der Gralssuche aufzuklären und wird von den Verwaltern der ewigen Wahrheiten zum Verräter erklärt. Parzival, der Intellektuelle, sagt Artus, was nicht nur dieser nicht hören will: «Du solltest zuallererst einsehen, daß wir gescheitert sind. Daß die Tafelrunde zerbrochen ist.»

Dann ist da noch Lanzelot, aber der war lange weg, und als auch er von seiner Gralssuche zurückkehrt, schweigt er lange beharrlich - - zu tief ist seine Enttäuschung. Niemand will mehr etwas vom Gral wissen - und daran sind wir schuld! Das findet Artus’ rebellisch-skeptischer Sohn Mordret auch, ein junger Aussteigertyp, der bündig erklärt: «Das Artusreich, der Gral, der Stuhl der Auserwählten, es interessiert mich alles nicht. Ich will nichts mehr davon hören.» Ist das nun ein gesunder Pragmatismus oder schon wieder blinde Ignoranz?

Ernst Bloch hat es uns mit dem Schluss seines «Prinzips Hoffnung» als Denkübung aufgegeben, in dialektisch über Abgründen balancierenden Sätzen: «Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.»

Heimat also als Zustand der Nichtentfremdung aufgefasst - aber dass sie uns immer nur «in die Kindheit scheint», sollte uns skeptisch stimmen, zumal der Philosoph ausdrücklich sagt, Heimat sei etwas, «worin noch niemand war». Genau darum geht es: um Utopie, die «keinen Ort» aber auch nicht das «Nirgendwo» meint, sondern ein Versuchsfeld des «Denkens ins Bessere». Daraus resultiert jener «Optimismus mit Trauerflor», der einen Möglichkeitsraum behauptet, den es jedoch vor dem «Dunkel des gelebten Augenblicks» (Praxis!) wieder zu schützen gilt. Es handelt sich also um ein geistiges Prinzip, nicht um Anleitung zum Handeln!

In der so verstandenen Utopie gibt es keinen Erlöser. Dennoch suchen ihn die Menschen seit Jahrtausenden - und hören nicht auf, zu ihm unterwegs zu sein. Bloch bezog das Bibelwort gern auf sein «Prinzip Hoffnung»: «Wir haben keine bleibende Statt, aber die zukünftige suchen wir.» Wir folgen damit auch jener «blauen Blume» - nur ein anderes Wort für den Gral - in Novalis’ «Heinrich von Ofterdingen»: ein Nicht-Ort gleichermaßen des Traums wie des Albtraums.

Von dieser Art Utopie, die immer auch die Anti-Utopie in sich trägt, zeugt das Schicksal Jürgen Tellers, jenes unglücklichen Bloch-Schülers, der sich seine Hoffnung (die, die er wusste, enttäuscht werden kann) nie nehmen ließ. Er bleibt 1961 in Leipzig zurück, als erst sein Doktorvater Ernst Bloch, dann auch noch zwei Jahre später Hans Mayer in den Westen geht. Weil er nicht «abschwören» will, wird er zur «Bewährung in die Produktion» in die Leipziger Stahl- und Walzwerke geschickt. Dort verliert er bei einem Arbeitsunfall einen Arm. Dennoch (oder gerade deshalb?) bringt er das «Prinzip Hoffnung» auf seinen vitalen Verwandlungspunkt: «Und dieser Punkt von Blochs Geschichtsphilosophie ist der, daß nicht nur die Gegenwart mit der Zukunft schwanger geht (Leibniz), sondern auch die Vergangenheit. »

Das macht Lutz Seilers «Kruso» so wichtig. Ich gestehe, etwa auf Seite 150 hatte ich fast keine Lust mehr weiter zu lesen, ich wollte nicht mehr daran teilhaben, wie Ed diesem Kruso hinterherläuft und sich die Geheimnisse der Freiheit erklären lässt. Aber dann dreht sich die Geschichte, es wird auf großartige Weise unheimlich, geradezu gefährlich. Es ist jener Kruso selbst, von dem die Gefahr ausgeht. Man denkt an Nietzsche, der schrieb: «Folge nicht mir, folge Dir nach!» Dies ist zweifellos das schwerste überhaupt.

Karl Krolow, dieser große Lyriker, hat seinen Robinson dann übrigens nicht umsonst in die harte Schule des Ausharrens auf verlorenem Insel-Posten geschickt, wenn er sein Gedicht wie folgt enden lässt: «Gezählt sind alle Blitze, / Alle Streichhölzer, die übrig blieben. // Bis man es leid ist, / Und den letzten Wimpel / im Meer versenkt.» Jetzt steht dem Beginnen nichts mehr im Wege.«

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