... und immer nur Handschuhe

Das Leben von Gretel Adorno

Bei der Fortbildung unserer Theorie und den anschließenden gemeinsamen Erfahrungen hat uns Gretel Adorno, wie schon bei der ersten Fassung, im schönsten Sinn geholfen«, schreiben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer im April 1969 ins Vorwort zur Neuausgabe der »Dialektik der Aufklärung«. Jenes zentrale Werk der einflussreichsten Philosophen der alten Bundesrepublik, das um die Frage kreist, wie ein kulturell hoch entwickeltes Land wie Deutschland die Barbarei von Nationalsozialismus, Vernichtungskrieg und Shoah hervorbringen konnte, entstand vor 70 Jahren, aus Diskussionen der beiden, die sich im kalifornischen Exil abwechselnd bei dem einen oder dem anderen zu Hause trafen. Adornos Biograf Stefan Müller-Doohm weiß Genaueres über die Entstehung zu berichten: »Die Gesprächsinhalte wurden von Gretel Adorno zumeist wortwörtlich protokolliert und dann in Form maschinenschriftlicher Texte für die weitere Überarbeitung vorgelegt.«

Zum Zeitpunkt der Neuausgabe sind Theodor und Gretel Adorno bereits knapp 20 Jahre zurück in Deutschland, das Institut für Sozialforschung in Frankfurt ist beider Arbeitsplatz, den sie morgens stets gemeinsam aufsuchen und abends gemeinsam wieder verlassen. Gretel ist dort, trotz vermutlich anders lautender Stellenbeschreibung, vorwiegend als Managerin, Vertraute und Assistentin ihres Gatten tätig - einer Rolle, die ihr bei den Kollegen nicht nur Sympathien einbringt, wie Staci Lynn von Boeckmann schreibt. So lästerte Maidon Horkheimer in Briefen an ihren Mann Max bisweilen über »die Teddies« und attestierte Gretel Adorno diktatorische Qualitäten - gegenüber den Institutsmitarbeitern und auch gegenüber Theodor. Ist von dem Ehepaar Adorno die Rede, fallen Begriffe wie »zusammengewachsen«, und das heißt so viel wie: Sie schuf das berufliche und häusliche Umfeld, in dem er kreativ sein konnte. Oder in den Worten von Müller-Doohm: »Wenn er Gäste im Hause hatte, bewies er, nachdem Gretel die Cocktails serviert hatte, sein Talent, die Geladenen glänzend zu unterhalten.«

Als Theodor W. Adorno kurz nach Erscheinen der Neuausgabe der »Dialektik der Aufklärung« im Alter von 65 Jahren plötzlich stirbt, widmet Gretel sich seinem Nachlass, insbesondere der Publikation der Fragment gebliebenen »Ästhetischen Theorie«. »Was sie im jahrzehntelangen Zusammenleben mit Adorno stets getan hatte, tat sie als Witwe: Sie stellte sich in den Dienst des Werks ihres Mannes«, schreibt Müller-Doohm. Nur bedeutete dies lediglich eine Erfüllung auf Zeit. Kaum war das Werk nach einem guten Jahr vollendet, unternahm Gretel Adorno einen Suizidversuch mit Hilfe einer Überdosis Schlaftabletten. Sie überlebte, doch blieb bis zu ihrem Tod, 23 Jahre später, ein Pflegefall.

Die andere Frau

Fotos zeigen die junge Margarete Karplus in den zwanziger Jahren mit einer modischen Garconne-Frisur. Die älteste Tochter des Berliner Lederfabrikanten Joseph Albert Karplus dürfte eine von sehr wenigen Frauen gewesen sein, die in der Weimarer Republik Chemie studierten und promovierten. Die Wahl des Studienfachs war vermutlich auf die elterliche Firma abgestimmt, deren Mitinhaberin sie 1930 wird. Später steigt sie bei einem anderen Unternehmen ein und führt dieses nach dem Tod des Geschäftspartners allein. Die kluge und attraktive Frau zählt viele Berliner Intellektuelle zu ihren Freunden - darunter etwa Bertolt Brecht, Kurt Weill, Siegfried Kracauer und Ernst Bloch. Mit Gretel Adorno hat Margarete Karplus auf den ersten Blick nicht viel gemein. Auf den zweiten Blick aber doch eine ganze Menge: Es handelt sich um dieselbe Person.

Margarete Karplus und Theodor Wiesengrund Adorno lernen sich über Geschäftsbeziehungen kennen. Der Frankfurter Weingroßhändler Oscar Wiesengrund pflegte so gute Kontakte zur Geschäftspartnerin von Karplus' Vater, dass sich die Frankfurter und die Berliner Familie gegenseitig besuchten. »Ihrer eigenen Bekundung nach«, schreibt Müller-Doohm, sei Karplus bereits nach der ersten Begegnung »von dem Temperament und der Intelligenz des jungen Mannes fasziniert« gewesen und habe ihn für sich auserkoren. Aus dem Liebesverhältnis »entstand eine geradezu symbiotische Dauerbeziehung, formell alsbald durch die Verlobung besiegelt«.

Das Wort »symbiotisch« ist an dieser Stelle allerdings wohl dem Rückblick aus späterer Zeit geschuldet. Denn tatsächlich vergehen 14 Jahre, bis Karplus und Adorno heiraten. Bis dahin führen die Lederfabrikantin und der Philosoph größtenteils eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Frankfurt am Main bzw. London oder Oxford, in der sie zumindest finanziell voneinander vollständig unabhängig sind. Gänzlich eigenständig sind ebenso die Kontakte, die Margarete Karplus pflegt, so etwa die langjährige und durch einen erhaltenen Briefwechsel dokumentierte intensive Freundschaft mit Walter Benjamin. Wie sich das gesellschaftliche Leben von Karplus und Adorno in den frühen Jahren ihrer Beziehung abgespielt hat, lässt die später an Walter Benjamin gerichtete Beschreibung Gretel Adornos eines für sie rundherum gelungenen Abends in der Exilgemeinde in New York erahnen: »Zuerst eine kleine Abendgesellschaft bei Max und dann zogen wir noch alle in einen netten kleinen night-club, wo die (Entertainerin Lotte) Lenja auftrat. Ja, es ist alles hier eigentlich noch konzentrierter als in Berlin, man fühlt sich in die Jahre 25-32 versetzt.«

Auf Karplus dürfte die in der Weimarer Republik aufkommende Bezeichnung »Neue Frau« in besonderer Weise zutreffend gewesen sein. Während viele junge Frauen damals nur für eine kurze Zeit der Berufstätigkeit vor der Heirat gewisse Freiheiten genießen konnten, scheint sich Karplus' Leben, obwohl sie noch bei ihren Eltern wohnte, zu einem großen Teil jenseits des elterlichen Haushalts abgespielt zu haben und weitgehend selbstbestimmt gewesen zu sein. Und das für einige Jahre mehr als bei den gleichaltrigen Frauen der Mittelschicht.

Mit dem Heiraten bis Mitte 30 zu warten, war damals äußerst unüblich. Müller-Doohm bescheinigt Karplus wie Adorno, der konventionellen Ehe »skeptisch gegenüber« gestanden zu haben. »Die Ehe, deren schmähliche Parodie fortlebt in einer Zeit, die dem Menschenrecht der Ehe den Boden entzogen hat, dient heute meist dem Trick der Selbsterhaltung«, heißt es in Adornos »Minima Moralia«. Obwohl Gretel Karplus, als es fast soweit ist, auch schreibt, sie habe sich »seit Jahren nichts sehnlicher« gewünscht, fragt man sich, ob die beiden unter anderen Umständen eine solche Maßnahme der Selbsterhaltung nötig gehabt hätten.

Isoliert in Berlin

Der Nationalsozialismus hatte das Auskommen des Paares gleich ab 1933 erheblich erschwert. Adorno, von den Nationalsozialisten zum »Halbjuden« erklärt, durfte keine Vorlesungen mehr halten und lebte bereits ab 1934 in Großbritannien auf der Suche nach einer gesicherten Existenz. Er spricht später im Hinblick auf die Heirat und eine sich abzeichnende Zukunftsperspektive in den USA davon, er fühle sich »nachgerade verpflichtet«, »Gretel zu heiraten, schon um sie aus dieser Hölle herauszubringen«.

Eine Hölle bedeutete für die umtriebige Frau zunächst das Alleinsein durch die Zerschlagung der linksliberalen Intellektuellenszene: »Die Isolierung … wird von Tag zu Tag unerträglicher, mit keinem Menschen kann ich ein vernünftiges Wort sprechen, im Geschäft sind alle sehr nett, aber doch finster kleinbürgerlich und immer nur Handschuhe. Als Beruf ist ja alles in Ordnung, aber dann das sogenannte Privatleben völlig unerfüllt.« Dies schreibt sie an Benjamin, den sie jahrelang in dessen Exil finanziell unterstützt und nicht zuletzt auch mit kostbarer Lektüre auf Deutsch versorgt. Die Briefe zeugen von den Sorgen und Wirren des Exils, das Benjamin und auch Adorno erleben - das ständige Hin und Her, der Austausch der neuesten Adressen und die ewigen Fragen: Wo kann man publizieren, wo wohnen, wo sich treffen?

Aber auch für Gretel Karplus wird die Situation unter dem NS-Regime immer prekärer. Obwohl schon ihr Elternhaus assimiliert und sie selbst den Universitätsunterlagen zufolge evangelisch ist, wird die Familie schikaniert und diskriminiert. Die Karplus’ bekommen zeitweise als »Ostjuden« ihre Pässe entzogen, »obgleich Papa seit 47 Jahren in der Prinzenallee wohnt und schon sein Vater in Wien Großindustrieller war«, wie Gretel klagt. Während ihre berufliche Verantwortung noch wächst, wird ihr Verdienst schon geringer - bis sie im Frühjahr 1936 keine andere Lösung mehr sieht als den Kraftakt, ihre Angestellten möglichst gut zu versorgen und ihr Unternehmen zu liquidieren.

Was das für Karplus’ Biografie bedeutet, beschreibt Christiane Eifert in ihrem Buch über »Unternehmerinnen im 20. Jahrhundert« in einer kurzen, erhellenden Passage über sie: »Hier bot das Familienunternehmen der Tochter die einzige Gelegenheit, der eigenen Qualifikation gemäß zu arbeiten, auch hier eröffnete das Erbe des Familienunternehmens neue unternehmerische Perspektiven, die allerdings sogleich an der nationalsozialistischen Rassenpolitik zerschellten.« Karplus schreibt Benjamin ins Pariser Exil von der beschlossenen Auflösung ihres Geschäfts und erwägt auch eine neue Tätigkeit in seiner Nähe: »Also wenn Du zufällig etwas hörst: abgeschlossene akademische Ausbildung in Chemie, weitgehende kaufmännische Kenntnisse, 10 Jahre Praxis, Spezialität: Handschuhleder - Lederhandschuhe.« Allerdings wird weder er noch sie je von einer solchen Stelle hören.

Der Bruch

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass sich das Paar ohne die Ungewissheiten des Nationalsozialismus sogar früher für einen gemeinsamen Wohnort und die Heirat entschieden hätte. Und vielleicht dafür, Kinder in die Welt zu setzen. Laut Müller-Doohm war, dies nicht zu tun, eine »bewusst getroffene Entscheidung, die sich aus der Dramatik der zeitgeschichtlichen Ereignisse und den davon bestimmten Zukunftsperspektiven ergab«. Vorstellbar ist jedoch auch, dass die Eheschließung ohne den Druck der politischen Gegebenheiten auch im Jahr 1937 nicht stattgefunden hätte, selbst wenn sich damit für Karplus ein Traum erfüllte. Ebenso wie sie Benjamin ihre Sehnsüchte schildert - »Wenn ich nur eines Tages bestimmt abgeholt würde, sei es nach England, Amerika oder ans Ende der Welt ...« - schreibt sie von ihrer beruflichen Verantwortung, die sie gewiss freiwillig so schnell nicht aufgegeben hätte. Nicht zuletzt dürften ihr beruflicher Erfolg und ihre Selbstständigkeit auch zu ihrer Attraktivität beigetragen haben, wie sich wiederum im Rückblick erahnen lässt, als Gretel kurz vor der Heirat an Benjamin schreibt: »Ich kenne Teddies Bedürfnis nach Glanz, Schönheit und Abwechselung, wo soll ich das alles stets herschaffen, jetzt, da ich längst nicht mehr ganz jung und ohne jedes Einkommen und ohne Besitz bin?«

Schließlich kommt alles beinahe zusammen: das Ende von Gretel Karplus’ beruflicher Karriere, die berufliche Perspektive für Theodor Adorno in den USA, die Heirat und die Übersiedlung. In dieser Situation entpuppte sich die Vorstellung beider von der Ehe als eine, die so konkret wie für die Zeit gewöhnlich war. Kaum ist die Hochzeit geplant, lernt die promovierte Chemikerin und Unternehmerin »alle praktischen Dinge des Alltags«. Selbstverständlich sollte sie für Wohnungseinrichtung und Haushalt zuständig sein. »Das ging später so weit, dass sie für ihren Mann auch die Anzüge bestellte«, weiß Müller-Doohm. Und nicht nur das: Mit der ständigen Verfügbarkeit der Ehefrau ändert Theodor W. Adorno sogar seine Arbeitsweise. Es wird ihm zur Gewohnheit, Gretel seine Texte zu diktieren, um diese, von ihr in eine ansehnliche schriftliche Fassung gebracht, weiter zu bearbeiten. Nicht einmal Briefe sind von der neuen Gepflogenheit ausgenommen. Einen guten Monat nach der Hochzeit liest Max Horkheimer in dem Brief des Freundes: »Dieser Brief ist jedenfalls in einem Punkt ein historisches Dokument: Gretel hat ihn in Stenogramm aufgenommen und auf der Schreibmaschine abgeschrieben.«

Den Wert dieser Arbeit ehrt Adorno in »Minima Moralia«: »Dank aber gebührt dem, der das Diktat aufnimmt, wenn er den Schriftsteller durch Widerspruch, Ironie, Nervosität, Ungeduld und Respekt im rechten Moment aufscheucht.« Die Arbeitsweise führe dazu, dass sich der Autor nicht »in den vermeintlich heiligen Text« verbeiße, sondern diesen in einem quasi dialektischen Prozess weiterentwickle. Denn sie bestärkte ihn wiederum in seiner Arbeit, mäßigte ihn, wenn er in Texten zu arg auf den Putz haute. »Vorsicht TWA« soll sich des Öfteren als Randbemerkung an den Manuskripten gefunden haben.

Staci Lynn von Boeckmann begründet in ihrer Dissertation über Gretel Adorno ausführlich anhand vieler Quellen, dass sie nicht »wie allgemein angenommen wird, nur ein menschliches Aufnahmegerät« gewesen sei, sondern als »eine Art Schiedsrichter« oder »Einspruchsinstanz« fungierte und als Diskussionspartnerin sowie Lektorin am Schaffensprozess ihres Mannes beteiligt war. Nur in welchem Ausmaß genau, wird man nicht herausfinden können, da sich ihre Tätigkeit im Verborgenen abspielte. »Sie lebte nicht in seinem Schatten, sondern sie war vielmehr dieser Schatten: im wahrsten Sinne sein treuester Partner, ein Mitstreiter, der im Verborgenen scheinbar Unmögliches möglich machte«, schreibt Müller-Doohm, und es war wohl die Rundumversorgung Adornos durch seine Frau als Gesprächspartnerin, Sekretärin, Assistentin, Lektorin und Hausfrau, die ihn zu dem Urteil führte: »Nur so vermochte er ein Werk zu schaffen, das zu den bedeutendsten des Jahrhunderts gehört.«

Vergessen darf man bei aller Hingabe Gretel Adornos an ihren Mann und dessen Lebenswerk nicht, dass sie zeitweise auch für Horkheimer tätig war, bereits im Exil Aufträge für das Institut für Sozialforschung erledigte, dies sehr gern tat und sich daraus ihre spätere Anstellung ergab - was für sie eine neue, zweite »Karriere« bedeutete, nachdem die erste enden musste. Sie beriet auch Benjamin so gut sie konnte, tauschte sich mit ihm aus, nahm Anteil an seinen Erfolgen und Misserfolgen. Nach seinem Tod widmete sie sich mit ebenso viel Elan und Loyalität dessen Nachlass. Staci Lynn von Boeckmann kommt zu dem Schluss, dass man ihre Hingabe auch als die an ein philosophisches Projekt verstehen muss, das sie von Anfang an begleitete und das für sie wie für Adorno und Horkheimer »eine aktive Gegnerschaft zu den politischen Umständen der Zeit bedeutete«.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung