Kleiner, teurer, später

Jenas neuer Klinikkomplex sollte längst fertig sein - immerhin wird jetzt zügig gebaut

  • Von Doris Weilandt, Jena
  • Lesedauer: 3 Min.
15 Einzelkliniken umfasst der neue Klinikkomplex in Jena, 2016 sollen sie in Betrieb gehen. Vergleicht man die verschiedenen Bauabschnitte, so wird deutlich: Der Komfort wurde immer mehr zurückgefahren.

Mitten im Jenaer Plattenbaugebiet Lobeda-Ost entsteht eines der größten Krankenhäuser der Bundesrepublik. Zu dem bereits bestehenden Komplex in der thüringischen Stadt mit mehreren Kliniken und Bettenhäusern kommen 15 Kliniken und über 700 Betten dazu, die 2016 in Betrieb gehen sollen. Und weitere Gebäude für das Jenaer Universitätsklinikum Jena (UKJ) sollen nach der Fertigstellung folgen.

Diesem 2. Bauabschnitt war im Jahr 2008 ein Wettbewerb vorangegangen, an dem sich namhafte Architekten beteiligten. Das auf Klinikneubauten spezialisierte Dresdner Büro Wörner Taxler Richter gewann seinerzeit das Verfahren mit dem Entwurf für einen sehr kompakten Gebäudekomplex, der an das bereits vorhandene Ensemble anschließt. Damals allerdings ging die Klinikleitung von einem zeitnahen Baubeginn aus.

Doch es sollte Jahre bis zum ersten Spatenstich dauern. Denn nach der Feinplanung wurde um die Bausumme gerungen, die deutlich höher ausfiel als die ursprünglich veranschlagten 225 Millionen. So musste, um Kosten zu minimieren, Fläche eingespart werden. Von den 83 000 Quadratmetern des Siegerentwurfs blieben knapp 50 000 Quadratmeter übrig. In vielen Kliniken des neuen Hauses wird es somit künftig enger zugehen als in den historischen Häusern in der Innenstadt, in denen sich die Einrichtungen derzeit noch befinden.

Der Freistaat Thüringen unterstützt den Bau mit einer Fördersumme von 223 Millionen Euro. 85 Millionen Euro musste das Universitätsklinikum aufbringen.

Es scheint heute normal, dass sich die Baukosten von größeren Projekten schwindelerregend verändern, sobald die Realisierung beginnt. Doch im Gegensatz zu anderen Großbaustellen gehen die Bauarbeiten, die im Oktober 2013 tatsächlich begonnen haben, nun immerhin zügig voran. So schnell, dass inzwischen der Rohbau komplett steht und der Innenausbau konkrete Konturen annimmt. Die größte Einrichtung wird das Medizinische Zentrum II mit den Kliniken für Innere Medizin, Augenheilkunde, Nuklearmedizin, Herzchirurgie, HNO, Urologie, Radiologie, OP-Sälen, Stammzellentransplantation und Dialyse. Mit nahezu 5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählt das Universitätsklinikum inzwischen zu den größten Arbeitgebern im Freistaat. Eine Gesundheitsfabrik, die zu wirtschaftlichem Handeln gezwungen ist.

Während viele deutsche Krankenhäuser hohe Verluste verbuchen und teilweise sogar insolvenzgefährdet sind, schreibt das UKJ schwarze Zahlen. Die waren nötig, um das Investitionskapital für den Neubau aufzubringen. Und der Dauerkonflikt zwischen Patientenfürsorge und Wirtschaftlichkeit macht auch vor den Türen einer so großen Ausbildungs- und Forschungseinrichtung nicht halt. Neben Einnahmen aus der Gesundheitsversorgung werden Drittmittel von Bund und Stiftungen akquiriert.

Zum Richtfest übergab die José Carreras Leukämie-Stiftung einen Vertrag über eine Million Euro für die neue Station zur Stammzellentransplantation. Auf diesem Gebiet verfügt die Kinder- und Jugendmedizin in Jena über jahrzehntelange Erfahrung. In mehreren Rankings steht die Einrichtung im bundesweiten Vergleich gut da - die letzte Focus-Klinikliste führt das UKJ auf Platz 26 und der Krankenhaus Rating Report 2014 bestätigt eine gesunde Entwicklung.

Die neuen Kliniken im UKJ sind streng gegliedert: Außen liegen die Wartesäle, nach innen die Behandlungsräume für die jährlich fast 200 000 Patienten, die hier ambulant behandelt werden sollen. Darüber befinden sich die stationären Bereiche - Haus für Haus und dicht bei dicht. Was sich im Verlauf der letzten zehn Jahre in der Medizin wirklich verändert hat, wird im Vergleich mit dem ersten Bauabschnitt besonders deutlich. Der damals errichtete Gebäudekomplex ist in die Landschaft eingebettet - Ambulanzen und OP-Säle sind nach Innen ausgerichtet. Von den Bettenhäusern haben die Patienten einen atemberaubenden Blick in die Berge und zur Lobdeburg. Auf so viel Komfort zur Genesung wird in den Kliniken des 21. Jahrhunderts zu Gunsten der Wirtschaftlichkeit verzichtet.

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