Besser das Nichts als das Alles

Oliver Sturms Hörspiel »Murphy« nach Samuel Beckett im Deutschlandfunk

Einladend ist das Radio-Stück zunächst nicht. Ein Erzähler mit rollendem »rr« hebt an: »Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf das Nichts des Neuen.« Welch schöner, rätselrühriger Satz. »Murphy saß, als ob es ihm frei stünde, im Schatten, in einer Gasse West Bromptons«, fährt es fort. Stimmen kommen und driften weg. Wer ist wer? Der sonore polyphone Wechsel verwirrt. Doch es wird. Die Dinge fügen sich Schritt um Schritt. Sie werden plastisch.

Wer ist dieser Murphy? Ist er überhaupt etwas? Ein Antiheld? Gewiss. Denn Helden finden sich bei Beckett nicht, wohl aber in unwirtlicher Welt hausende Individuen, frönend ihren wunderlichen, jedweder bürgerlichen Eleganz widerstrebenden Eigenheiten oder diese lächerlich nachahmend. Sie suchen Wärme und finden sie nicht. Murphy hat nicht nur einen Schal, er wickelt sich mit vielen ein. Fehlt das Feuer, schreit er um Hilfe und sein Umfeld mit. Becketts Personen scheitern nicht, bevor sie ihre kauzigste, beunruhigendste Erscheinungsform angenommen haben. Jeder verfehlt die erstrebten Ideale. Selbst die tröstliche Situation, der untröstlichen Wirklichkeit zu entfliehen und in die unverwundete Welt des Geistes überzuwechseln, muss misslingen.

Murphy, kosmogonisch-astrologisch inspiriert, endet im Nichts, das ihm besser dünkt, als das Alles, das ihn unentwegt bedrängt. Er stirbt. Durch ein Versehen, eine Unachtsamkeit, weil er seiner selbst müde war? Das bleibt offen. Becketts Roman »Murphy« entstand in den dreißiger Jahren, in der Zeit, als die Neoromantik weltweit Konjunktur hatte. Darum.

»Murphy«, heldenlos, ist zugleich antiromantisch. Herkömmliche Erzählstrukturen durften dem Autor nicht unterlaufen. Ein Glücksfall für das Hörspiel. Beckett verpackt seinen Protagonisten, damit er es wenigstens zeitweise warm hat. Er setzt ihn in den ewig knarrenden Rollstuhl, der mitgeht, wenn der Antiheld umzieht, etwa in die Dachkammer einer Klinik, in der er irre Patienten betreut, mit ihnen Schach spielt oder so tut, als spiele er. Ein Ort, dem das Feuer fehlt, und darum ein Gasofen angeschafft wird, den Murphy entzünden kann, wenn unterhalb im Klo die Spüle geht. Murphy, für den Sternbilder und Schach-Eröffnungen (oder Nicht-Eröffnungen, denn blieben alle Figuren unberührt, gäbe es weder Sieg noch Niederlage) die Prinzipien von Bewegung und Stillstand verkörpern. Murphy ist undenkbar, ohne sein in befremdlich-komisches Umfeld. Das strebt ihm nicht nach, es ist ihm dauernd hinterher. Auf der Suche nach dem Glück, das es nicht gibt.

An diesem Sonnabend nun also »Murphy« als Hörspielursendung, beauftragt vom Deutschlandfunk, einem Sender, der rührig ist, geht es darum, Weltliteratur in auditive Formen zu verwandeln. Die Bearbeitung, basierend auf der Romanübersetzung von Elmar Tophoven, die bei Suhrkamp 1976 erschien, realisierte Oliver Sturm, der auch die Regie führte. Aufhorchend die Besetzung. Den Erzähler gibt eindrücklich Graham Valentine. Er schildert, rahmt die Rückblenden, wechselt rasch mit den Rollenstimmen ab, fasst zusammen. Murphy hat mit Marek Harloffs magischen, gleichwohl alltagstauglichen Sprechpart eine überraschend junge Klangfarbe. Groß die Celia. Kathrin Angerer leiht der viel Mitgefühl erheischenden Hure und Geliebten des Murphy ihre Stimme. Nicht zu verfehlen das Timbre der Irm Hermann als Hospitalleiterin mit ihren knappen, kalten Einwürfen. Der versoffene Cooper (Bernd Kuschmann), der nichts als liegen und stehen kann, wehe er säße!, überantwortet am Ende die Aschereste Murphys dem Dreckboden eines Londoner Pubs. Gaudium die Szene, in der sich das Liebespaar Wyhlie (Wilfried Hochholdinger) und Miss Counihan (Astrid Meyerfeldt) vor den Ohren der Hörer abschmatzt. Sabine Worthmanns Musik setzt auf Farbigkeit wie auf kantig-witzige Illustration. Sie flicht irische Songs ein, wo die Abläufe es erfordern, und gibt der Schärfe hoher Holzbläser gehörig Raum. Eine wunderbar ausgehörte, die Hirnarbeit betätigende, nicht selten vergnügliche Arbeit.

Deutschlandfunk, 20.12., 20.05 Uhr

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung