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Buddha brutal

Für den Münchner Indologen Uwe Hartmann ist der Zen-Buddhismus ein besonders krasses Beispiel, wie Religion und Politik ineinander verschränkt sein können.

Im Buddhismus gibt es einen latenten Widerspruch zwischen seinem radikalpazifistischen Anspruch und buddhistischer Realpolitik. Insofern unterscheidet er sich nicht von anderen Religionen.

Im Kloster marschieren Kahlgeschorene in schwarzen Kutten in Reih und Glied, Gewehr geschultert, Augen geradeaus. Buddhistische Mönche begeben sich in Kasernen, um durch Zen-Meditation Offiziere für den Krieg zu stählen. Jugendliche werden als Kamikaze-Piloten in den sicheren Tod geschickt. Im Juli 1941 sammelt die Soto-Zen-Schule Spenden und schenkt der kaiserlichen Marine ein neues Kampfflugzeug mit dem Namen Soto Nr. 1!

Japan im Zweiten Weltkrieg. Zu diesem Zeitpunkt sind die Hauptrichtungen des japanischen Zen, Shin, Soto und Rinzai, nicht nur staatstragend und kaisertreu, sondern sie liefern auch das ideologisch-religiöse Gerüst für die tapferen Soldaten. Für den Münchner Indologen Uwe Hartmann ist der Zen-Buddhismus ein besonders krasses Beispiel, wie Religion und Politik ineinander verschränkt sein können. »Wenn wir uns eine Religion anschauen, dann sehen wir die reine Lehre. Bei fremden Religionen unterschätzen wir dann völlig, dass da genau wie bei uns jede Menge Macht und Politik dahinter steht und dass jede Religion involviert ist in ein Umfeld«, sagt Hartmann.

Ende des 19. Jahrhundert erlebte der Zen im neuen Japan eine Art Renaissance. Spätestens im japanisch-russischen Krieg 1904/05 wurde die dauerhafte Unterstützung des Militärs durch diese buddhistische Richtung etabliert. Es geht im »Soldaten-Zen« um innere Sammlung, Selbstbeherrschung und Schlagkraft. Der Krieg wird im »Buddhismus des Kaiserlichen Weges« zum Akt des Mitgefühls erklärt.

Russland, später China und dann die USA wurden nicht nur zu Feinden Japans, sondern des Buddha selbst erklärt. Trotz millionenfacher Opfer tun sich die religiösen wie politischen Eliten Japans bis heute schwer, ihre Schuld an den japanischen Kriegsverbrechen einzugestehen. Und im Westen ist Zen mittlerweile sehr beliebt.

Aber Japan ist alles andere als ein Gewaltausrutscher im weltweiten Buddhismus. Selbst im vermeintlichen Musterland des friedlichen Buddhismus, in Tibet, gab es innerhalb der religiösen Institution immer wieder heftige Kämpfe. Im 17. Jahrhundert gelang es den Gelugpas, Anhänger einer Richtung innerhalb des tibetischen Buddhismus, mit Hilfe der Mongolen, ihre innertibetischen Gegner auszuschalten. Sie führten eine neue Herrschaftsform mit dem Dalai Lama an der Spitze ein, die im Grunde bis zur chinesischen Okkupation 1950 Bestand hatte.

In der Literatur ist sogar immer wieder von Mönchsarmeen die Rede. Ein Widerspruch in sich, haben sich doch gerade Mönche und Nonnen zur absoluten Gewaltfreiheit verpflichtet. »Es gibt im tibetischen Buddhismus verschiedene Schulrichtungen und die haben sich in ihrer Geschichte öfter auch nicht nur mit den Waffen des Geistes bekämpft«, erklärt Buddhismusforscher Uwe Hartmann.

Auch in anderen Ländern zeigt sich der Buddhismus gewalttätig, bis heute. Zu nennen ist etwa der blutige Bürgerkrieg in Sri Lanka zwischen buddhistischen Singhalesen und hinduistischen Tamilen. Oder der gegenwärtige Konflikt zwischen malaiischen Muslimen und Thai-Buddhisten im Süden Thailands. Es habe immer schon eine Diskrepanz zwischen einem radikalpazifistischen Anspruch und einer buddhistischen Realpolitik gegeben, sagt Hartmann: »Was der Buddha selbst gelehrt hat, wissen wir nicht, weil hunderte Jahre zwischen seinem Leben und den ersten Aufzeichnungen, die für uns zugänglich sind, liegen. Aber die älteste Form der Überlieferung ist klar gegen Gewalt positioniert, stärker noch als im Christentum! Im Buddhismus wird das Tötungsverbot auch auf Tiere ausgeweitet und es gibt eine weitere Aufforderung von Berufen Abstand zu nehmen, die anderen Lebewesen Leid verursachen, also beispielsweise Jäger, Fischer oder auch Soldat.«

Auf Fisch und Fleisch kann Mensch schon verzichten. Aber auf bewaffnete Polizei oder Armeen, die die innere Sicherheit garantieren und das Land vor aggressiven Mächten schützen? Indologe Uwe Hartmann bezweifelt denn auch, dass es je eine völlige Gewaltfreiheit im Buddhismus gegeben hat. Ein Erfolg der Ausbreitung des Buddhismus in Asien erkläre sich letztlich auch damit, dass sich Buddha selbst in die Politik gar nicht erst eingemischt habe, um auf diese Einfluss zu nehmen. »Es gibt genügend Dialoge, in denen der Buddha mit Fürsten, Königen, Ministern und auch Soldaten spricht. Gesellschaftliche Verhältnisse werden nicht grundsätzlich in Frage gestellt«, sagt Hartmann.

Das Ideal des Einzelnen aber bleibt die Gewaltlosigkeit, um den ewigen Kreislauf des Lebens eines Tages vielleicht endlich hin zum Nirwana verlassen zu können. Aber machen sich es da Buddhisten nicht zu einfach? Man zieht sich meditierend aus der Welt zurück und sammelt gutes Karma, während andere für die innere und äußere Sicherheit notfalls auch mit Waffengewalt zu sorgen haben, damit aber schlechtes Karma ansammeln? Oder anders herum gefragt: Ist Nichtstun nicht vielleicht sogar schlimmer, als sich schützend vor den Bedrängten zu stellen? Sammelt der nicht gerade schlechtes Karma an, wer in Not und Bedrängung nichts unternimmt? Spräche nicht einiges aus buddhistischer Verantwortung gerade dafür, Soldat zu werden, um Mord, Vergewaltigung und Vertreibung zu verhindern? Und sind kämpfende Mönche deshalb am stärksten im Einklang mit ihrer Religion? Dazu gibt es, so scheint es, keine befriedigenden Antworten. Indologe Uwe Hartmann kennt zumindest in buddhistisch geprägten Ländern keine friedensethischen Debatten.

Der Buddhismus in seiner gut zweieinhalbtausendjährigen Geschichte hat sich in viele Zweige und Schulen ausgebreitet. Wer in ihm aber die Lösung der Weltfriedensprobleme sieht, der sitzt für Uwe Hartmann einem gewaltigen Religionsirrtum auf: »Das ist das Grundproblem, dass wir im Westen etwas in den Buddhismus hinein mystifizieren, was in dieser Weise nicht drin ist. Die Menschen in den buddhistischen Ländern sind so anständig, so brav, so gut wie die Menschen in christlichen Ländern. Unsere Vorstellung vom Buddhismus im Westen, das ist nicht der Buddhismus, wie er in asiatischen Ländern gelebt und praktiziert wird. Das ist eine Verklärung, das ist ein Mythos.«

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