»Das ist noch nicht beglichen«

Was der Widerstandskämpfer und Europaabgeordnete Manolis Glezos zur Frage deutscher Reparationen sagt

Deutschland sieht die Reparationsfrage als erledigt an. Der griechische Widerstandskämpfer und Linkenpolitiker Manolis Glezos sagt: »Die deutschen Kriegsschulden sind noch nicht beglichen!«

Ungefähr ein Jahr würde er im Europaparlament bleiben, hatte Manolis Glezos zu Beginn der Legislaturperiode im Juni 2014 angekündigt. »Dann ist es wohl genug - und außerdem finde ich Rotation gut!« Der Südgrieche mit dem großen Schnurrbart und dem wilden, schlohweißen Haar ist in Griechenland eine Art Nationalheld. Er ist mittlerweile 92 Jahre alt.

Glezos hat sein Büro in einem Neubau des Brüsseler Parlaments, im Flügel der Linksfraktion GUE/NGL. Glezos’ Partei SYRIZA ist Teil dieser europäischen Linken. Den Aufwind hat sie auch Persönlichkeiten wie ihm zu verdanken, der sich in unzählige Fragen einmischt, quirlig, rastlos. An seinem Brüsseler Schreibtisch signiert Glezos ein Buch, »Schwarzbuch der Besatzung« heißt es. Glezos’ Lebensthema ist auch sein wichtigstes Thema als EU-Abgeordneter. Das Buch behandelt das Leid und die ungeheuren materiellen Schäden, die Griechenland durch zwei Weltkriege und die deutsche Besatzung (1941-1944) entstanden sind. Es geht um Tod und Zerstörung, es ist schier unerträglich zu lesen. »Die deutschen Kriegsschulden«, meinen Glezos und viele seiner Landsleute, »sind bis heute nicht beglichen.«

18 Jahre alt war Manolis Glezos, als er sich zusammen mit einem Freund nachts auf die Athener Akropolis schlich, um die Fahne mit dem Nazi-Symbol herunterzureißen. Beide wurden zu heimlichen Ikonen, zu Wegbereitern des griechischen Widerstands. Wegen antifaschistischer und kommunistischer Aktivitäten unter verschiedenen Regimes verbrachte er elf Jahre in Haft. Dreimal wurde er zum Tode verurteilt.

Nach unzähligen politischen und publizistischen Aktivitäten hat es Glezos nun in die Europa-Hauptstadt geführt. 430 000 Direktstimmen hatte er bei der Europawahl im Mai eingefahren. In Brüssel trägt er nun unermüdlich seine Forderungen vor. Deutschland hatte in den 60er Jahren 115 Millionen Mark an Griechenland gezahlt und sieht das Reparationen-Thema als erledigt an. In den Augen von Glezos steht hingegen ein Betrag in dreistelliger Milliardenhöhe aus.

Alleine eine Zwangsanleihe, über die Griechenland die Stationierung der deutschen Truppen finanzieren musste, wäre heute 55 Milliarden Euro wert, sagt der Politiker. Eine Arbeitsgruppe des griechischen Finanzministeriums hat vor einigen Tagen einen Bericht fertiggestellt, in dem es ebenfalls um Reparationsforderungen geht.

Eine simple Kausalverbindung zwischen dem alten Schuldenthema und den heutigen Wirtschafts- und Finanzproblemen Griechenlands stellt Glezos nicht her. Doch was er sagt, ist Balsam für viele Griechen, die die aktuelle Schuldner-Gläubiger-Logik der EU als zu einseitig ablehnen. »Wir wollen keine Rache, sondern Freundschaft mit Deutschland«, sagt Glezos und schaut herausfordernd, »aber wir wollen keine EU, in der Angela Merkel alles bestimmt.« epd/nd

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