Werbung

Saladin der Kommunismusforschung

Zum Tode des Mannheimer Geschichtsprofessors Hermann Weber

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Warum haben Sie denn nicht bei uns vorbeigeschaut? Wir hätten uns gefreut. Sie waren doch gerade in Mannheim, wie wir Ihrer Zeitung entnahmen.« Tatsächlich war ich gerade in der kurpfälzischen Stadt gewesen, hatte die große Ausstellung »Saladin und die Kreuzfahrer« in den Reiss-Engelhorn-Museen besucht und hätte natürlich eine Stippvisite bei Hermann und Gerda Weber anschließen können. Warum tat ich es nicht? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wie viele nd-Abonnenten es in der einstigen Residenzstadt der Wittelsbacher gibt. Die Webers jedenfalls hielten das Blatt, auch und gerade, als es sich noch »Zentralorgan« nannte.

Der leise Vorwurf, so muss ich gestehen, war berechtigt. Ich hätte den »Saladin der westdeutschen Geschichtsforschung« in seinem trauten Heim in der Neckarpromenade aufsuchen sollen. Ein Gespräch mit ihm war stets gewinnbringend. Und schließlich war auch er nach dem Fall der Berliner Mauer sofort bereit gewesen, jener Zeitung ein Interview zu geben, die ihn über vierzig Jahre nicht gerade mit freundlichen Worten bedacht hatte. Freilich bot sich ihm derart auch die Gelegenheit, die Vorwürfe, die ihm von einer dogmatischen SED-Geschichtsschreibung gemacht und von treuen Parteijournalisten kolportiert worden sind, endlich direkt zu beantworten und zu entkräften und einiges öffentlich richtigzustellen.

Weber übte in jenem Interview heftige Kritik an den ostdeutschen Kollegen und forderte sie zu ehrlicher Selbstkritik auf angesichts der vielen »weißen Flecken«, die sie sich in ihren Büchern und Aufsätzen wider besseres Wissen, mit der Schere im Kopf, erlaubten. Er verlangte aber nicht, dass die fürderhin nur noch in »Sack und Asche« gingen und immerdar »mea culpa, mea maxima culpa« auszurufen hätten. Der »Renegat« war generös.

Am 23. August 1928 in Mannheim als Sohn eines Arbeiters und Kommunisten geboren, der von der Gestapo für eineinhalb Jahre ins Gefängnis geworfen wurde, trat er noch im Jahr der Befreiung vom Hitlerfaschismus der KPD bei. 1947 bis 1949 studierte er an der Parteihochschule »Karl Marx« bei Kleinmachnow in der sowjetischen Besatzungszone - unter dem Decknamen »Hermann Wunderlich«, der ihm damals gründlich missfiel und der seine Gegner später zu den sonderlichsten Assoziationen inspirierte. Westdeutsche Kollegen fanden ihn indes durchaus treffend. Letztlich amüsierte der Deckname ihn selbst, wie überhaupt der »Tick« der Kommunisten, alles mit einer »Aura des Geheimnisvollen zu umgeben«. An das Prozedere, das eigentlich dem Schutz der »Genossen Absolventen« im antikommunistischen Westen dienen sollte, erinnerte Weber sich Jahrzehnte danach versöhnlich: »Vor mir ging der Wichert, Fritz rein und kam als Walter Fritz raus. Es hat mich immer geärgert, dass ich nicht Walter heißen durfte. Wunderlich ist rückblickend aber natürlich interessanter.« So titelte er denn auch seine 2002 im Ostberliner Aufbau-Verlag erschienenen Erinnerungen: »Damals, als ich Wunderlich hieß«.

Bereits an der Kaderschmiede südwestlich von Berlin habe er erlebt und erkannt, dass das, was gelehrt und was in der ostdeutschen Gesellschaft praktiziert wurde, mit den Ideen von Marx und Engels nicht viel gemeinsam hatte, Wort und Taten weit auseinanderklafften. Doch zunächst einmal streitet Weber - wie von ihm erwartet - als FDJler und Kommunist gegen den »revanchistischen Adenauer-Staat«. Zu einem ersten Zerwürfnis kommt es, als er Stalin nicht gebührend würdigt. 1954 wird er aus der KPD ausgeschlossen. Im Jahr darauf wird Weber Mitglied der SPD. Er studiert in Marburg und Mannheim, promoviert im heißen achtundsechziger Jahr und habilitiert sich zwei Jahre darauf. 1975 wird er zum Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim berufen und leitet bis zu seiner Emeritierung 1993 den dortigen Forschungsschwerpunkt DDR-Geschichte.

»Ulbricht fälscht Geschichte« lautet 1964 sein Kommentar zu dem in der DDR erschienenen »Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«. Fortan ficht er etliche fernschriftliche Duelle mit DDR-Historikern aus. Die schwerste Niederlage und Schmach bereitet er jenen - exakter: dem Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (IML) - im Jahr 68, als er das verschollen geglaubte Originalprotokoll des Gründungsparteitages der KPD vom 29. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919 auffindet und publiziert. Im Jahr darauf veröffentlicht der SED-eigene Dietz-Verlag dieses quasi in Raubkopie, ohne Lizenzanfrage und auch ohne Nennung des Entdeckers. Es war für Hermann Weber eine Genugtuung, in eben jenem Verlag 1993 den Fund seines wissenschaftlichen Lebens, wie er stets sagte, noch einmal nebst Kommentierung herauszubringen.

Es folgen u.a. zwei Bände »Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik«, »Schein und Wirklichkeit in der DDR« sowie »Aufbau und Fall einer Diktatur« und »Kommunisten verfolgen Kommunisten - stalinistischer Terror und ›Säuberungen‹«. Die Krönung seines Lebenswerkes und zugleich sein Vermächtnis ist das »Das Biographische Handbuch des deutschen Kommunismus 1918-1945«, das er unterstützt vom Ostberliner Historiker Andreas Herbst 2003 editiert und das vor kurzem ein aktualisiertes, erweitertes Supplement erhielt.

Zum »Handbuch« gibt es übrigens noch eine kuriose Anekdote zu erzählen: Als der »Nestor der westdeutschen Kommunismusforschung«, wie sich Weber gern selbst bezeichnete, sein Werk auf der Buchmesse in Frankfurt am Main präsentieren wollte, sah er sich arg ent- und getäuscht. Die bestellten Exemplare, in Österreich gedruckt und in Prag per Kurierdienst auf den Luftweg gegeben, waren vom Zoll am Frankfurter Flughafen beschlagnahmt worden. Zu verdächtig erschienen den Beamten wohl die Bücher im knallroten Einband: Es könnte sich um Konterbande aus einen (damals) noch-nicht-EU-Staat handeln. Und sind nicht auch Kommunisten Terroristen? Nine/ Eleven, der mörderische Anschlag auf die Twin-Towers in New York, lag gerade einmal drei Jahre zurück.

Was die Zöllner offenbar nicht wussten oder wissen wollten: Der Autor der von ihnen konfiszierten Bände legte stets Wert auf Differenzierung und Exaktheit. Der akribische Wissenschaftler betonte: Stalinismus ist nicht originärer Kommunismus und eine Negierung des Marxismus. Als Herausgeber des »Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung« einer der Retter des SED-Parteiarchivs nach der »Vereinigung« wollte er es auch nicht gutheißen, dass der Kommunismus vorwiegend als Terror- bzw. Herrschaftssystem untersucht und dabei vergessen und verschwiegen werde, dass es sich dereinst um eine radikal-soziale Emanzipationsbewegung gehandelt habe.

Der Mannheimer Saladin, Streiter gegen die Kreuzritter heutigen Antikommunismus, ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am 29. Dezember gestorben.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen