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Das Höhere überwintert im Shopping

Peter Sloterdijk und Thomas Macho über Gott, Geist und Geld

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Der liebe Gott, das liebe Geld - Kontrast und Kumpanei; so ist die Welt. Die Dinge gelangen dort eng zueinander, wo man sie zweckdienlich verwechselt - etwa die Religiosität mit der Verfallenheit, die Gläubigkeit mit dem Irrglauben, das Credo mit dem Kredit. Und den Götzendienst mit dem Gottesdienst. Aus Schöpfung ist Geldschöpfung geworden, und wer denkt Wert-Schöpfung noch ohne finanzielle Zielgebung?

Manfred Osten, der die »Gespräche über Gott, Geist und Geld« zwischen dem Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk und dem Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho moderiert, erzählt folgende apokalyptisch-gegenwärtige Anekdote: Ein Gläubiger kommt in den Himmel und trifft dort nicht Petrus, sondern Luzifer. Er glaubt, er habe sich im Ort geirrt. »Nein, entgegnet Luzifer, er sei hier völlig richtig, denn auch im Himmel hätten sie schon längst fusioniert.«

Die Gespräche, niedergeschrieben nach einer Veranstaltung auf Schloss Neuhardenberg, werden beim Begriff des Übermenschen enden - als letztem Beleg für eine Unterhaltungs-Art, die so belebend frei ist von Begriffs- und Bewusstseinspanzerungen; man ist, miteinander redend, in keiner Weise stolz und erpicht auf politisch zurechtgeschliffene Korrektheiten. Natürlich, so Macho, sei das Wort aus historischen Gründen »unsympathisch«, aber wenn man den Begriff des Übermenschen »als eine Bejahung von Veränderungen, von Prozessen der Selbststeigerung denkt, dann ist er nicht von vornherein anstößig.« Wage dich. Sei ein »Übender« (ein Lieblingswort von Sloterdijk). Mach dich nicht kleiner, als dir gut tut. Üb das Überdenken, das Überschreiten, das Überleiten. Überwirf dich mit der Unterwerfung.

Sloterdijk führt die christliche Tradition an, die im Menschen »eine anthropologische Differenz statuiert - der Mensch ist immer beides, er ist er selbst und das Potenzial des Heiligen, das in ihm zur Vollendung heranreifen soll.« Soll, aber nie wird. Das ist die alte Last, die jeden Abend der Bilanz verdunkelt. Jedem kommenden Morgen aber gehört dann wieder die helle Lust des neuerlichen Aufbruchs.

Macho beschwört geradezu die Notwendigkeit des Religiösen, weil man im Religiösen »in ein Verhältnis einzutreten versucht zu dem, was nicht einfach gesagt, berechnet, abgebildet und dargestellt werden kann.« Bekenntnis zu einem Leben, das nie die Fühlung zur Möglichkeit verliert. Sloterdijk zitiert Boris Vian: »Schafft den Konjunktiv ab und ihr werdet Gott getötet haben.«

Ein Gespräch über Geld, ein Gespräch also auch über die Anerkennung des Ambivalenten, das den Menschen prägt und das anzuerkennen linken Menschenbildnern und Bewusstseinszüchtern so schwer fällt. Und tatsächlich bleibt es eine Hirn- und Herzenshürde, just im größten Gegenwartsgrauen, dem Shopping, etwas hilfreich Zeremonielles zu erblicken. Die beiden Philosophen sehen’s so. Sobald man Ritualisierungen entdecke, diese Fähigkeit, das eigene Leben auf einen Ritus hochzurechnen, und sei es im Trivialsten, so Macho, sei man »ganz nahe bei dem Stoff, aus dem die sogenannten Religionen sind.«

Religion ohne höheres Wesen? Religion ohne Kirche? Shopping als Religion? Sloterdijk: »Man kann sich zum ersten Mal positiv darüber Rechenschaft ablegen, dass Religiosität im Grunde so etwas Ähnliches ist wie Musikalität oder wie Sinn für Lyrik. Und wehe dem, der glaubt, das sei eine herabsetzende Charakterisierung.« Das ist ein spekulativer Verweis darauf, dass in geistbescheidenen Zeiten wie dieser, also im »Rückgang der Gleichgewichtsmodelle« (Sloterdijk), das Religiöse, das Höhere sich Ersatzhüllen suchen, um zu überwintern - für den Frühling jener Ansprüche, die irgendwann wieder mehr postulieren als nur Kaufkraft, Ansprüche also, die aus der Glücks- und Gewinnwirtschaft wieder eine Vertrauensökonomie machen.

Denn leider: »Wir haben ein Verhältnis zu unserer Bank wie zu unserer Konfession. Kontoführungsspesen sind dann so etwas Ähnliches wie Kirchensteuern« (Macho). Sloterdijk spricht über die damit verbundene Ent-Würdigung der sozialen, ethischen, geistigen Verbindlichkeit - niemand fühle sich mehr an den Eid einer wirklichen gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit gebunden. Es gibt zu wenig Furcht - Ehrfurcht, Gottesfurcht, es gibt keine »Furchtkirchen« mehr. »Wenn der Eid-Leistende die Folgen des Meineids nicht fürchten muss wie die ewige Hölle, dann wird er eben falsch schwören ... Die Hölle beziehungsweise das Jenseits ist ein Teil des Rechtssystems geworden. Heute würde man sagen, die Hölle ist ein Verfassungsorgan.« Die modernen Gesellschaften hätten weitgehend vergessen, dass sie von ihren Grundformen her in der Gestalt einer Eidgenossenschaft verfasst sind. »Ich behaupte, dass eigentlich nur mit solchen Menschen ein Staat zu machen ist, die noch in irgendeiner Weise Ehrfurcht vor dem Eid empfinden und die gerade deswegen gesellschaftsfähig sind, weil sie an Eidgenossenschaften teilhaben können.«

Ein so leichtes, unangestrengtes, aber doch hochfahrendes Gespräch. Einer hört dem anderen zu, um für sein eigenes Reden die intelligentere Variante zu finden. Karl Marx kommt vor, die Jungfrau des Glücks, das Filmfestival von Cannes - und der Sport. Nicht umsonst rückten, so Macho, in der öffentlichen Wahrnehmung die Paralympics immer näher an die Olympischen Spiele heran, »nicht umsonst dreht sich das Regelwerk der Paralympics um die Frage nach der Legitimität der Prothesen. Diese Frage ist bei den Olympischen Spielen letztlich dieselbe: Da meinen wir mit Prothesen halt Doping und Bluttransfusionen.« Das Feld des Wettbewerbs überall als Konkurrenzkampf der »Beschleunigungseffekte«.

So plaudert sich das Duo S & M diagnostisch durch Gott und die Welt, hin zu Tod und Teufel. Gott sehr hoch, sehr weit die Welt, sehr groß der Tod. Und so vielgesichtig der Teufel - denn er sieht den Menschen, wenn die sich göttlich fühlen, am ähnlichsten.

Peter Sloterdijk und Thomas Macho im Gespräch mit Manfred Osten: Gespräche über Gott, Geist und Geld. Herder Verlag, 111 S., geb., 12 €.

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