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Hoffentlich wirkt’s

Die Arte-Doku »Im Rausch« zeigt den beflügelnden Einfluss illegaler Drogen auf 200 Jahre Kultur

Mit Drogen ist das so eine Sache. Fast jeder nimmt sie, meistens zu viele, und wer vollends abstinent lebt, gilt, freundlich formuliert, als Spaßbremse, weniger freundlich formuliert als langweilig und doof. Drogen gehören zum Leben wie das Essen und der Sex. Einerseits. Andererseits gibt es gute und böse Drogen, wobei ausgerechnet die legalen, vor allem Alkohol und Nikotin, das toxische Potenzial zum Genozid haben, während das Gros der illegalisierten - von Cannabis über Opiate bis hin zum tanzbaren Amphetamin - allenfalls für kriminalisierte Produzenten im Krieg mit der Polizei tödlich enden. Was als guter Rausch gilt und was als schlechter, hängt demnach selten von der Logik ab, sondern mehr vom Berauschten. Fragen Sie mal im Bierzelt nach!

Fragt man hingegen Arte, sieht die Sache mit den Drogen doch ein wenig anders aus. Heroin zum Beispiel, in den 1980er Jahren an bierdunstigen Stammtischen zum Antichrist aufgeblasen, mag übermäßig, vor allem unrein konsumiert fatale Folgen haben. Literarisch, musikalisch, künstlerisch, filmisch und ästhetisch jedoch, das belegt die sehenswerte Dokumentation »Im Rausch«, war Heroin ziemlich oft ein Motor schier unersättlicher Kreativität. Also irgendwie, nun ja, doch recht gesund fürs große Ganze.

Fast zwei Stunden lang nimmt der französische Filmemacher Jérôme de Missolz laut Untertitel »Eine etwas andere Kulturgeschichte« unter die Lupe und zeigt dabei reichhaltig fotografiert: Ohne all jene Drogen, die uns medial gemeinhin als Goldener Schuss auf dreckigen Bahnhofstoiletten verabreicht werden, wären große Teile des Entertainments der vergangenen zwei Jahrhunderte - ob profan oder gediegen - womöglich nie entstanden. Und bar ihrer berauschenden Wirkung wäre das, was übrig bliebe, auch inhaltlich oft öde und leer.

Ohne Drogen zu verherrlichen, ohne ihre destruktiven Folgen zu verschweigen, ohne sich also einseitig auf die Seite des hemmungslosen Rauschs zu schlagen, begibt sich die Dokumentation somit auf eine Reise durch die Welt der Bewusstseinsveränderung, die den Blick darauf weitet wie ein sattsamer Trip die Pupillen. Dafür lässt Jérôme de Missolz Texte drogenaffiner Literaten von Baudelaire bis Burroughs verlesen. Er blickt ins Werk von Sigmund Freud oder E. T. A. Hoffmann. Zeigt halluzinierendes Kino wie »Trainspotting« und »Citizen Kane«. Untermalt das Ganze mit Flowerpower und Krautrock. Wandert mit Alice ins Wunderland, wandelt Dr. Jekyll in Mr. Hyde, schwärmt von den Bildern Edvard Munchs. Kurzum: Er sieht die Welt des Rauschs durch den Blick der Berauschenden und macht damit deutlich, was Pflichtlektüre jedes besitzstandwahrenden Verfechters der abendländischen Saufkultur sein sollte: Drogen sind ein bisschen komplizierter als ein Parteiprogramm der CSU.

Dafür indes bedienen sich »Die Suche nach der anderen Welt« und »Der große Tanz« einer derart drastischen Optik, dass es dem biederen Betrachter nach einem Schnaps dürstet. Verzerrte Bilder knallen wie nach einem gut getränkten Löschblatt LSD in psychedelischen Farben durcheinander, bis der Bildschirm flimmert. Zwischendurch machen seriöse Wissenschaftler ebenso wie angesehene Künstler die produktive Energie verpönter Drogen glaubhaft. Doch spätestens, seit die USA, fast 100 Jahre, nachdem Thomas de Quincey mit »Bekenntnisse eines englischen Opiumessers« den ersten Roman zum Thema Drogen verfasst hat, deren Gebrauch 1916 verbieten, gilt der Drogenkonsum als Exzess zum Zweck der Revolte. Daran wird auch dieser Film nichts ändern. Leider. Mag Alkohol noch so aggressiv, impotent, blöde und vorzeitig tot machen.

Arte, 21.50 Uhr

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