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»Bärgida« blieb stehen

Tausende Gegendemonstranten verhinderten in Berlin den Aufmarsch des rechten Pegida-Ablegers

  • Von Josephine Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.
In der Berliner Innenstadt waren die islamfeindlichen Pegida-Anhänger in der Minderheit. Ihre Demonstration wurde zum Flop.

Zum Abschluss sangen sie noch einmal die Nationalhymne. Dann hieß es: Tschüss Bärgida. Nach drei Stunden im Regen blieb den Anhängern des Berliner Pegida-Ablegers nichts übrig, als ihre Deutschlandfahnen einzurollen und den Heimweg anzutreten. Keine drei Meter waren sie gekommen. Tausende Gegendemonstranten versperrten ihnen den Weg.

Rund 200 Menschen waren dem Aufruf der Bärgida gefolgt und hatten sich gegen 18 Uhr am Roten Rathaus versammelt. Darunter Neonazis wie Jan Sturm, ehemaliger Bezirksverordneter der NPD in Neukölln, und zwei Funktionäre der islamfeindlichen Partei »Pro Deutschland«, der Vorsitzende Manfred Rouhs und Generalsekretär Lars Seidensticker. Hinter Bärgida (Berliner gegen die Islamisierung des Abendlandes) steckt der Patriot e.V., gegründet vom früheren CDU-Kommunalpolitiker Karl Schmitt, der inzwischen bei »Die Freiheit« und »Pro Deutschland« aktiv ist.

Einige Hundert Meter weiter versammelten sich über 2000 Gegendemonstranten. Mobilisiert hatte hierfür das Bündnis gegen Rassismus. Vertreter der LINKEN, ver.di und der GEW hatten dazu aufgerufen, sich den Protesten anzuschließen. Mit dem Zuspruch aus der Mitte der Gesellschaft und der fehlenden Distanzierung seitens der Politik hätten Anschläge auf Moscheen und Gewalt gegen Ausländer zugenommen, erklärte eine Sprecherin des Bündnisses. »Vielfalt ist das, was Berlin ausmacht und die Mehrheit der Berliner steht dafür ein.« Die Anzahl der Gegendemonstranten bestätigte das. Insgesamt schlossen sich laut Polizeiangaben rund 5000 Menschen den Protesten gegen Bärgida an. Auch Bundesjustizminister Heiko Maas, Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat (beide SPD) und der LINKE-Politiker Hakan Tas fanden sich unter den Gegendemonstranten.

Am Brandenburger Tor hatte die Türkische Gemeinde Berlin zu einer Kundgebung aufgerufen. Zunächst kamen 100 Gegendemonstranten. Später waren es 1000. Gegen 19 Uhr knipste der Senat das Licht am Brandenburger Tor aus. Es wurde dunkel. Die Grünen-Politikerin Ramona Pop hatte sich dafür ausgesprochen, wie auch am Kölner Dom die Beleuchtung abzustellen, um rassistischen Forderungen keine Kulisse zu bieten.

Ihre islamfeindlichen Parolen vor Berlins Wahrzeichen vorzutragen, blieb den Bärgida-Aktivisten ohnehin verwehrt. Als der Aufmarsch sich vor dem Roten Rathaus in Bewegung setzen wollte, wurde er von Gegendemonstranten blockiert. »Wir sind das Volk« und »Räumen, räumen«, skandierten die Islamfeinde. »Nie wieder Nationalismus«, rief es ihnen in zehnfacher Lautstärke entgegen. Die Parolen von Bärgida verhallten ungehört. Gegen die Pfiffe und Buhrufe kam ihr Lautsprecher nicht an. »Das Problem ist nicht die Islamisierung des Abendlandes, sondern offensichtlich seine Verdummung«, sagte eine Demonstrantin. Die Menge lachte und plädierte lautstark für eine Alphabetisierung des Abendlandes. Nicht ganz unberechtigt, denn auf einem Schild hatte sich in der verhassten »Islamisirung« ein kleiner Rechtschreibfehler eingeschlichen.

Die Polizei rief mehrfach dazu auf, die Blockade aufzulösen. Gegen 20.30 Uhr begann sie schließlich mit der Räumung. 19 Gegendemonstranten wurden dabei kurzfristig festgenommen. Den Bärgida-Anhängern nutzte das Eingreifen der Beamten aber nicht mehr viel. Rund die Hälfte von ihnen hatte sich vorher frustriert verabschiedet. Wenig später traten die letzten Islamgegner den Heimweg an.

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