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Von Befriedung weit entfernt

Gedenken am zehnten Todestag von Oury Jalloh in Dessau-Roßlau

  • Von Hendrik Lasch, Dessau
  • Lesedauer: 3 Min.
Mit zwei Gedenkveranstaltungen wurde in Dessau-Roßlau an Oury Jalloh erinnert, der vor zehn Jahren in einer Polizeizelle verbrannte. Nazis versuchten, das Datum erneut zu vereinnahmen.

Noch immer gibt es keine Tafel, die an der Fassade des Polizeireviers in Dessau-Roßlau an Oury Jalloh erinnert. Der damals 36-jährige Mann aus Sierra Leone war am Mittag des 7. Januar 2005, an Händen und Füßen an eine Matratze gefesselt, in einer Zelle im Keller des Gebäudes verbrannt. Um die Erinnerung wach zu halten, gab es zeitweilig Initiativen, eine Tafel anzubringen. »Das ist nicht gelungen«, sagt Razak Minhel, Chef des Multikulturellen Zentrums. Bei der Polizei, gibt er zu verstehen, bestand kein Interesse.

So bringt Minhel eine transportable Tafel mit zu dem stillen Gedenken, das wie seit einigen Jahren auch gestern an Jallohs Todestag stattfand - dem mittlerweile zehnten. Auf den Stufen der Wache wurde eine Kerze entzündet, vor der weiße und rote Rosen abgelegt wurden. Zu den Teilnehmern gehörten Vertreter der ausländischen Bürger der Stadt, von Lokalpolitik und Kirchen, Abgeordnete von LINKE und Grünen im Landtag, aber auch Repräsentanten der Polizei. Sie müssen kritische Anmerkungen über sich ergehen lassen. Der Tod Oury Jallohs habe zu »Missstimmung gegenüber der Polizei bei der ausländischen Bevölkerung« geführt, sagt Minhel. Um das Verhältnis zu bessern, gab es zwar viele Bemühungen. Meist, sagt Minhel, gingen sie aber von den Zuwanderern und nicht von der Polizei aus. Und was von dieser zurückkommt, hänge zu sehr von einzelnen Personen ab: »Eine strategische Zusammenarbeit gibt es nicht.«

Solche Defizite behindern auch die »Befriedung«, die nach Ansicht von Oberbürgermeister Peter Kuras (FDP) von der Zivilgesellschaft vorangetrieben werden müsste - weil die Justiz dazu nicht in der Lage war. Zwei Landgerichte hatten die Geschehnisse vom Januar 2005 aufzuarbeiten gesucht; zweimal verhandelte der Bundesgerichtshof eine Revision. Seit September 2014 ist das Urteil gegen einen Polizisten, der wegen fahrlässiger Tötung zu 10 800 Euro Geldstrafe verurteilt worden war, rechtskräftig. Doch es stünden »nach wie vor schwerwiegende Vorwürfe im Raum«, sagt Kuras; in die Trauer mischten sich »Ungewissheit, Wut und Verzweiflung«.

Lautstark geäußert wurden diese gestern Nachmittag. Da hatte die »Initiative in Gedenken an Oury Jalloh«, wie ebenfalls seit Jahren, zu einer Demonstration geladen. Sie vertritt, auch im Ergebnis eines von ihr beauftragten Brandgutachtens, weiterhin die These, dass der Brand nicht von Jalloh selbst ausgelöst wurde, sondern auf Fremdeinwirkung zurückgeht. Der Slogan »Oury Jalloh - das war Mord« war deshalb erneut auf Plakaten zu lesen. Viele in der afrikanischen Community sehen den Tod Jallohs nicht als Einzelfall: »Er ist ein Symbol«, sagt Mouctar Bah, ein Freund Jallohs und einer der Köpfe der Initiative. Diese verurteilt den Feuertod und den Umgang der Gerichte damit als Ausdruck einer »kolonialen Unkultur des Terrors und dessen Straflosigkeit«.

Die Formulierung zeigt, wie weit es noch ist bis zur »Sühne und Befriedung«, die nach Ansicht von OB Kuras eigentlich ein Urteil bewirken sollte. Weil die Gerichte so viele Fragen offen ließen, sieht der Politiker die Bürgerschaft in der Pflicht: »Wir müssen Signale senden, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit keinen Platz haben in dieser Stadt.« Viele Bürger teilen diese Ansicht; manche senden freilich gezielt gegenteilige Signale: Lokale Nazis suchten das Gedenken zum zweiten Mal in Folge zu stören, diesmal mit einer Kundgebung gegen »kriminelle Ausländer« vor dem Rathaus. Immerhin schallten der Gruppe von 30 Rechtsextremen dort Protest und Schmährufe entgegen.

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