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Die dunkle Seite der Statistik

Die offiziellen Arbeitslosenzahlen für das vergangene Jahr zeigen eine positive Tendenz - doch längst nicht für alle

  • Von Roland Bunzenthal
  • Lesedauer: 3 Min.
Niedrigste Arbeitslosenquote seit der Wende, jubelt die Bundesagentur für Arbeit. Doch die offiziellen Zahlen verstellen den Blick auf die Realitäten am Arbeitsmarkt.

Eine insgesamt positive Bilanz des Arbeitsmarktes im vergangenen Jahr zog am Mittwoch der Chef der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise. Trotz »schwacher Konjunktur« habe sich der Arbeitsmarkt 2014 »gut entwickelt«, so sein Fazit. Die Zahl der Arbeitslosen lag Ende Dezember 2014 mit 2,9 Millionen um 110 000 niedriger als noch vor einem Jahr. Allerdings sind - kurzfristig betrachtet - auch 47 000 mehr Frauen und Männer ohne Job als im November. Dies erklärt die BA allein mit saisonalen Gründen. Bereinigt um solche Faktoren, sei die Arbeitslosigkeit auch im Dezember um 29 000 Personen gesunken.

Die öffentlichen Dienstleister waren laut der BA-Statistik eindeutig die Zugpferde des Job-Aufschwungs - und der Bedarf vielfach nur durch angeworbene Migranten abdeckbar. Jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland arbeitet zudem inzwischen auf Teilzeitbasis. Engpässe bei den Heil- und Pflegeberufen haben diesen Trend stark begünstigt.

Alle Bundesländer verzeichneten 2014 einen Zuwachs bei den Beschäftigungszahlen, der in Berlin am stärksten (plus 3,3 Prozent) und in Sachsen-Anhalt am schwächsten ausfiel (plus 0,1 Prozent) Ein Rekordniveau der Beschäftigung in Deutschland, die mittlerweile geringste Arbeitslosigkeit in der gesamten EU, zugleich im historischen Vergleich die niedrigste Zahl an Erwerbslosen seit der deutschen Vereinigung 1991 werde ergänzt durch die Aussicht der BA und ihrer Forscher »auf Neueinstellungen der Arbeitgeber in den kommenden drei Monaten auf hohem Niveau und breiter Basis«, so Weise.

Aber die glänzende Medaille hat auch eine dunkle Seite. Darauf weist der Arbeitsmarktexperte des DGB, Wilhelm Adamy, im Gespräch mit »neues deutschland« hin: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen verharre auf dem hohen Stand von mehr als einer Million. Wer im Alter weiter arbeiten wolle, so Adamy, habe oft schlechte Karten. So sei die Zahl der über-55-jährigen Arbeitslosen in Westdeutschland binnen Jahresfrist um drei Prozent gestiegen. Im Osten ging diese Zahl hingegen etwas zurück. Auch bei anderen Problemgruppen des Arbeitsmarktes - wie Schwerbehinderten, Migranten sowie Ungelernten - sei die Arbeitslosigkeit gestiegen. All jene, die es schon bisher schwer hatten, betont Adamy, hätten vom wirtschaftlichen Aufschwung bislang kaum profitiert. Das gilt auch für jene Erwerbslosen, die inzwischen im Hartz-IV-System gelandet sind - insgesamt 69 Prozent aller registrierten Arbeitslosen. Für einen Großteil dieser Gruppe komme es darauf an, erst einmal »sozial stabilisiert zu werden«, betont Adamy, sonst fänden sie bestenfalls häufig wechselnde, instabile Jobs. Auch Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, sieht Handlungsdruck: 1,2 Millionen Beschäftigte müssten ihr Einkommen aufstocken, 2,5 Millionen hätten einen Zweitjob.

Im Rückblick auf das abgelaufene Jahr zeigt sich die Bundesagentur für Arbeit denn auch ein wenig problembewusst: So hätten »Arbeitslose nur teilweise von dem Beschäftigungsaufbau profitiert, weil ihre Profile oftmals nur unzureichend zur Arbeitskräftenachfrage passten«. Die Methoden, mit denen Bund und BA bisher das Problem angehen, sind jedoch unzureichend: So haben 2014 im Schnitt 831 000 Personen an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teilgenommen. Das waren drei Prozent weniger als vor einem Jahr. Die Förderung kam zudem fast zu gleichen Teilen den Empfängern von Arbeitslosengeld und der dreimal so großen Gruppe der Bezieher von Hartz-IV-Leistungen zu gute. Pro Kopf wurden letztere somit deutlich weniger stark gefördert.

Auch bei den Berufsanfängern gibt es weiter Probleme: Knapp 30 000 Bewerber haben auch drei Monate nach Beginn des Ausbildungsjahres keine Lehrstelle. Gleichzeitig seien mit 522 000 abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Jahr 2014 so wenige Bewerber eingestellt worden wie noch nie. Damit verlieren nach Ansicht von Experten die Klagen der Wirtschaft über den Fachkräftemangel jegliche Glaubwürdigkeit.

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