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Das große Geschäft mit dem Trinkgeld

Geschäftsmodelle von Reinigungsfirmen im Sanitärbereich sind höchst undurchsichtig: Eine Möglichkeit für Firmen, den Mindest- oder Tariflohn nicht zu zahlen

Seit dem 1. Januar gilt der Mindestlohn - auch in Berlin. Wie sieht die Umsetzung in den einzelnen Branchen aber aus? Ein Besuch auf einer Kaufhaustoilette am Alexanderplatz.

Klack, Klack, Klack. Im Sekundentakt prasseln die einzelnen Münzen auf den Teller, den Augustus* mit freundlichem, aber bestimmten Lächeln stets im Blick hat. Dann geht kurz die Schublade unter dem Teller auf. Darin sieben Pappbecher, in die er blitzschnell das Kleingeld, nach Cents sortiert, hineinwirft. Rechts neben ihm das Damenklo, zwei Frauen schwirren zwischen den Kabinen und dem Bereich mit den Waschbecken hin und her. Für die Herrentoilette ist Augustus alleine zuständig, dann muss eine Kollegin den Teller bewachen. Erst einmal nass, dann einmal trocken über die Klobrille, einmal über den Papierspender fegen. Fünf Sekunden. Dann ist die Toilette in der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz geputzt. Mehr Zeit ist während der Hochphasen nach Feierabend oder am Wochenende nicht drin.

Wie viele Menschen in ihrer Fünf-Stunden-Schicht an ihr vorbei in die Kabinen stürmen, kann Karin Schröder* nur schätzen. »Acht bis zehn sind es in fünf Minuten bestimmt«, sagt sie und fängt an zu rechnen. Sie macht nur die Frauentoiletten und zählt nur ihre »Kunden«. Nicht jeder gibt die vorgeschlagenen 50 Cents, manche weniger, andere gar nichts. »Wenn also nur jeder Zweite etwas gibt, kommen so pro Stunde bestimmt 25 Euro zusammen - und das nur bei den Frauen und nur auf meiner Etage«, sagt sie. Die Augen weiten sich, als ihr ungefähr klar wird, wie viel von dem Geld vom Teller übrigbleibt. Ein Teil der Einnahmen geht an die etwa zehn Mitarbeiter, ein anderer wird für die Reinigungsmittel und Toilettenpapier ausgegeben, so wurde es Karin Schröder jedenfalls von Kollegen erklärt. Geld macht ein Unternehmen nach diesem Prinzip nur, wenn es möglichst viele Aufträge annimmt, egal zu welchen Konditionen. Gespart wird dann am Kostenfaktor Mitarbeiter.

Schröders Schicht ist gerade zu Ende, sie knallt eine kleine Plastiktüte auf den Tisch. Darin sind die 25 Euro, die sie für fünf Stunden bekommt. In zehn-, zwanzig- und Fünfzig-Cent-Stücken, dazu eine Quittung. Das Geld aus den Pappbechern. Ihre Kollegen, so sagt Schröder, seien überwiegend ältere Osteuropäerinnen um die 60 Jahre, die meisten von ihnen arbeiten nicht, wie sie, fünf Stunden am Tag zwei Mal in der Woche, sondern teilweise in 10- oder 12-Stunden-Schichten. Schröder macht den Job, weil sie Geld für ihren Sohn zusammensparen will, der sonst alleine nur schwer zurechtkommt.

Für den Zoll Berlin seien die Toilettenreinigungsfirmen kein besonderes Schwerpunktthema, sagt Sprecher Michael Kulus gegenüber »nd«. Statistiken führe das Hauptzollamt auch nicht. Gängige Praxis, beschreibt Kulus, sei es, die Angestellten durch Unterverpachtung in die Scheinselbstständigkeit zu drängen. Für die Firmen hat das den Vorteil, dass sie sich die Sozialversicherungsbeiträge sparen und gegen Einnahmen von fünf Euro pro Stunde nichts zu machen sei. Einen Vertrag aber hat Karin Schröder nie gesehen, auch keine Gehaltsabrechnung. Einige ihrer Kollegen, sagt sie, sind Aufstocker, arbeiten auf 450 Euro Basis.

Für die Gewerkschaft IG BAU, die die Gebäudereiniger vertritt, ist das Putzen von Sanitäranlagen ein komplexes Ungetüm, schwer zu fassen in Tarifverträge. »Es gibt kein Toilettenreinigungsgewerbe«, sagt Gewerkschaftssekretär Bastian Kaiser von der IG Bau-Berlin. Die Branche ist nicht organisiert. Wenn der seit Januar geltende Mindestlohn unterschritten wird, sei das zwar eine klare Rechtsverletzung, aber nach Tarif für die Gebäudereiniger bezahlt zu werden, der in Berlin seit dem 1. Januar bei 9,55 Euro liegt, ein aufwendiger Kampf. »Der Tarif würde nur gelten, wenn jemand tatsächlich überwiegend mit der Reinigung, beispielsweise von Toiletten beschäftigt ist«, sagt Kaiser. Sobald Karin Schröder das Papier nachfüllt, die Reinigungsmittel besorgt oder den Trinkgeldteller bewacht, wird es schon schwierig. Mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit müsste sie nur mit Putzen verbringen und dafür muss sie penibel ihre Arbeit dokumentieren. Und wenn jemand nur vom Trinkgeld der Kunden bezahlt wird? »Es ist gesetzlich verboten, umsonst zu arbeiten«, sagt Kaiser.

Die Galeria Kaufhof will zu den Vertragsdetails über ihre Toiletten am Alexanderplatz keine genaue Auskunft geben, lässt aber auf Anfrage wissen, dass sie, weil der Standort gut besucht ist, eine Pacht verlangen oder ein Entgelt für die zur Verfügung gestellten Reinigungsmittel. »Die Lohnzahlung an die Mitarbeiter liegt ausschließlich in der Verantwortung der Pachtfirma«, heißt es aus der Kommunikationsabteilung. »Galeria Kaufhof lässt sich jedoch die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben von seinen Dienstleistern obligatorisch bestätigen.« Die Reinigungsfirma mit Sitz in Mannheim hat auf eine Anfrage mit den geschilderten Arbeitsverhältnissen trotz Nachfragen nicht reagiert.

Karin Schröder schreibt nach Feierabend eine Mail: »Allergrößte Hochachtung habe ich vor den Mädchen, die diese schwere Arbeit zehn Stunden und mehr machen. Alle reden von Mindestlohn. Wann passiert endlich etwas?«

*Namen geändert

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