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»Sie brauchen Frieden und Hilfe«

Vorsitzende von AntiWojna über die »sehr kritische« Lage der Flüchtlinge aus dem ukrainischen Donbass

Die Anzahl der Flüchtlinge aus der Ostukraine wird auf eine Million Menschen geschätzt. Die Vereinten Nationen sprechen von einer halben Million. Woher kommt dieser Unterschied?

Einige Gründe haben mit dem nicht definierten Charakter des Konfliktes zu tun, den die ukrainische Regierung eine »Anti-Terror-Operation« (ATO) nennt. Das macht es den Flüchtlingen schwer, einen offiziellen UNO-Flüchtlingsstatus zu erhalten. Sie zählen zu den »vorläufig Umgezogenen«.

In der Ukraine erhalten arbeitslose Flüchtlinge aus dem Donbass nur ein Unterstützungsgeld von 35 Euro pro Monat und zwölf Euro pro Monat, wenn sie Arbeit haben. Um die finanzielle Unterstützung zu bekommen, müssen sich diese Menschen anmelden - und das ist ein langer Prozess, der mehrere Monate dauert. Dabei besteht das große Risiko, dass die wartenden männlichen Flüchtlinge für die ukrainische Armee zwangsrekrutiert und zurück an die Front im Donbass geschickt werden.

Wie ist die Situation der Menschen aus dem Donbass?

Sehr kritisch, vor allem jetzt im Winter. Zur Zeit gibt es allein in der Region von Dnjepropetrowsk etwa 65 000 Flüchtlinge. Es ist zu erwarten, dass sich diese Zahl mindestens verdoppelt. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge innerhalb der Ukraine ist nicht bekannt - Schätzungen reichen von 350 000 bis 450 000 Menschen, die in den Gebieten konzentriert sind, die dem Donbass am nächsten sind, wie Charkow, Odessa und auch Kiew.

Was sind die größten Probleme?

Der Mangel an Wohnraum, an Arbeitsplätzen, und die medizinische Versorgung. Die am schlimmsten von der Krise betroffenen Menschen sind die Rentner, kinderreiche Familien, Menschen mit chronischen Erkrankungen. Die Situation ist katastrophal für Menschen, die eine Hämodialyse, also Blutwäsche, oder eine intensive medizinische Behandlung von Krankheiten wie Aids, Tuberkulose, Hämophilie oder Onkologie brauchen. Auch die Behinderten gehören zu den am stärksten benachteiligten Gruppen.

AntiWojna organisiert Kampagnen - wer hilft?

Unsere Bewegung ist ohne staatliche Unterstützung tätig. Die Regierung hat die Menschen vergessen, die immer noch in der Region der Kampfhandlungen leben. Unsere Mitarbeiter riskieren ihr Leben, um Medikamente und Lebensmittel für diese Menschen zu beschaffen.

Dabei arbeiten wir zusammen mit Freiwilligen und hilfsbereiten Menschen aus Europa, Russland und anderen Ländern, darunter Einwohner der USA und Kanadas. Viele Menschen in der internationalen Gemeinschaft eint das Mitgefühl insbesondere mit den Kindern und alten Menschen des Donbass. Freiwilligenvertretungen wurden in Norwegen, Deutschland, Frankreich und Russland eröffnet. Dazu kommen lokale Organisationen wie »Hilfe für die Kinder in der Ukraine« und »Hilfe für die Kinder des Donbass«. Ganze Familien von Flüchtlingen kommen in unser Büro. Wir versuchen, ihre Probleme zu lösen, organisieren kleinere Veranstaltungen für die Kinder.

Sie haben ihre Eltern noch?

Es ist schwer, die Tragödie zu beschreiben, die durch die sogenannte Anti-Terror-Operation verursacht wurde. Die Pension für Flüchtlingskinder in der Stadt Charzysk zum Beispiel ist ein trauriger Ort. Dort leben 20 Flüchtlingskinder aus dem Donbass. Zehn von ihnen sind zwischen vier und zehn Jahre alt, die anderen sind 10- bis 15-Jährige. Einige dieser Kinder wissen nicht, wo sich ihre Eltern befinden. Die Erwachsenen befürchten, dass sie wahrscheinlich nicht mehr am Leben sind. Aber sie verschweigen den Kindern diese schreckliche Wahrheit. Im Kinderheim gibt es keine Bettlaken. Schuhe, Kleidung und nicht einmal das Essen reichen für die Kinder.

Wie informieren die ukrainischen Medien darüber?

Leider gehören die ukrainischen Medien den Oligarchen. Mit überwältigender Mehrheit widerspiegeln sie lieber den Krieg, die Militärhilfe und die sogenannte Anti-Terror-Operation als über die humanitäre Krise zu berichten. Das Schicksal der Flüchtlinge wird in viel geringerem Maße diskutiert.

Gibt es in der Ukraine internationale Organisationen, die den Menschen helfen können?

Internationale humanitäre Organisationen gibt es hier. Aber sie neigen auch dazu, sich die für die Unterstützung der Armee mit Waffen einzusetzen und sich nicht um humanitäre Hilfe für Kinder, große Familien, Kranke und Behinderte zu sorgen. Das Rote Kreuz sollte dabei behilflich sein, aber es hat offiziell den Antrag abgelehnt in der Konfliktzone zu arbeiten.

Was muss geschehen?

Im Donbass herrscht eine humanitäre Krise. Diese Menschen brauchen Frieden und Hilfe. Nur eines ist notwendig: Man muss sich sofort an den Verhandlungstisch setzen und mit dem Krieg Schluss machen. Sonst wird sich die Lage nur verschlimmern.

Kontakt: AntiWojna, Büro für humanitäre Hilfe: 51200, Ukraine, Dnjepropetrowsk Region, Nowomoskowsk, Lenin-Platz 12, Büro 1. Weblinks: vk.com/public81307511; vk.com/id75117363; www.facebook.com/antiwar2014

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