Und wer spricht vom Krieg?

Wolfgang Hübner über die nur halb ehrliche Terrordebatte

Frankreich hat auf beeindruckende Weise der Menschen gedacht, die in der letzten Woche Opfer terroristischer Gewalt geworden sind. In Analysen und in politischen Erklärungen ist von vielem die Rede: von Menschenrechten und Meinungsfreiheit, von Demokratie, richtigem und falschem Religionsverständnis, von Möglichkeiten und Grenzen einer weltoffenen, multikulturellen Gesellschaft.

Über ein Stichwort wird allerdings weitgehend geschwiegen. Es heißt Krieg. Der Terror islamischer Fundamentalisten ist längst nicht nur, aber auch ein Abwehrreflex gegen die selbst ernannten Ordnungsmächte dieser Welt. Er ist nicht nur, aber auch die Antwort auf Gewalt. Seit jeher begegnen die Zentren des Kapitalismus dem Rest der Welt als Eroberer, Ausbeuter, Unterdrücker, Missionare, joviale Kolonialisten, gönnerhafte Herren, Profitjäger. Immer von oben herab. Krieg gehörte immer zum normalen Handwerk; als Reaktion auf Terror ist dem Westen oft genug nicht mehr und nichts Besseres eingefallen als noch mehr Terror. Bis heute werden so anderswo Verheerungen angerichtet, die wir uns in Europa lieber nicht im Detail ausmalen möchten.

Das ist nicht allein die Ursachen von islamistischem Terrorismus. Aber ohne diesen Ansatz sind alle Bekenntnisse zur Neubesinnung, zur Verteidigung der Demokratie nur die halbe, unehrliche Wahrheit. Die in Paris versammelten Staats- und Regierungschefs können dem auf Dauer nicht ausweichen.

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