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Die Kicker von Krumpa

Bei einem Fußballverein in Sachsen-Anhalt finden Asylbewerber Ablenkung vom harten Alltag

  • Von Max Zeising, Krumpa
  • Lesedauer: 4 Min.

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Fast die Hälfte der Fußballmannschaft des KSV Lützkendorf besteht aus Asylbewerbern. Der Klub leistet gute Integrationsarbeit, die aber durch viel Fremdenfeindlichkeit in der Region torpediert wird.

Auf dem ersten Blick scheint Krumpa ein typisch ostdeutsches Dorf zu sein. Alle zwei Stunden hält hier ein Zug in Richtung Halle/Saale. Fast keiner der etwas mehr als 1000 Einwohner ist auf der Straße zu sehen, nur beim Döner-Imbiss kommt ab und zu jemand vorbei. Und das »Kulturhaus Ernst Thälmann« ist schon lange nicht mehr in einem begehbaren Zustand. Doch Krumpa ist kein Ort wie jeder andere. Seit mehr als zehn Jahren gibt es in dem kleinen Dorf im südlichen Sachsen-Anhalt ein Asylbewerberheim. 280 Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt wohnen hier: Menschen, die am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen - was jedoch in der Provinz noch viel schwerer fällt als in Ballungsgebieten, weil es kaum Angebote gibt - und weil sie noch viel weniger willkommen sind.

Der heimische Fußballklub KSV Lützkendorf bildet die Ausnahme und kann als positives Beispiel für gelungene Integrationsarbeit gelten. 13 von 31 Spielern des Vereins, der in der 2. Kreisklasse spielt, sind Flüchtlinge - also fast die Hälfte des Mannschaftskaders. Die Spieler stammen aus Syrien, Irak und verschiedenen afrikanischen Ländern, vor allem Mali. Der jüngste ist 19, der älteste 28 Jahre alt. »Die Heimbewohner haben hier ein zweites Zuhause gefunden«, sagt Vereinschef und Trainer Marco Brandt. »Sie bereichern uns und helfen uns auch fußballerisch weiter.«

Vor etwa zweieinhalb Jahren hat alles angefangen. Im Sommer 2012 kamen ein paar Flüchtlinge beim Training vorbei und fragten, ob sie mitspielen könnten. Für Brandt war das kein Problem. »Ich bin ein offener Mensch, habe jahrelang im Ausland gearbeitet und bin dort auch mit anderen Kulturen in Berührung gekommen«, sagt der Trainer. Seine damaligen Spieler seien aber geteilter Meinung gewesen: »Einige waren sehr aufgeschlossen. Andere jedoch haben den Verein verlassen, weil sie nicht mit Ausländern zusammenspielen wollten.« Und auch unter Fans und den Dorfbewohnern habe es »eher zurückhaltende Reaktionen« gegeben».

Im Laufe der Zeit kamen jedoch immer mehr Flüchtlinge zum KSV - und man gewöhnte sich nach und nach aneinander. Heute ist das Team zu einer verschworenen Truppe zusammengewachsen. Das ist auch ein Verdienst von Brandt, der zwischen den Alteingesessenen und den Flüchtlingen wie Art Puffer fungiert. «Ich kenne die meisten Leute hier schon seit vielen Jahren. Wir verstehen uns gut», sagt er. Durch seine Offenheit konnte er viele Ängste und Vorurteile abbauen - auch wenn die Kommunikation mit den Asylbewerbern «durch unser gebrochenes Englisch» oft schwerfällt.

Geholfen hat ihm sein Co-Trainer Jeffrey Marcar, der selbst Anfang der 90er Jahre aus Südafrika nach Deutschland gekommen war und sich seit vielen Jahren beim KSV Lützkendorf engagiert. Marcar kennt das Leben in Krumpa. Er weiß, wie sich die Flüchtlingen fühlen, da er die dunklen Seiten des Migrantendaseins in Deutschland kennenlernen musste. «Ich habe hier viel Rassismus erlebt», sagt er. «Du wirst ausgelacht, beschimpft und auf dem Platz böse gefoult. Für manche sind Ausländer an allem Schuld.» Marcar sagt, er habe sich das nie gefallen lassen und manchmal sogar etwas bewirken können. «Einmal wurde ich auf dem Platz rassistisch beschimpft. Da habe ich den Zuschauern den Mittelfinger gezeigt. Nach dem Spiel kamen sie dann mit einem Kasten Bier auf mich zu und entschuldigten sich.»

Die rassistischen Beleidigungen, die die ausländischen Spieler ertragen müssen, spiegeln das hohe Maß an Fremdenfeindlichkeit im Saalekreis deutlich wider. Erst Ende Dezember wurden im wenige Kilometer entfernten Merseburg zwei Afrikaner zusammengeschlagen. Einer von ihnen spielt in Krumpa Fußball.

«Die Flüchtlinge trauen sich nicht allein auf die Straße», beklagt Jeffrey Marcar. «Vor 20 Jahren, als ich nach Deutschland kam, war es zwar noch viel schlimmer, aber heute gibt es immer noch große Probleme.» So kritisiert er die Wohnsituation im Asylbewerberheim: «Es ist ein Ghetto. Drei bis vier Flüchtlinge leben auf 16 Quadratmetern in einem Raum zusammen. Eigentlich ist das Zimmer für eine Person ausgelegt.» Mehrfach haben die Bewohner deshalb in Merseburg für eine Schließung des Heims und für eine Unterbringung in Wohnungen demonstriert. Bislang vergeblich.

Immerhin sind die Flüchtlinge froh über das Engagement des KSV Lützkendorf. «Wir freuen uns, hier Fußball spielen zu dürfen», sagen Salia Sangare und Sivili Traore, die beide seit zwei Jahren im Verein sind. Von ihren Qualitäten profitiert die Mannschaft: Nachdem die Krumpaer in den vergangenen Jahren immer im Mittelfeld der Tabelle zu finden waren, können sie sich in dieser Saison Hoffnungen auf den Aufstieg machen - momentan stehen sie auf Tabellenplatz zwei. Ein paar Jungs mussten sie auch schon an bessere Vereine abgeben. Shaibu Ulana zum Beispiel spielt mittlerweile beim Verbandsligisten BSV Halle-Ammendorf, sechs Klassen höher.

Für die meisten anderen Flüchtlinge bleibt das Fußballspielen eine Abwechslung zum oft tristen Alltag - in einer neuen Heimat, die sie oft nicht willkommen heißt.

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