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Alle Schubladen gefüllt

Sabine Schiffer über »Charlie Hebdo« und Reflexe, die die Berichterstattung ersetzen

  • Von Sabine Schiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Berichterstattung zu den Anschlägen in Paris geriert sich als großer Reflex. Noch bevor man Vermutungen über die Täter anstellen konnte und einen Personalausweis fand, der sich den Killern der »Charlie Hebdo«-Redaktion zuordnen ließ, waren die Schubladen schon geklärt. Auch ohne jede Möglichkeit, die nun erschossenen Verdächtigen nach ihren Motiven zu befragen, kennen wir diese. Und ohne Untersuchung, durch welche Kugeln die Geiseln im koscheren Supermarkt zu Tode kamen, ist alles bereits zugewiesen.

Arabische Namen genügen, um die Einordnung voranzutreiben. Der Moslem war’s und er ist gegen Presse- und Meinungsfreiheit! Das ehemals linke Satiremagazin wird zum Symbol. Jeder weitergehende Kontext der abscheulichen Morde an Karikaturisten, Journalisten, Polizisten und Juden und einem Muslim bleibt ausgeblendet. Der Tod eines ermittelnden Kommissars fällt ganz unter den Tisch. Auch hier die Erklärung vor der Untersuchung: Selbstmord. In der emotional aufgeladenen Situation ist kein Platz für Basisrecherche und seriöse Einordnungen, dies wirkt bereits als Relativierung.

Ich setze mich nun diesem Vorwurf aus, wenn ich versuche, die Reflexe und Folgen für unsere hochgelobte freie Gesellschaft abzuschätzen. Da wird es auch nichts nützen darauf hinzuweisen, wie sehr ich persönlich von dem Tod des Zeichners Cabu betroffen bin. Ich empfehle oft sein medienpädagogisches Buch »Le Monde des Images« (Laffont). In wenigen Bildern wird deutlich, wie Medien unsere Vorstellung von der Welt formen.

Zurück zum schrecklichen Jahresauftakt in Paris, der ein überbordendes Politik- und Medienecho auslöste - im Gegensatz zum Mord an kurdischen Politikerinnen in einer Redaktion in Paris vor genau zwei Jahren, oder zum NATO-Bombardement auf den serbischen Sender Radio Televizija Srbije (RTS) am 23. April 1999 oder zu den sterbenden Journalisten in der Ukraine.

Zugespitzt formuliert kann man nach »Charlie Hebdo« feststellen: Die Vertrauenskrise der Medien wurde mit einem Streich überwunden. Dazu passt die Erklärung des Begriffs »Lügenpresse« zum Unwort des Jahres, so sehr dies historisch auch begründet ist. Die Idealisierung unserer Medien im Umkehrschluss ist reine Selbstbeweihräucherung und überdeckt sowohl interne Kritik an sich verschlechternden Arbeitsbedingungen, als auch seriöse Medienkritik etwa an der Ukraineberichterstattung - wie sie das Gutachten des ARD-Programmbeirats bestätigte.

Plötzlich fühlen sich gar die »Lügenpresse«-Rufer von Pegida & Co. dazu bemüßigt, die Medienfreiheit zu proklamieren - alles, solange es gegen Muslime und andere Minderheiten gerichtet ist. Die unappetitlichen Produkte des französischen Provokationskünstlers Dieudonné fallen nicht unter diese Kategorie. Spätestens hier wird das Messen mit zweierlei Maß deutlich. Seine Inhaftierung belegt, dass es Grenzen der Meinungs- und Pressefreiheit gibt - nicht nur in Deutschland nach der Hetze gegen Juden und dem Holocaust - und dass auch diese Grenzen zu verteidigen sind. Auch dann, wenn die Hetze sich gegen Muslime richtet. Sonst verbleiben wir in der Glaubwürdigkeitskrise.

Und wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Vertrauenskrise befeuert, lässt sich an der Reaktion von »Tagesschau«-Chef Kai Gniffke auf die Kritik an manipulativer Bildverwendung bei der Solidaritätskundgebung in Paris ablesen. Die Berichterstattung suggerierte, dass die Politiker mit dem Volk marschierten. Das taten sie jedoch nur mit einigem Sicherheitsabstand. Der Hauptverantwortliche für die ARD-Nachrichtenformate reagiert auf dem tagesschau.blog auf die Vorwürfe, dass man damit den »Lügenpresse«-Rufern recht gebe, entlarvend: »Ich wehre mich dagegen, über jedes Stöckchen zu springen, dass uns Verschwörungstheoretiker hinhalten. Denn sonst sickert noch viel mehr des Giftes der Furcht in unseren Berufsstand ein. Denn diese Diskussionen hinterlassen Spuren in den Redaktionen. Statt unser Bewusstsein für Qualitätsjournalismus zu schärfen, sind sie dazu angetan Redaktionen zu verunsichern. Das ist das Gegenteil von ›Je suis Charlie‹.« (13.01.2015)

Vielleicht ist es an der Zeit, das Wort »Verschwörungstheorie« zum Unwort des Jahres zu wählen - zumindest dann, wenn es verwendet wird, um Recherche zu verhindern und Medienkritik zu tabuisieren (statt sie zur Meinungsfreiheit zu zählen) und damit die Glaubwürdigkeitskrise der Medien noch zu verschärfen.

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