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Minijob-ABC, heute: DJ

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor elf Jahren legten wir als DJs mit unserem »Kosmosklub« los. Wir, das waren DJ Leutnant Surf, der Surfrock-Trommler Mister Orange, der Zeichner Atak sowie die Schreiberlinge Jakob Hein, Ahne und ich. Wir wollten uns als CD-Einschieber und LP-Aufleger die Nächte um die Ohren hauen und, ausgehend vom Kaffee Burger in Mitte, möglichst in aller Herren Stadtbezirke reisen.

»Kosmosklub - Interplanetarische Tanzmusik für den Ostler von Morgen«, so hatte es Ahne dem Fabrikanten der Veranstaltungsmerkzettel diktiert. Flotten Surfrock und diffuses Retrozeug ließen wir erklingen, denn das hatte uns der Leutnant gelehrt. Er war für uns vermeintliche Tanzflächendompteure so prägend wie Wladimir Kaminer für die Multikultikurzgeschichtenautoren.

Jeweils zwei unserer Jungs traten zu einer Sause an, jeden vierten Donnerstag. Viel zu selten. Nie war jeder DJ mit jedem am Start. Unser Wiedererkennungswert tendierte gen Null, zumal unser Publikum zu einem Großteil aus Touristen bestand, die sich mit den Schlagern aus den Tagen vor dem Mauerbau schnell vertreiben ließen (obwohl sie eigentlich wegen der Tapete in dieses Lokal gekommen waren, die aus jener Zeit zu stammen schien). Zugegeben, wenn wir nach einer Lesung oder einem Film um 23 Uhr loslegten, füllte sich die Tanzfläche bedrohlich spät, meistens so nach anderthalb Stunden; doch dafür hielten wir mit unseren Tanzmäusen durch, mindestens bis die Bäcker öffneten. Oft flehten uns die Bar-Kräfte an, nur noch einen Rausschmeißer aufzulegen, denn sie konnten nicht mehr.

Es war ein schöner, stressiger Job, wir mussten viel trinken. Bier und Kaffee zum Lockerwerden und Wachbleiben, zwischendurch Whiskey und Wasser wegen »mal was anderes«. Die Bäuche blähten sich auf, die Augen blickten irre. Nie werde ich vergessen, wie unser Leutnant stehend hinter seinem Plattenspieler schlief, obwohl er eigentlich unser Drogenbeauftragter war. Das lag bestimmt am Sauerstoffverhältnis, denn das war im Kaffee Burger schlechter als auf der Torstraße selbst. Ich verlor während dieser Nächte einige Tonträger und ungezählte Gehirnzellen. Geld gab es nur so viel zu verdienen, um drei neue Schallplatten kaufen zu können. Aufwandsentschädigung ohne EU-Zuschlag. Unsere Frauen und Kinder weinten, nach einem Jahr waren die Tanzwirtschaftsbetreiber Karl & Co. nicht mehr so heiß auf uns. Einen anderen Schuppen zu belagern, war uns nicht so wichtig. Einer der wenigen Fans meinte zwar, es sei eine Ehre, unter diesen Verhältnissen gescheitert zu sein, doch manchmal wäre ich gerne als DJ Baufresse von Birmingham nach Bombay gereist.

Heutzutage legen Mr. Orange und Ahne auf PiRadio 88,4 auf, während Lt. Surf am Wasserturm in der »Rumbalotte« nach alter Schule zum Tanz lädt. Jakob Hein und Atak leben in Argentinien. Ich vertrete auf privaten Feiern gerne den Reverend DJ während seiner Sex-Pause, was genügt, denn als Autor lese ich auch nicht die halbe Nacht vor. Am allerliebsten beschalle ich meine Wohnung endlos mit Hildegard Knef.

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