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Brot mit etwas Koriander

Journalist und Poet: Vor zweihundert Jahren starb Matthias Claudius

Zuletzt geriet sein Leben aus den Fugen. Wieder war Krieg. 1811 wurde das besetzte Hamburg französisch und der Weg vom dänischen Wandsbeck (nach alter Schreibung), wo Matthias Claudius wohnte, durch eine Zollgrenze versperrt, unpassierbar für einen, auf den Frankreichs Zensoren ein Auge warfen, schließlich hatte er sich selber als »Prediger der Fürsten-Rechte und des Gehorsams« bezeichnet. Die Pensionszahlungen kamen nun nicht mehr an, das Geld wurde knapper, die Bedrängnisse wurden immer größer, er überlegte schon, ob er sich von seinem Haus trennen müsste.

1813 eroberten russische Truppen Hamburg, wurden aber kurz darauf von den Franzosen wieder verjagt. Im Sommer floh Claudius und rettete sich nach Schleswig-Holstein. Das Haus in Wandsbeck bei der Rückkehr nach einem Dreivierteljahr »Emigration« ein »Schweinstall«. »Der Krieg ist eine schreckliche Sache«, schrieb er, inzwischen durch »Unruhe und Sorge« so geschwächt, dass er sich nicht mehr erholte. Seinen 74. Geburtstag im August 1814 konnte Claudius, der nun immer stärker sein Heil im Glauben suchte, noch feiern, aber bald darauf, am 21. Januar 1815, ist er gestorben.

Bis auf die dramatischen Umstände der letzten Zeit ist es ein eher ruhiges Leben gewesen, das er geführt hat. Er kam, geboren 1740, aus einem Pfarrhaus, studierte in Jena Theologie und Jura, publizierte 1763 sein Büchlein »Tändeleien und Erzählungen«, das ihm die Kritik um die Ohren schlug und das dennoch 1764 erneut aufgelegt wurde, ging, als Dichter erst einmal gescheitert, nach Kopenhagen, wo er einem Grafen diente, lernte Klopstock kennen und durch seine redaktionelle Arbeit bei den »Hamburger Adreß-Comptoir-Nachrichten« auch Lessing und Herder.

Im Herbst 1770 dann eine neue und folgenreiche Aufgabe. »Auf Neujahr«, schrieb er an den Schriftsteller und Kritiker Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, »legt Bode in Wandsbeck eine Zeitung an, und ich werde sie schreiben helfen.« Dieselbe Nachricht im Brief an Freund Herder, dazu die dringende Bitte: »Helfen Sie mir, den Wechselbalg zur Welt bringen …« Claudius sammelte Mitstreiter für ein Unternehmen, das »wie die meisten Zeitungen einen politischen und einen gelehrten Artikel haben« sollte, Nachrichten zum Tage und Feuilletonistisches zur Unterhaltung.

Der »Wandsbecker Bote«, eine Dorfzeitung eigentlich, die viermal in der Woche erschien, wurde ein Ereignis, denn Claudius, der sich als Herausgeber bald Asmus nannte (und unter diesem Namen auch seine »Sämtlichen Werke« herausgab), schaffte es, dem Blatt dank erstrangiger Autoren literarisches Gewicht zu verschaffen. Sogar Goethe schickte ein paar Kleinigkeiten. Endlich konnte er für seine Neigungen leben, die Poesie, die Kunst, die Musik. Er war in seinem Element, druckte Lyrik und Prosa, Rezensionen, Erbauliches, Scherze, Gespräche, vieles aus eigener Feder, suchte die Nähe zum Publikum, mied alles Gelehrte, alles Abstrakte, gab sich schlicht, unprätentiös und im Plauderton, schrieb, alltagserfahren, bilderreich und pointensicher, so, dass ihn jeder verstehen konnte. Was er als Autor liefern wollte, hat er 1782 in einer Subskriptionsanzeige in bündige, anschauliche Worte gefasst: »Also freilich kein Ambrosia, aber auch keine raffinierte blähige Konditorware, die, wie mein Vetter sagt, in der Welt für Ambrosia verkauft wird, sondern ehrlich hausbacken Brot mit etwas Koriander, das dem armen Tagelöhner besser gedeiht und besser gegen Wind und Wetter vorhält; zum Zierrat und Abzeichen soll allerdings hin und wieder dran ein Herz oder ein Schlüssel eingedrückt werden …«

»In Monsieur Claudius«, meinte Goethe, »schlummern so viele Talente, daß man in seine Brust greift, staunt und wieder staunt, wenn sie urplötzlich dem Ätna gleich zum Ausbruch kommen.« So freundlich hat er sich später nicht mehr geäußert, wie überhaupt die Urteile über Claudius enorm divergierten. Für den Schweizer Lavater war er ein »Genie des Wahrheitssinnes! Genie des Herzens!«, für Wilhelm von Humboldt hingegen »eine völlige Null«. Lange danach erst hat man ihm die poetische Schlichtheit, die sich alle kunstvolle Ziselierung versagte, das Unbefangene, Spontane, auch Naive nicht mehr durchweg als Mangel angekreidet. Als Hofmannsthal 1922 sein »Deutsches Lesebuch« konzipierte, nahm er auch Claudius auf und meinte, so gering könne einer nicht gewesen sein, wenn er es schaffe, sich in Gesellschaft der Großen zu behaupten. Und Karl Kraus zitierte Claudius, einen »der allergrößten deutschen Dichter«, 1917 in der »Fackel«: »zur Mahnung, in welcher Zeit wir leben«. Und druckte, mit Blick auf die Verwüstungen des Ersten Weltkriegs, die berühmten Zeilen: »’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre / Und rede du darein! / ’s ist leider Krieg - und ich begehre / Nicht Schuld daran zu sein!«

Zur Verteidigung des Matthias Claudius vor Geringschätzung ist jüngst auch Martin Geck angetreten. Er hat mehrere Musikerbiografien verfasst und beschreibt nun den Mann, dessen »Abendlied« (»Der Mond ist aufgegangen«) er schon in seinen frühen Tagen kennenlernte. Es ist ein engagiertes und bewusst subjektiv gehaltenes Buch, das mit einem Kapitel »Mein Claudius« beginnt und endet, wobei sich Geck so uneingeschränkt auf die Seite des Dichters schlägt, dass alle, auch Goethe, auch spätere Kritiker, belehrt werden, die nicht derselben hohen Meinung sind wie er.

Claudius war ein leiser und frommer Mann, verwurzelt im Alltag und in der Familie, Feind der Fürstenwillkür, aber zufriedener Untertan, Gegner der Französischen Revolution, ihrer Ideen und ihrer Gewalt, ein Autor mit dem Ohr für Handwerker und Bauern, der nie auf Rosen gebettet war, der immer zu tun hatte, sich und die Seinen durchzubringen. Aus der Geschichte der Publizistik ist er nicht wegzudenken, und Gedichte hat er geschrieben (»Der Mensch«, »Ein Lied« oder »Urians Reise um die Welt« mit den Eingangszeilen »Wenn jemand eine Reise tut / So kann er was erzählen«), die, Allgemeingut längst, nicht altern können.

Martin Geck: Matthias Claudius. Biographie eines Unzeitgemäßen, Siedler, 320 S., geb., 24,99 €.

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