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Ein Vorschlag, stärker über Zukunft zu reden

Die linke Frage diskutieren: Hat der Kapitalismus eine Zukunft – und wenn ja, welche vor allem?

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«…die neue Zeit die mit uns zieht» (1914)

«Die grundlegende Aufgabe einer genuinen Revolution ist
niemals bloß ‚die Welt zu ändern‘,
sondern auch – und vor allem anderen –
‚die Zeit zu ändern‘.» (1993 Giorgio Agamben)

1. Über Zukunft zu reden bedeutet auch, über Zeit zu sprechen und wie sich 
der gegenwärtige Zusammenhang von Kapitalismus und Zukunft historisch herausgebildet hat.

Mit der «langen Zeit» der Entstehung des Kapitalismus geht ein historischer Umbau der Zeitverhältnisse einher: Vom religiös-transzendenten adventus («die Zukunft kommt», time to come, Z. als «das Ankommende») und der zyklischen Naturzeit zum aktiven futurum («Zukunft machen»). Ein aktives Verhalten gegenüber der Zukunft setzt sich durch: Zukünfte werden imaginiert (Utopien, heute: Visionen, Hoffnung, Versprechen, Planung, Gestaltung etc.) und daran gedacht und gearbeitet, wie man sie «erreicht», also auf eine Weise von hier nach dort kommt, die Zukünfte beeinflusst. Es gibt mögliche Zukünfte, Zukunft ist veränderbar – ein Gedanke, der in der sozialistischen Tradition auf neue Füße gestellt wurde. 
In der Wirklichkeit des neuen Kapitalismus entsteht eine neue Zeitpraxis, und, vor allem, die Rechnung mit und auf Zukunft wird in die politische Ökonomie eingebaut: das Zeitkalkül auf Profit, die Operation des Kredits, der raumzeitlich organisierte Stoffwechsel mit der Natur und ihre Inwertsetzung; die zeitliche Bindung des fixen Kapitals hat lange Gewicht, der Markt ist das Medium der zukünftigen Gewinnaussichten, indem die künftige Gegenwart in die gegenwärtigen Zukünfte eingepreist und verrechnet wird, der Fokus liegt auf Arbeitszeit und Vermehrungszeit, kurz: «eine kapitalistische Zeit» (Noel Castree) entsteht, der Kampf um Zeit beginnt. Der Kapitalismus etabliert sich als enorme Zukunftsgesellschaft (->Moderne). Mit Zukunft als Kulturpraxis.

2. Wie funktioniert er? Was sind die «Großen» Methoden, Verfahren, Verhaltensweisen / Strategien und Felder seiner praktisch / politischen Zukunftsbearbeitung?

Im Alltagsgebrauch gehen die üblichen Zeitkonzepte von einer universellen, linearen, unidirektionalen, irreversiblen und überwiegend kontinuierlichen Zeitordnung aus, die Zeit als eine Linie begreifen, die von der Vergangenheit über den fiktiven Punkt der Gegenwart in eine Zukunft gehe (Koselleck). Dieser gebräuchlichen Art der Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gilt Zukunft als bloße «Verlängerung» einer uns vertrauten Gegenwart. Sogar präzise Vorhersagen einzelner Ereignisse (prediction) scheinen da möglich. Aber: «Die Zukunft ist und bleibt unbekannt, denn mit jeder eintretenden Gegenwart schiebt sie sich hinaus, erneuert sich als Zukunft.» (Luhmann). 
Es wird also jetzt vorwegnehmend und antizipierend prophezeit, erhofft, imaginiert, gehandelt, gekämpft, investiert, gedroht, gebombt, okkupiert, mobilisiert und ausgerottet im Namen von etwas, was nicht geschehen ist oder womöglich niemals geschehen wird: einer Zukunft oder der Zukünfte, die Anlass, Bezug oder Rechtfertigung eines Handelns hier und heute werden, zumal wenn dieses auf Veränderung, Reform, Transformation oder gar Revolution aus ist. Wichtig ist der Gedanke der ständigen brüchigen Verknüpfung von Gegenwart mit Zukünften – immer und überall. Interessant ist die Frage nach den «starken», «großen» Engagements auf Zukunft, die allesamt Politik durchdringen:

  • Vorausschau («foresight» – Alltagsdenken oder spezialisierte Trends, Szenarien usw.) und «Backcasting» («Rückrechnung» präferierter Zukünfte der Macht auf die Einstiegsprojekte der Gegenwart) – Übliche Begriffe sind: wahrscheinliche, mögliche, plausible, erwünschte, unsichere Zukünfte
  • Vorsorge [Beseitigung von Alternativen – da geht es in erster Linie nicht um die «Daseinsvorsorge» sondern, um das Projekt, den Kapitalismus global zu machen und zu halten; um seine Krisen und Systemgefährdungen; dann um die «Erfindung» des Sozial-& Versicherungsstaats – gegründet auf der Idee von «wahrscheinlichen» Zukünften gemäß der «sicheren» Auswertung der Vergangenheit],
  • Prävention [vorhandene Ansätze für alternative Zukünfte beseitigen],
  • Präemption [mögliche Zukünfte «möglichst unwahrscheinlich oder unmöglich» machen – in den Zeiten der Katastrophen etwa],
  • Preparedness [«Vorbereitung» – > sich auf die Folgen von Zukünften einrichten – wenn man sie schon nicht vorweg beseitigen kann],
  • Resilienz [die Gesellschaft / Subjekte vorbeugend widerstandsfähig machen «gegen» alle möglichen Zukünfte – neoliberal positiv: Zukunft als Chance],
  • Zeitverknappung [Kurzzeitsicherheitsgewinne erreichen –-> Beispiel Hochgeschwindigkeitshandel]

3. Die linke Frage diskutieren: Hat der Kapitalismus eine Zukunft – und wenn ja, welche vor allem?

  • Frage nach der «Nachhaltigkeit» (Überlebensfähigkeit) des K. –welche Krisen-, Zerfalls- und Zerstörungselemente sind wirksam? {die neue Dynamiken der Ungleichheit, Naturzerstörung, Macht-Gewalt-Krieg!}
  • Welche strategischen «starken» Zukunftsprojekte verfolgt der Kapitalismus (Industrie 4.0/Big Data, Selbstbefähigung für imperiale Hegemoniekämpfe, etc.)?
  • Frage nach den varieties of (neoliberal) capitalism / Szenarien / «Green Economy» und «Guter Kapitalismus»- In welcher «großen» Zeit leben wir eigentlich ? {«Der Name der Zeit”, Kapitalozän, Zeit der Katastrophen etc.…}
  • Was sind die Zeitverhältnisse des Neoliberalismus? -> Zerfall und Zerstörung der »großen Erzählungen«, Datenzeit (»enforced presentism« – Guyer)
  • Welche Machtorte der Generierung »gegenwärtiger Zukünfte« (»Zukunftskapital«) und ihrer Landnahme gibt es und was tun sie?
  • – Finanzakteure und multinationale Unternehmen (Deutsche Bank, Daimler, Siemens, Lufthansa, Bayer, BASF, BMW, Volkswagen u.a. und global noch ca. 200 weitere)
  • – Staatsapparate (immer noch vor allem: Militär {NATO, BMVg-Dezernat Zukunftsanalyse} BMBF-FuT, Energie-, Ressourcen und Stoffwechselapparate; EU; ESPAS; OECD; WEF)
  • – Versicherungskapital (Munich Re, Allianz)
  • – Politische Akteure: Transzendenzinstitute (Kirchen, Medien etc.), Think Tanks {Zentral: Stiftung Neue Verantwortung, Bertelsmann, Mercator, FhG, Prognos, Ratingagenturen, Kinsey u.ä., Intelligence, BND? Uvam.}
  • Beispiel Bundeskanzleramt:
  • 2008/09: Deutschland eine Generation weiter: Wie werden wir leben? Wie wollen wir leben?» Werkstattgespräche
  • 2011/12: Menschlich und erfolgreich. Dialog über Deutschlands Zukunft« (Bürger+Expertendialoge)
  • 2013: Was Menschen wichtig ist – Lebensqualität und Fortschritt
  • 2014/2016: Regierungsstrategie »Gutes Leben – Lebensqualität in Deutschland« (Januar 14 beschlossen, Bürgerdialoge + Experten, Beginn 2015) (Hoffnungspolitik)

Der klassische linker Angriff auf die Zeit und …

  • Zentrale Zukunftsidee: Postkapitalismus / Sozialismus
  • Zentrales Instrument: Planung statt Markt
  • Zentrale Methode: revolutionärer Bruch, der das Kontinuum der Geschichte aufsprengt: die Schüsse auf die Turmuhren von Paris 1830

Wie arbeitet die Linke heute mit Zukunft? -> Die Linke als »Expertin« alternativer Zukünfte?

  • Arbeit an möglichen Zukünften (unser buen vivir! contra Merkel…),
  • Welche Zukunftsvorstellungen, Visionen etc. haben Parteilinke, soziale Linke, Wissenschaftslinke, Kulturlinke, Grüne Linke?
  • Verknüpfung von gegenwärtigen »Einstiegen« in noch nicht existierende »gegenwärtige Zukünfte« und »künftigen Gegenwarten« (Transformationskonzepte),
  • Zeitpolitisch heute akzeptiert: vor allem Kampf um Arbeits-Zeit
  • Idee der Verknüpfung von Verteilungs- und Zeit(Zukunfts-)politik: Reiche Zeit – Zeitreichtum – statt wertgesetzte und Vermehrungszeit -> Demokratie und Verteilung in eins: »Reichtum ist verfügbare Zeit, und sonst nichts.« (Marx) – gegen die neue Ungleichheit.

Der Beitrag erschien zuerst hier.

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