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Ein Denkmal für Alan Turing

Im Kino: »The Imitation Game« von Morten Tyldum

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Film selbst ist eher altmodisch, das Ergebnis seiner Haupthandlung vorhersehbar, schließlich liefert es seit Jahren Futter für Filmstoffe. Die physische Darstellung des Zweiten Weltkriegs, dessen Wüten der Handlung Dringlichkeit verleiht, ist tricktechnisch altmodisch, beinahe möchte man sagen: altbacken, fast so, als stamme der Film aus den Zeiten, die er darstellt. Ein Geldproblem, möglicherweise, vielleicht aber auch ein bewusster ästhetischer Rückgriff, so wie die Pullunder der Männer und die strikte Wohlanständigkeit, zu der die Zeitläufte das einzige nette Mittelklassemädchen unter den Codebrechern von Bletchley Park verdammen.

Die zeitversetzte Rahmenhandlung aber wird man so schnell nicht vergessen, denn Benedict Cumberbatch als schwuler Computer-Pionier Alan Turing brennt sich mit dieser Darstellung in eine Schicht des sozialen Zuschauerbewusstseins ein, von der man schon glaubte, sie sei in diesen (jedenfalls geschlechterpolitisch glücklicheren) Zeiten taub geworden. Denn nicht etwa als Held wurde der Mann gefeiert, der hier unter striktester Geheimhaltung dem britischen Militärgeheimdienst dabei hilft, die Codes der Enigma-Maschine zu brechen, mit der Nazideutschland seine militärischen Nachrichten verschlüsselte. Stattdessen wurde er, der damit entscheidend zum glücklichen Ausgang des Krieges beigetragen hatte, wenige Jahre später als Schwuler ein Opfer der engstirnigen Moralcodes der 50er Jahre und ihrer grotesken juristischen Auswüchse.

Nun ist Alan Turing, so wie Cumberbatch (»Sherlock«, »Parade’s End«) ihn spielt, kein unmittelbar angenehmer Zeitgenosse. Niemand, der mit seinem Charme überzeugen würde, dabei zugleich sehr von sich eingenommen, ein echter Autist, wo es um soziale Konventionen und die Erwartungen anderer geht. Ein Mathe-Genie aber auch, das sich ebenso unbescheiden wie zutreffend selbst zu den besten der Welt zählt, was bei Vorgesetzten wie Kollegen für Unmut sorgt. Die selbstentwickelte Maschine, die schließlich den Durchbruch zum Sieg der Alliierten bringen wird, verteidigt er nicht nur gegen alle Zweifel an ihrem Sinn und Nutzen. Er scheint diese Maschine auch besser zu verstehen als er die für ihn weitgehend unbegreiflichen Mitmenschen versteht, denen er mit der Erfindung das Leben rettet. (Oder jedenfalls vielen von ihnen, denn alle ließen sich nicht retten, ohne das erfolgreiche Knacken des Codes an die Deutschen zu verraten, was die ganze Unternehmung hinfällig gemacht hätte - ein moralisches Dilemma, das dem Film eine zweite Doppelbödigkeit verleiht.)

Wie viele Millionen Menschen durch Turings Erfindung mutmaßlich vor dem Krieg gerettet wurden, zählt später der Abspann des Films vor, da ist es um den Erfinder selber schon geschehen. »The Imitation Game« zeichnet seinen Werdegang nach, vom stillen, an seinem sehr britischen Jungen-Internat von den extrovertierteren Mitschülern gewalttätig gemobbten (und da schon unglücklich verliebten) Schüler über den autoritätsfeindlichen, monomanen Code-Brecher der Kriegsjahre, der gegen Blitzkrieg und Luftwaffe seinen Lauf gegen die Zeit zu gewinnen sucht, bis zum inhaftierten, peinlichen Verhören unterzogenen, durch einen staatlich verordneten Hormon-Cocktail »chemisch kastrierten« und dadurch in seiner Motorik und körperlichen Integrität beschädigten Depressiven, der 1954 mit nur 41 Jahren wahrscheinlich (der Film hegt daran keinerlei Zweifel) Suizid beging.

Alex Lawther als Schuljunge Turing, Keira Knightley als gewitzte Denkerin im Team der Code-Knacker (und zeitweilige Verlobte Turings), Matthew Goode (»A Single Man«) und Allen Leech (der revolutionäre Chauffeur aus »Downton Abbey«), Charles Dance in der Rolle des von Turings Eigenmächtigkeiten zu offener Feindseligkeit provozierten militärischen Chefs von Bletchley Park und Mark Strong als subtiler agierender geheimdienstlicher Vorgesetzter der Code-Brecher: Sie alle sind sehenswert. Cumberbatch aber ist es, der dem Film eine tragische Dimension und eine unvergessliche Persönlichkeit verleiht, die um Haupteslänge über Drehbuch und Inszenierung ragen. Der norwegische Regisseur Morten Tyldum (»Headhunters«) mag ebenfalls für einen Oscar nominiert sein, aber nicht ihm oder seinem Drehbuchautor Graham Moore ist es zu verdanken, dass »The Imitation Game« weit mehr geworden ist als nur ein weiterer Film in einer ganzen Enigma-Reihe.

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