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Heikler Schnellstart in die Welt

Niedersachsens Regierung will die hohe Zahl vermeidbarer Kaiserschitt-Entbindungen senken

Die Zahl der Geburten durch Kaiserschnitt liegt in Niedersachsen über dem Bundesdurchschnitt. Der Landtag stärkt nun eine Kampagne für die natürliche Entbindung.

Narkose und Skalpell sollen die Ankunft eines kleinen Niedersachsen nur dann begleiten, wenn ein medizinischer Notfall vorliegt. Diese Ansicht von Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) tragen alle Fraktionen des Landtages mit. Einmütig hat das Parlament die rot-grüne Landesregierung aufgefordert, eine bereits angelaufene Kampagne zum Fördern der natürlichen Geburt auszuweiten. Denn, so die Meinung im Plenum: Viel zu oft werde per Kaiserschnitt entbunden. Auf diesem Weg kommt in Deutschland mittlerweile jedes dritte Kind zur Welt.

In Niedersachsen hat sich die Zahl der Schnittgeburten in den vergangenen 20 Jahren auf 33 Prozent aller Entbindungen verdoppelt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seien nur 15 Prozent dieser Operationen erforderlich, sagte Sozialministerin Rundt. Niemand bezweifle, dass in einer Notsituation der Kaiserschnitt das Leben von Mutter und Kind retten kann, aber: »Der Dienstplan eines Krankenhauses, rückläufige Geburtenzahlen oder ähnliches dürfen nicht ausschlaggebend für solch eine OP sein«, betonte die Sozialministerin. Zumal aus Studien hervorgehe, dass nach einem medizinisch nicht notwendigen Kaiserschnitt häufiger gesundheitliche Probleme bei Mutter und Kind auftreten als nach einer Geburt auf natürlichem Weg.

Der Hauptgrund für einen nicht zwingend erforderlichen Kaiserschnitt sei zumeist Angst, hieß es im Parlament: die Angst vieler Frauen vor den Schmerzen während der Geburt und die Angst der werdenden Mutter vor einer Schädigung des Kindes durch die Strapazen der natürlichen Entbindung. Darüber hinaus gebe es in Kliniken die Angst, dass dem neuen Erdenbürger bei Verzicht auf den Kaiserschnitt etwas zustößt und dann Regressansprüche seitens der Eltern gestellt werden könnten. Auch wirtschaftliche Überlegungen dürften den Griff zum Messer begünstigen. Laut Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) zahlt die Krankenkasse für eine natürliche Geburt nur etwa 1500 Euro, für einen Kaiserschnitt mindestens 2400 Euro.

Sorge um Fitness und Aussehen können ebenfalls Motiv für einen Kaiserschnitt sein. Es gebe Frauen, die wollen »schnell wieder ihr Bikinifigur haben«, bemerkte Sylvia Bruns (FDP). Offenbar bedächten sie nicht, dass sie sich dafür einem chirurgischen Eingriff unterziehen. Die Landesregierung wird nun die Kampagne zur Förderung der natürlichen Geburt weiter unterstützen. Dazu gehören Beratungsangebote für werdende Eltern ebenso wie der Modellversuch »Hebammensprechstunde« und die Einrichtung von »Hebammenkreissälen«. In ihnen, so erläuterte Thela Wernstedt (SPD), werden Frauen vom Anfang bis zum Abschluss der Geburt ausschließlich von Hebammen betreut. »Nur dann, wenn sich gravierende Schwierigkeiten ergeben, wird ein Ärzteteam mit operativen Eingriffsmöglichkeiten hinzugezogen«, so die Abgeordnete.

Auf Bundesebene wird sich die niedersächsische Landesregierung für einheitliche Leitlinien einsetzen, die bei der Entscheidung pro oder kontra Kaiserschnitt hilfreich sind. Maßnahmen, die »der betriebswirtschaftlichen Attraktivität« von Schnittentbindungen entgegenwirken, stehen ebenfalls auf der niedersächsischen Agenda. In der medizinischen Ausbildung, so ein weiteres Ziel der Kampagne, soll »der Wissens- und Kompetenzverlust rund um die natürliche Geburt« aufgehalten werden.

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