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Zurück aus dem Wald

Von Hooligans war kaum mehr die Rede - mit Hogesa und Pegida rücken sie wieder ins Blickfeld

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Über traditionelle Feindschaften hinweg organisieren sich rechte Hooligans in Deutschland, melden in Fankurven wieder Ansprüche an und zeigen vor allem auf der Straße Präsenz.

Ackerbau und Viehzucht sind ehrenwerte Tätigkeiten. Doch darum ging es in der Regel nicht, wenn man in Hochburgen des Hooliganismus der 1990er Jahren die Frage stellte, wo denn die Fußballschläger von einst abgeblieben sind. »Wald und Wiese«, hieß es dann in der jeweiligen Fanszene. Oder: »Die gehen nur noch auf den Acker.«

Gemeint war folgendes: Die Hooligans aus den 90ern, oft längst reifere Herren, die auf die 50 zugingen, trafen sich nur noch zu verabredeten Kämpfen mit Gleichgesinnten anderer Vereine. Und das nicht etwa im Stadionumfeld, wo sie bei Schlägereien unweigerlich ins Blickfeld von Polizei und Überwachungstechnologie gekommen wären. Sondern in Industriegebieten und Wäldern, eben »auf dem Acker«. In den Stadien selbst hatten die Hooligans hingegen kaum noch Einfluss, sie suchten ihn auch nicht mehr. Vielleicht ist das der Grund, warum längst nicht nur die Polizei, sondern auch viele Fanvertreter lange Zeit geglaubt haben, Hooligans seien ein Phänomen des ausgehenden letzten Jahrhunderts - wie Spandex-Hosen und Minipli-Frisuren.

Jetzt, wo sich die Hooligans mit Macht zurückgemeldet haben, ist die Öffentlichkeit alarmiert. Staat und Justiz sind es sowieso. Dass die Berufungsverhandlung gegen die fünf mutmaßlich rechten Hools der Dresdner Gruppierung »Elbflorenz« im November 2014, also wenige Tage nach der von der Szene organisierten Massendemo in Köln am 26. Oktober stattfand, dürfte wohl kein Zufall sein. Zumal die Hooligans längst auch als politischer Akteur wahrgenommen werden.

An den derzeitigen Pegida-Demos in Dresden und ihren Ableger in Leipzig nehmen regelmäßig hunderte Hooligans teil, auch hier werden traditionelle Feindschaften wie etwa die zwischen Berlin (BFC Dynamo) und Dresden (SG Dynamo) hintangestellt. Ähnlich sieht es in Leipzig bei Legida aus, wo rechte Hooligans aus den beiden Traditionsvereinen Lok und ehemalige Chemiker sogar zu den Organisatoren zählen. Es dürfte also kein Wunder sein, dass sich die Bewegung »Hooligans gegen Salafisten« (Hogesa), die noch im Herbst die Schlagzeilen bestimmt hatte, derzeit merkwürdig zurückhält und vage für eine geplante Demonstration in Erfurt wirbt.

Dass eine im eigenen Forum beworbene Demonstration in Essen am vergangenen Sonntag von den Behörden verboten wurde, nahm die Szene jedenfalls halbwegs protestlos hin. Und das, obwohl die Begründung für das Verbot eher fragwürdig war.

Zum Teil liegt das an internen Streitigkeiten, die schon zu einer Abspaltung geführt hat. Neben Hogesa gibt es auch »Gemeinsam sind wir stark« als selbstständige Gruppe. Zum Teil liegt es daran, dass sich zumindest weite Teile der ostdeutschen Hooliganszene derzeit bei Pegida offenbar gut aufgehoben fühlen. Gut ein Jahr nachdem zumeist rechtsgerichtete Hooligans außerhalb des Fußball-Zusammenhangs auf sich aufmerksam machten, scheint die Szene gespalten, aber dennoch wild entschlossen, sich nicht mehr - wie in der Zeit vor dem Februar 2014 - auf »Wald und Wiese« zu beschränken.

Damals arbeiteten sich die rechtslastigen Hooligans zum ersten Mal öffentlich an ihrem erklärten Hauptfeind ab: Bei einer Kundgebung des Salafisten-Predigers Pierre Vogel in Mannheim tauchten plötzlich 200 Hools auf, darunter nach Polizeiangaben auch der Nazi-Hool Christian Hehl, der seit Sommer für die NPD im Mannheimer Gemeinderat sitzt. Längst gehörten zu diesem Zeitpunkt aber auch schon Rocker-Gangs zum inneren Zirkel der Hogesa, die anfangs vor allem ein subkultureller Zusammenschluss aus Bikern, Türstehern und Hooligans waren, viele von ihnen eng verbandelt mit den rechten Szenen in ihren jeweiligen Städten.

In den Monaten darauf gelang Hogesa endgültig die landesweite Vernetzung. Dass ein paar Monate später in Köln dann Parolen wie »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus« oder »Hier marschiert der nationale Widerstand« zu hören waren, dass Aufkleber von Neonazikameradschaften verklebt wurden, wunderte Beobachter der Szene zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Die Polizei wurde in Köln dennoch auf dem falschen Fuß erwischt. Am Ende standen 1300 Polizisten einer Übermacht von 4800 Demonstranten gegenüber - darunter weit mehr Rechtsextreme als die Zahl (400), mit der die Kölner Polizei im Vorfeld gerechnet hatte.

Dabei kam die Bewegung nicht aus dem luftleeren Raum. Seit Februar 2012 haben die Behörden Hinweise darauf, dass sich traditionell verfeindete Hooligangruppen vernetzen. Auf Initiative der berüchtigten Dortmunder »Borussenfront« trafen sich damals diverse Hooligangruppen zu einem »vereinsübergreifenden Austausch« auf einem Bauernhof in der Nähe von Leichlingen im Rheinland. Es war die Geburtsstunde der »Gnu Honnters«, eine Verballhornung von »New Hunters« (»neue Jäger«).

Antifaschistische Ultra-Gruppen in Aachen, Duisburg, Düsseldorf und vielen anderen Städten in unterklassigen Ligen berichteten seither immer wieder, dass sie von rechten Hooligans eingeschüchtert und verprügelt wurden. Kein Zufall: Dass die angeblichen »Zecken« in vielen Fankurven die Dynamik bestimmen, ist den älteren Herrschaften ein Dorn im Auge. Sie bilden dabei eine stille Allianz mit vielen Fußballfreunden, die sich selbst als »unpolitisch« bezeichnen würden, aber auch finden, dass Schmähungen wie »Neger«, »Schwuchtel« oder »Bimbo« zum Fußball dazugehören. In den Zeiten, in denen die späteren »Gnu Honnters« den Ton in der Kurve angaben, war das auch so.

Nun schlossen sie sich Hogesa an, einer Bewegung, die tatsächlich auch Menschen ansprach, die nicht der rechten Szene angehörten, sondern Angst vor islamischen Fanatikern hatte: »Wir waren die erste Bewegung, die ihre Ängste, die Ängste der Bürger, auf die Straße getragen hat. Dafür wurden wir von Medien und Politik als rassistische, rechtsradikale Unmenschen dargestellt«, heißt es dieser Tage in einer Hogesa-Erklärung, in der man behauptet, man habe sich von den »Leuten aus der Politik« getrennt. Angesichts des Attentats von Paris wolle man »nachfragen, ob es immer noch unbegründete Ängste sind oder ob diese Thematik nicht doch real ist«.

Was folgt, sind wüste Tiraden gegen die Politik und die angeblich samt und sonders gleichgeschalteten Medien. Auch mit der Pegida-Bewegung will Hogesa nichts mehr zu tun haben. Die sei ebenfalls staatlich gelenkt, um den eigentlichen Widerstand zu lähmen, heißt es.

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