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Frechheit, die die Seiten gewechselt hat

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

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Was darf Satire? Alles! Das stimmt und stimmt nicht. Denn Satire hat auch mit dem Mut zu tun, dem mächtigen König die Leviten zu lesen und nicht den wehrlosen Bauern. Wenn Satire überhaupt etwas bedeutet, dann das: Denen »da oben« und dem Massengeschmack eines auszuwischen.

Jetzt stellen sie sich mal wieder die Frage, was Satire so alles darf und soll. Bedenkenträger sehen Grenzen. Andere glauben, es gibt keine. Das langweilt schon langsam. Alle Jahre wieder ein solcher Diskurs. Seit Tucholsky. Mich würde indes interessieren, ob jedes Gekrakel als Satire durchgehen soll. Und ist es eigentlich Satire, wenn man in einem Klima allgemeiner Islamfeindlichkeit die Symbolik des Islam verspottet? Denn immerhin ist das Wort »Satire« die Schöpfung eines Kynikers. Menippos von Gadara nannte so seine kynischen Spottverse. Der Kyniker war grundsätzlich einer, der gegen »die da oben« war, gegen die Mächtigen, den Mainstream und den Zeitgeist. Das Gegenteil davon ist der Zyniker. Besser gesagt nicht das Gegenteil, sondern seine evolutionäre Fortentwicklung.

So urteilte jedenfalls mal Peter Sloterdijk. In seiner »Kritik der zynischen Vernunft« kam er zu der Erkenntnis, dass es zwischen dem historischen Kynismus und dem Zynismus eine Verwandtschaft gäbe. Hierzu verwendete er einen etymologischen Kniff: Mit der Veränderung des Anfangsbuchstabens sei gewissermaßen auch ein inhaltlicher Wandel vonstatten gegangen. Der Kynismus, deren berühmtester Vertreter der Diogenes war, der seine Tonne in Sinope aufgestellt hatte, war die geistige Schule, die für das entrechtete Volk sprach. Eine Art Gegenbewegung zur herrschenden Denkschule, zur Akademie sozusagen. Kynismus war so eine Art puristisches Kabarett und gelebte Satire. Des Kynikers Leidenschaft war es also, als Hofnarr aufzutreten, der nicht die Wehrlosen verunglimpft, sondern die hohen Herren, die Könige und Priester.

Sloterdijk behauptete nun, dass sich das Rad weiterdrehte. Die kynische Lebensart wurde irgendwann zur Lebensart derer, die nicht mehr in der Tonne lebten, sondern Tonnen und deren Bewohner verachteten. Das sei nach Sloterdijk die »Frechheit, die die Seiten gewechselt« habe. Herrschaftszynismus leitete sich also demgemäß von der Frechheit ab, mit der die Kyniker der Herrschaft vor mehr als zwei Jahrtausenden begegneten. Irgendeiner hat dann aus dem K ein Z gemacht. Wieso auch immer. Vielleicht lispelte er ja oder hatte eine miese Handschrift.

Die Satire kommt wie gesehen begrifflich aus der kynischen Tradition. Sie hat damit zu tun, den Königen die Leviten zu lesen und nicht den Bettlern. Oder drücken wir es zeitgemäßer aus: Satire bedeutet Machtstrukturen anzugreifen und der Lächerlichkeit preiszugeben, den Überwachungsstaat zum Beispiel oder die Austeritätspolitik. Die Europäische Union, die NATO, von mir aus auch Putin. Merkel, Hollande und wie sie alle heißen sowieso. Und natürlich das Kartell der Meinungsmacher, die versuchen kritisches Kabarett im Sinne des Kynismus (»Die Anstalt«) mundtot zu machen. Aber wenn man sich über die weitgehend friedliche Gruppe muslimischer Bürger in den europäischen Ländern lustig macht, geht es nicht mehr »gegen die da oben«, sondern gegen eine gesellschaftliche Gruppe, die ohnehin an Ausgrenzung und Diskriminierung leidet und keinen besonders guten Stand hat. Das kann jeder. Dazu muss man nicht Satiriker sein.

Man soll das nicht falsch verstehen. Natürlich sollte man Mohammed-Karikaturen anfertigen und publizieren dürfen. Aber ist es Satire? Einen kynischen Anflug hat das auf alle Fälle nicht. Es ist eher ein trockener Zynismus. Einer, der sich da ausschweigt, wo er die Interessen der oberen Zehntausend tangiert. Insofern bin ich nicht so sicher, ob es angebracht ist, von Satire zu reden, wo man von Zynismus sprechen sollte. Was darf also Zynismus? Alles? Leider ja. Denn die elitäre Verachtung von Randgruppen hat bekanntlich Hochkonjunktur.

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