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Lustig sein mit Inhalt

Mit der Kabarett-WG »Dritter Stock links« will die ARD die Tradition des politischen Kabaretts im Ersten wiederbeleben

Frau Kühl, Herr Pufpaff, Herr Ringlstetter - zunächst mal herzlichen Glückwunsch: Nach vielen Jahren eines prekären Kabarettistendaseins landen Sie nunmehr in der öffentlich-rechtlichen Hängematte. Aber baut es nicht ungeheuren Druck auf, dass die ARD von Ihnen nicht weniger erwartet als die Verjüngung und Aufwertung des politischen Kabaretts im Ersten?

Maike Kühl: Davon spüren wir gottseidank nicht so viel, versuchen uns davon jedenfalls nicht die Spielfreude nehmen zu lassen, weil der Zuschauer so eine Art Druck sofort spüren würde.

Sebastian Pufpaff: Wenn man Jüngere bittet, Strukturen aufzubrechen, erhofft man sich von ihnen doch frischen Wind. So gesehen haben eher wir ein Druckmittel, Kritik an mangelnder Konventionalität zu entgegnen: Ihr habt’s doch nicht anders gewollt! Das sehe ich als Chance; Fernsehen kann ja nicht mehr daran vorbei, sich zu verändern. Gerade im Kabarett.

Hannes Ringlstetter: Also ich fühle mich für nichts zuständig, aber gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seinem Bildungsauftrag sollte offen sein, Entwicklungen der Kulturszene abzubilden und nicht nur Altes wiederzukäuen.

Was erwartet uns also in der Kabarett-WG?

S.P.: Maike als CDU-Politikerin, ich als Kabarettist und Hannes als gescheiterter Musiker. Weil wir zudem teils verwandt sind, weicht das vom üblichen Schlagzeilenkabarettismus ab, wo von der Bühnenkante mit hochgezogener Augenbraue über Pegida und IS doziert wird. In der scheinbaren Intimität eigener vier Wände entlarven wir den Stammtisch leichter.

M.K.: Von dem einer auch immer in der WG sitzen und eine unangenehme, aber weit verbreitete Position von da draußen einnehmen könnte.

H.R.: Anders als im Stand-up-Kabarett, wo die Komiker nacheinander auftreten, können hier also drei streitbare Individuen eine echte Debattenkultur entwickeln.

M.K.: Als ungewohnte Mischung aus Sitcom und Kabarett.

Aber hat nicht genau diese Mischung 2009 zur Spaltung geführt, als Mathias Richling Comedians zum »Scheibenwischer« holen wollte, worauf Dieter Hildebrandt, der sich bereits 1980 die Namensrechte am »Scheibenwischer« hat sichern lassen, die weitere Verwendung des Titels untersagte?

S.P.: Das mag sein. Wir sehen uns jedoch nicht in irgendeiner Tradition oder Nachfolge, sondern steigen wie Phoenix aus den Trümmern kritischen Fernsehhumors empor. Um den wäre es viel besser bestellt, gäbe es nicht diese unselige Einteilung in Kabarett und Comedy.

H.R.: Deshalb würde ich die Bezeichnung Comedy durch den Begriff Unterhaltung ersetzen. Lustig sein mit Inhalt.

Brauchen Sie dafür ulkige Marotten oder Hemden?

M.K.: Um Gottes Willen, nein!

S.P.: Wir fangen nicht mit dicken Brillen an. Authentizität ist das A und O. Wie spielen uns im Rahmen des Realistischen ja auch selber.

H.R.: Der Unterschied zur Marotte moderner Comedians und dem Zeigefingerkabarett von früher ist doch, dass wir echte Geschichten erzählen. Denen hört der Mensch seit jeher lieber zu als Statements. Dazu bedarf es keiner Kostüme.

M.K.: Im Düsseldorfer Kommödchen mache ich das seit Jahren und habe unterschiedliche Blickwinkel im Ensemble schätzen gelernt. Es hat weit mehr Möglichkeiten als jeder Solist.

H.R.: Gerade dank der Möglichkeit, dass man im Ensemble Meinungen ändert, was weder im Kabarett noch sonst wo im Humor üblich ist. Da meine Figur zum Beispiel eher lethargisch ist, wechselt sie ihre Standpunkte aus purer Faulheit, eine einmal gewonnene Überzeugung zu verteidigen.

S.P.: Wobei nicht jede Meinungsänderung auf Opportunismus beruht, sondern auch mal auf dieser aussterbenden Eigenschaft namens Einsicht. Wenn wir unsere Sache gut machen, können wir eine neue Debattenkultur befördern und die Welt zu einem besseren Ort machen.

S.P.: Und wenn wir sie noch etwas besser machen wollen, entsagen wir den achtminütigen Monologen zum selben Thema und ersetzen sie durch lebendige Interaktion. Das passt auch besser zu den Seh- und Konsumgewohnheiten der Gegenwart.

Also denen Ihrer Generation. Sehen Sie sich eigentlich auch noch als Nachwuchs?

H.R.: Mit 44?!

S.P.: Das ist vom Publikum her gedacht; in dem Alter giltst du hier als Küken und musst dich entsprechend verhalten.

M.K.: Künstler gibt es ja bedeutend jüngere als uns.

H.R.: Wobei ich in Bayern nach 15 Jahren auf der Bühne plötzlich als Newcomer galt. Dann ging ich zum Fernsehen und war zehn Jahre später wieder einer. Im deutschen Kabarett kann man sich offenbar zu Lebzeiten wiedergebären.

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