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»Wie Weihnachten mit Verspätung«

New York entgeht dem befürchteten großen Schneesturm

  • Von Chris Melzer, New York
  • Lesedauer: 3 Min.
Es sollte ganz schlimm werden, aber es wurde vor allem ganz still. Aus Angst vor einem Monstersturm hat sich New York selbst lahmgelegt - und sich so um eine ungewöhnliche Erfahrung bereichert.

Stille liegt über New York, nur unterbrochen von einem lauten, tiefen Scheppern. Pausenlos drehen die großen Trucks der Stadtreinigung ihre Runden und schieben ihre Räumschilde lärmend und rasselnd durch die Straßen. Gegenverkehr müssen sie nicht befürchten, denn es herrscht Ausnahmezustand in der größten Stadt der USA: Büros sind geschlossen, Schulen zu, Autos von den Straßen verbannt, Flüge abgesagt. In New York herrscht Winterruhe.

Blizzard »Juno« hat stundenlang nicht nur über New York Schneemassen abgeladen. In Boston und Philadelphia erlahmte das öffentliche Leben ebenso. Aber in New York ist das besonders ungewöhnlich: Die Stadt, die sich sonst keine ruhige Minute gönnt, liegt am Dienstag im Winterschlaf.

Der Grund ist Angst. Immer wieder sorgen schwere Schneestürme, die man hier Blizzards oder nach ihrer Windrichtung Nor’easter nennt, für Chaos in der Millionenmetropole, deren Infrastruktur schon bei normalem Wetter an ihre Grenze stößt. Wenn dann 50 oder 60 Zentimeter Schnee und Orkanböen vorhergesagt werden, geht selbst die Stadt, die niemals schläft, auf Nummer sicher.

Am Montagnachmittag schlossen Schulen und Behörden, die Kindergärten machten früher zu, und die meisten Firmen gaben ihren Angestellten einen freien Tag. Selbst die Vereinten Nationen machten dicht, und die Metropolitan Opera schickte erst die Gäste und dann Weltklassesopranistin Anna Netrebko nach Hause.

Doch es kommt alles nicht so schlimm wie befürchtet. Ja, es schneit stundenlang. Aber Rekordschnee? Fehlanzeige. Sturmböen in den Straßenschluchten New Yorks? Auch nicht. Und das Verkehrschaos bleibt dank des Fahrverbots auch aus. »New York ist mit einem blauen Auge davongekommen«, sagt am Dienstagmorgen so ziemlich jeder Moderator im Morgenfernsehen. Und auch der Wetterdienst: Die Blizzard-Warnung wird aufgehoben.

»Das ist ein bisschen wie Weihnachten mit einem Monat Verspätung. Wir haben Schnee und ich frei«, sagt Greg Myles. Er zieht seine Kinder auf einem Schlitten hinter sich her und lacht, obwohl sein Bart voller Schnee ist. Auf der New Yorker Stadtautobahn, auf der sonst morgens die Autos Stoßstange an Stoßstange stehen, herrscht gähnende Leere. Und auf der First Avenue, sonst eine Verkehrsader in Manhattan, spazieren die Fußgänger, schnüffeln Hunde in teuren Markenpullovern an dampfenden Gullydeckeln und schieben Mütter Kinderwagen über die vier Fahrspuren.

Als gegen acht Uhr am Dienstagmorgen das Fahrverbot aufgehoben wird, wirkt New York wie ein Raucher nach langem Warten im Nichtraucherbereich: Sofort sind wieder Autos auf der Straße, die meisten quälen sich mühsam durch den Schneematsch. Doch die Zahl der Fußgänger überwiegt, und statt Fluglärm und Autohupen hört man in New York Kinderlachen. Nur Kyle ist traurig. »Daddy war zu spät dran«, sagt der Zehnjährige enttäuscht. »Es gibt in der ganzen Stadt keine Schlitten mehr.« dpa

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