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Das Loch in Leipzigs Sportgeschichte

Teil 3 der ND-Serie zu Sport und Nationalsozialismus: Ein Fußball-Fanprojekt sucht nach jüdischen Schicksalen

  • Von Thomas Fritz, Leipzig
  • Lesedauer: 3 Min.

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Fans mehrerer Leipziger Fußballklubs haben eine Lücke geschlossen: Zu lange war nichts über Juden im Fußball der Stadt der DFB-Gründung bekannt - Ernst Raydt, der erste Präsident des VfB Leipzig war einer von ihnen.

In den 1930er Jahren war Daniel David Katzmann einer der anerkanntesten jüdischen Bürger in Leipzig. 1895 in Hessen-Nassau geboren, leitete er die Jüdische Volkshochschule und den jüdischen Sportverein SV Schild. Während andere Juden längst emigriert oder deportiert waren, versuchte Katzmann verzweifelt, ein Land für die Ausreise zu finden. Doch keines wollte ihn, seine Frau Hilde und die 1933 geborene Tochter Inge aufnehmen. Als eine der letzten jüdischen Familien der Messestadt deportierten die Nationalsozialisten die Katzmanns 1942, zunächst in das KZ Theresienstadt. Im Vernichtungslager Auschwitz verlieren sich ihre Spuren.

Dass diese tragische Familiengeschichte nun aufgeklärt werden konnte, wie die Einzelschicksale von insgesamt 72 jüdischen Sportlern und Familienangehörigen, ist dem Fanprojekt Leipzig zu verdanken. Aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz hat es seit Anfang 2014 Zeugnisse zusammengetragen. Daran beteiligt waren Fußballfans verschiedener Vereine, das Leipziger Sportmuseum sowie das Netzwerk »blau-gelb« e.V. Im Rahmen der Wanderausstellung »Kicker, Kämpfer, Legenden - Juden im deutschen Fußball« sind die Schautafeln noch bis 5. Februar im Neuen Rathaus von Leipzig zu sehen. »Wir zeigen, wie es den jüdischen Leipzigern gelungen ist, trotz widrigster Umstände ein sportliches Leben zu organisieren«, erklärt Ulrike Fabich vom Fanprojekt. »Durch die Beschäftigung mit den Einzelschicksalen gelingt es, ihnen Gesichter zu geben und die Erinnerung an sie zu erhalten oder überhaupt erst möglich zu machen.«

In Leipzig durften Jüdinnen und Juden in den sozialistisch geprägten Arbeitersportvereinen wie andernorts nur bis 1933 Sport treiben, auch aus anderen Vereinen wurden sie nach der Machtübernahme der NSDAP schrittweise ausgeschlossen. Bis November 1938 war Sport nur noch in jüdischen Vereinen erlaubt, danach total verboten. Wem nicht die rechtzeitige Flucht oder Ausreise gelang, auf den warteten meist die Deportation und der Tod. Der zionistisch geprägte SK Bar Kochba und der SV Schild waren die beiden größten jüdischen Sportvereine der Stadt. Nach Schätzungen waren 1933 mehr als 2000 Sportler in ihnen organisiert.

Heute sind kaum noch Zeugnisse aus der NS-Zeit vorhanden. »Die Nachforschungen waren sehr zeitaufwendig und die Dokumentenlage ist schwierig«, erklärt Fabich. Obwohl Leipzig als Gründungsort des Deutschen Fußball-Bundes und als Stadt des ersten deutschen Fußballmeisters VfB Leipzig eine große Fußballtradition aufweist, ist wenig über die jüdischen Sportler bekannt. »Über den VfB Leipzig ist einiges veröffentlicht worden, aber die NS-Zeit wird dabei immer ausgeklammert«, sagt Fabich. So war lange unbekannt, dass Dr. Ernst Raydt, der erste VfB-Präsident und Torwart der Meistermannschaft 1903 Jude war. Auch dass sich auf dem Vereinsgelände von Lok Leipzig und auf dem heutigen Trainingsgelände von RB Leipzig früher Lager für Zwangsarbeiter befanden, ist für viele Leipziger neu. »Es ist wichtig, diesen Teil der Stadtgeschichte zu erschließen«, sagte Oberbürgermeister Burkhard Jung bei der Eröffnung. »Und es ist auch wichtig, dass junge Leute dabei mitgewirkt haben.«

Die Schau soll im Sommer im Rahmen der Jüdischen Wochen erneut zu sehen sein, ergänzt um weitere Sportlerbiografien und neue Erkenntnisse zu jüdischen Sportstätten sowie Vereinen. »Wir wollen die Ausstellung dauerhaft präsentieren«, sagt Fabich. »Auch für ein Buch hätten wir mittlerweile genügend Material.«

»Kicker, Kämpfer, Legenden - Juden im deutschen Fußball«, 27. Januar bis 5. Februar 2015, Montag bis Donnerstag von 8:00 - 18:00 Uhr und Freitag von 8:00 - 15:00 Uhr im Neuen Rathaus Leipzig (Untere Wandelhalle)

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