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Der Herr Katzmann war mein Kamerad

Teil 4 der Serie zu Sport und Nationalsozialismus: Der Auschwitz-Überlebende Justin Sonder erinnert sich dank eines nd-Artikels an seinen besten Lehrer

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Beim Lesen eines Artikels denkt Justin Sonder an seinen Sportlehrer und ruft beim »nd« an. 77 Jahre alte Erinnerungen werden wach. Nach der Rückkehr aus dem KZ fing er nie wieder an mit der Leichtathletik.

»Katzmann ... den Namen kenn ich doch«, denkt sich Justin Sonder bei der Lektüre der Sportseite. »Da ruf ich doch mal beim ›nd‹ an.« Der knapp 90-Jährige ist nicht der einzige Leser, der Kontakt zu uns sucht, doch selten geht mir das Gespräch so nah wie an diesem Mittwochvormittag. Und noch nie habe ich danach das Bedürfnis, sofort darüber schreiben zu wollen.

Der Chemnitzer ist sich selbst nicht sicher, ob der in dem Text »Das Loch in Leipzigs Sportgeschichte« beschriebene jüdische Schuldirektor Daniel David Katzmann jener Sportlehrer ist, der ihn vor 77 Jahren zur Leichtathletik animiert hatte. Ja, stellt sich heraus: Er war es, und so sprudeln die Erinnerungen aus Justin Sonder heraus. »Der Herr Katzmann war nicht nur irgendein Lehrer«, sagt er, »er war auch ein richtiger Kamerad.«

Im Januar 1938 war Sonder als Zwölfjähriger an die jüdische Carlebach-Schule in Leipzig gekommen, an der Katzmann lehrte. »Er sah, dass ich sportlich war und wollte, dass ich bei ihm trainiere. Ich hab ihn gefragt, wie ich zum Vereinssportplatz kommen sollte, denn für die Straßenbahn hatte ich kein Geld. Ich lebte ja im Kinderheim«, erinnert sich Sonder. Der Lehrer sorgte dafür, dass die Schule die Fahrten bezahlte, und schon im Herbst wurde Sonder Zweiter über 100 Meter bei den Mitteldeutschen Meisterschaften.

Kurze Zeit später musste der Junge zurück in seine Heimatstadt Chemnitz, doch als es dort für den Juden keinen Schulplatz mehr gab, ging er wieder nach Leipzig, wo Katzmann nun Direktor geworden war. »Das war die beste Schule, auf der ich jemals war, und bei ihm hatte ich einen Stein im Brett«, sagt Sonder. »Bis zu dem Artikel im ›nd‹ habe ich aber nicht mal seinen Vornamen gekannt. Er war ja immer nur Herr Katzmann.« 1941 hält der Direktor die Abschlussrede für die Schulabgänger rund um den nun 15-jährigen Justin Sonder. »Da habe ich ihn zum letzten Mal gesehen und mit ihm gesprochen.«

Ein Jahr später wird Katzmann ins Konzentrationslager deportiert, 1943 auch sein Schüler. Die Spur des einen verliert sich in Auschwitz, der andere entkommt dem Grauen irgendwie. »Ich bin einer der wenigen Überlebenden von Auschwitz«, sagt mir Sonder, der tags zuvor als Gast zum Gedenken an die Opfer der Nationalsozialisten in den sächsischen Landtag eingeladen war.

Nach der Rückkehr aus dem KZ nach Chemnitz fing er nie wieder an mit der Leichtathletik. »Unter den Nazis habe ich nicht nur den Glauben an den lieben Gott verloren, sondern leider auch an den Sport.«

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