Jeder Mensch ist anders

Die neuen Kuratoren der Galerie Wedding stellen ihr ambitioniertes Programm vor, das Motto: »Post-Otherness«

Unter dem Motto »Post-Otherness« startet das neue Kuratorenduo der Galerie Wedding das Jahresprogramm 2015. »Otherness«, das ist jene zweifelhafte Andersartigkeit, mit der die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Spivak soziale Distinktion durch Benennung auf- oder abwertender Gruppenzugehörigkeiten bezeichnete. Das darin enthaltene Spektrum der Diskriminierung ist weit gefächert. Stets wohnt den sozialen Images, die mit Merkmalen wie Fremdheit oder Exotik verbunden sind, eine Aufwertung des Selbstbildes inne. Sogar wohlwollende oder einfühlsame Blicke auf die Kultur des »Anderen« sind nicht vor Vorurteilen oder Pauschalisierungen gefeit.

Der ethnographische Filmemacher Jean Rouch versuchte seinerzeit mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung, durch soziale Annäherung zu besseren Erkenntnissen zu gelangen. Doch ließ sich die Distanz des Franzosen zu seinen afrikanischen Protagonisten so leicht überwinden? Der Filmemacher und Schriftsteller Ousmane Sembène kritisierte ihn scharf: »Du betrachtest uns wie Insekten!«

»Post-Otherness-Wedding« heißt nun also das einjährige Ausstellungsprogramm für die städtische Galerie, mit dem sich das Kuratoren-Duo Solvej Helweg Ovesen und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung vorstellt. Die Dänin und der gebürtige Kameruner sind in Berlin keine Unbekannten. Ndikung, promoviert in medizinischer Biotechnologie, gründete den unabhängigen Projektraum »Savvy Contemporary« in Neukölln und machte auch mit einem E-Journal über afrikanische Kunst von sich reden. Ovesen ist ebenfalls Ausstellungsmacherin. Sie studierte an der Amsterdamer Kuratorenschmiede DeAppel und organisierte zahlreiche Ausstellungen, etwa im Haus am Waldsee oder dem Neuen Berliner Kunstverein. Kennengelernt haben sich beide durch ihre Zusammenarbeit an einer dänischen Ausstellungsreihe mit Künstlern aus Ost- und Westafrika, dem mittleren Osten und Asien.

Ihr Motto bezieht sich auf ein Konzept, das der europäischen Ethnologie entlehnt wurde. »Post-Other« bezeichnet, so erklären die Ausstellungsmacher, ein werdendes Subjekt, das die Zeichen des historischen »Othering« noch in sich trägt, jedoch »im Schatten der dominierenden politischen Vorstellungen eine kosmopolitische Realität entwickelt«. Das Ziel sei eine grundsätzliche Gleichberechtigung der verstrickten Entitäten von westlicher und nicht-westlicher Kultur.

Im Berliner Stadtteil Wedding mit mehr als 75 Prozent migrantischer Bevölkerung kann diese Idee ein interessanter Impuls sein. Sie setzt sich von vielleicht überkommenen Konzepten einer Soziokultur ab, die ihre Graswurzeln längst verloren hat und mancherorts Bestandteil einer Integrationsmaschine geworden ist, die sich mehr darum bemüht, soziale Spannungen zu verwalten, als die Entwicklung von eigenständiger Kultur zu fördern. »Unterschiede zu akzeptieren statt zu normalisieren oder Klischees zu wiederholen«, das ist Ndikung wichtig. Dass die kulturellen Akteure nicht zu Objekten geopolitischer Topographien werden, sondern für sich selbst sprechen sollen, ist vielleicht eine Reaktion auf einen vermeintlich politisch korrekten Akademismus, der kulturelle Leistungen nicht-westlicher Künstler allzu oft nur im Lichte europäischer Wissenschaftsdiskurse erscheinen lässt. »Gerade im Zeitalter globaler Vernetzung sollten nichtwestliche Kunstschaffende frei sein, auch andere Themen zu behandeln als das der Migration«, sagt Ovesen.

Für 2015 sind vier Einzelpräsentationen geplant. Den Anfang macht am 11. Februar der im Wedding lebende Brite Satch Hoyt. Weitere Ausstellungen von Ilja Karilampi, Emeka Ogboh und Sol Calero folgen. Daneben wird es ein laufendes Programm von Performances und Interventionen im öffentlichen Raum geben. Nicht die Fokussierung auf Migrationshintergründe, sondern eine Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren ist den Kuratoren dabei wichtig. Am 29. und 30. Januar stellen sie ihr Programm mit der Auftaktveranstaltung »Intro« in den künstlerisch neu gestalteten Räumen der Galerie Wedding der Öffentlichkeit vor, mit Live-Performances von Emma W. Howes und Kim B. Heppelmann sowie von Funda Özgünaydin.

29. und 30.1., 12 bis 18 Uhr. Filmperformances am 30.1., 19.30 Uhr. Müllerstr. 146-147, Wedding, www.galeriewedding.de

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