Hochspannung mit Geschmäckle

Ausgerechnet in Minister Gabriels Wahlkreis wird das begehrte Erdkabel erprobt

Erdkabel statt Freileitungen fordern viele Bürger für künftige Hochspannungstrassen durch Deutschland. Für einen kleinen Abschnitt könnte der Wunsch in Erfüllung gehen - und zwar im Wahlkreis von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD).

»Ab in die Erde« nennt sich eine der Bürgerinitiativen (BI), die vielerorts gegen die teils 800 Kilometer langen geplanten Freileitungen zum Elektrizitätstransport vom Norden in den Süden protestieren. Mit ihrem Namen betont die BI, wohin ihrer Ansicht nach die 380 000 Volt führenden Hochvoltkabel gehören: in den Erdboden. Und dort könnten sie auch durchaus verlegt werden. Bislang ist das allerdings nur als Pilotprojekt angedacht, und zwar in Niedersachsen für einen verhältnismäßig kleinen Abschnitt. Er verläuft im Wahlkreis des Politikers, der seitens der Bundesregierung federführend ist in Sachen Stromtrasse: Wirtschaftsminister und SPD-Chef Sigmar Gabriel. Damit habe die Auswahl der Teststrecke »ein Geschmäckle«, rügen Freileitungs-Gegner.

Sie mahnen: Die gewaltigen bis zu 70 Meter hohen Masten für Freileitungen würden die Landschaft verschandeln, könnten Urlauber abschrecken. Befürchtet werden aber auch gesundheitliche Gefahren durch elektromagnetische Strahlung und empfindliche Einschnitte in die Natur, denn: Für einen Teil der Trassen müssten Schneisen in Wälder gerodet werden.

Erdkabel seien die Lösung des Problems, raten die Initiativen. Auch das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) denkt mittlerweile nach über das Prinzip »ab in die Erde«, zumindest für Teilstrecken. Ein Gesetzentwurf, der das vorsieht, ist zurzeit in Arbeit. Sein Ziel sei es, »die Akzeptanz für den Ausbau von Strom und Gastransportnetzen weiter zu stärken«, erläutert das BMWi. Vorgesehen seien auch »Möglichkeiten zur teilweisen Erprobung von Erdkabeln auf Pilotstrecken«.

Zurzeit befinde sich der Entwurf »in der Ressortabstimmung«, deshalb könne man zu Einzelheiten noch keine Auskunft geben, erklärte eine Sprecherin des Ministeriums gegenüber »nd«. Und so gab es auch noch keine Antwort auf die Frage, nach welchen Kriterien denn diejenige Pilotstrecke für ein Erdkabel ausgewählt wurde, von der im Referentenentwurf zum geplanten Gesetz zu lesen ist: »Ein zehn bis 20 Kilometer langer Teilabschnitt des Abschnitts Wahle-Lamspringe.« Ein Teil dieser Strecke liegt in der Samtgemeinde Baddeckenstedt im Landkreis Wolfenbüttel - und damit im Wahlkreis von Sigmar Gabriel.

Dass gerade dieser Abschnitt erkoren wurde, sei schon bemerkenswert, meinen Pro-Erdkabel-Initiativen anderer Gegenden. Kommunalpolitiker im Bereich des auserwählten Testabschnitts haben durchaus auf Gabriels Hilfe beim Erdkabel-Wunsch gehofft, heißt es aus der Region. Der dortige Bürgermeister Jens Range (SPD) habe dem Minister in dieser Sache schon vor geraumer Zeit geschrieben, berichtet die »Hannoversche Allgemeine Zeitung«.

Unterstützung finden die Erdkabel-Befürworter bei Niedersachsens Umwelt- und Energieminister Stefan Wenzel (Grüne). Er hatte jüngst gefordert, die Möglichkeiten für Teilverkabelungen auf alle im zweitgrößten Bundesland geplanten Leitungen auszuweiten. Die beabsichtigte Erprobung eines Erdkabels bei Lamspringe begrüßte Wenzel »ausdrücklich«. Durch wessen Wahlkreis diese Leitung laufen würde, erwähnte der Minister nicht.

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