Gründung per Crowdfunding

Medien: »Der Sender« soll der erste genossenschaftliche Sender in Deutschland werden

Den ersten genossenschaftlichen Sender in Deutschland wollen in einer Kreuzberger Fabriketage eine Handvoll Berliner Journalisten gründen. »Der Sender« soll eine gemeinschaftlich finanzierte, unabhängige Plattform für zukunftsweisenden Journalismus werden. Mit Philip Banse, einem der Initiatoren, sprach für »nd« Guido Speckmann.

Herr Banse, Sie wollen einen genossenschaftlichen Sender gründen. Wie entstand diese Idee?

Meine an der Gründung beteiligten Kollegen und ich arbeiten seit rund zehn Jahren als Journalisten - auch im Internet und mit Audio-Podcasts. Wir diskutierten immer mal wieder die Frage, wie man unseren Journalismus im Internet in redaktioneller, struktureller und finanzieller Hinsicht auf die nächste Stufe heben kann. Irgendwann kristallisierte sich ein Team heraus, das sich sagte, wir zusammen haben Kompetenzen, die andere nicht haben. Lasst uns doch einen Sender gründen. Das war sehr inspirierend.

Das notwendige Geld dazu soll per Crowdfunding zusammenkommen. Wie ist der Stand der Planung?

Wir haben uns dazu entschlossen, Planung und Vorbereitung des Crowdfundings öffentlich zu machen. Das heißt, noch läuft das Crowdfunding selbst nicht, sondern die Vorbereitungen. So formulieren wir Sendepläne, kümmern uns um die grafisch-visuelle Kommunikation und drehen einen Film etc. Dabei nehmen wir Kritik und Anregungen auf, und sammeln so ein paar Leute um das Projekt, die interessiert sind und vielleicht mitmachen.

Und wie soll der Sender einmal aussehen? Welche Sendeformate und welche Sendezeiten sind geplant?

Derzeit ist der Plan, dass wir das Crowdfunding mit drei bis fünf Sendungen beginnen müssen. Dann können wir sagen: »Leute, wir gründen einen Sender und das hier sind die ersten Sendungen, mit denen wir starten würden, wenn das Crowdfunding erfolgreich ist.« Skizziert haben wir diese Sendungen in unserem Blog. Daraufhin gab es viele Kommentare und Anregungen. Wir wollen eine breite Zielgruppe ansprechen. Wir planen politische und wissenschaftliche Themen, Late Night, Unterhaltung sowie Sendungen zu Familie und Gesellschaft.

Sind nur Videos geplant oder auch Audiobeiträge?

Wir wollen diese strenge Grenze zwischen Audio und Video auflösen. Wir sind weder ein Radio-, noch ein Fernsehsender, sondern ein Sender, der Audio, Video, Visualisierung und Bilder mehr oder weniger gleichberechtigt behandelt. Wir versuchen, für jedes Thema das beste Format, den besten Ausdruck zu finden. Technisch ist es eine Herausforderung, Audio, Bilder und Visualisierung den Leuten anders zu präsentieren, als das heute der Fall ist. So soll es möglich sein, sich einen Beitrag anzuhören und sich dabei noch etwas anschauen können - ohne dass das Audio aufhört.

Ist das auch als Kritik an den herkömmlichen Medien zu verstehen?

Die versuchen natürlich auch, sich zu verändern. Aber wir würden gerne noch mehr probieren. Das geht natürlich in einem Projekt wie dem »Sender«, in einem kleinen Start-up mit fünf Leuten, einfacher als in etablierten Verlagen oder Rundfunkhäusern.

Gibt es auch politische Hintergründe, die Ihr Projekt mit motivieren?

Auf jeden Fall. Wir würden zum Beispiel gerne eine Talkshow mit Menschen machen, die nicht jeden Tag im Fernsehen auftauchen. Die wir entdecken und die eine bestimmte politische Haltung haben. Das können auch Leute mit ungewöhnlichen Ansichten sein, bei denen wir aber das Gefühl haben, dass man deren Ansichten nicht ignorieren sollte. Meine Kollegin Jana Wuttke übernimmt den Wissenschaftszweig. Natürlich geht es auch darum, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu präsentieren. Aber es geht auch um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Wissenschaft. Sind Erkenntnis- und Forschungsinteresse sowie Neugier die treibenden Faktoren? Oder sind es vielleicht primär Verwertungsinteressen?

Wie sind die ersten Reaktionen auf Ihr Vorhaben?

Zum überwiegenden Teil sind sie positiv, was mich überrascht. Vor allem, dass so viele mitmachen wollen - auf verschiedenen Ebenen. Das ist sehr motivierend.

»Der Sender« im Internet: www.dersender.org

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