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Der Klang des Unstatthaften

Martin Walser, ein jüdischer Dichter und klemmende Schubladen

  • Von Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

Martin Walser? Klarer Fall. Das ist doch der, »der in seiner Frankfurter Paulskirchenrede 1998 den dumpfen Ressentiments seiner Landsleute eine literarische Stimme gab, als er von Auschwitz als ›Drohroutine‹, ›Einschüchterungsmittel‹ und ›Moralkeule‹ sprach.« So vor nicht langer Zeit die »Jüdische Allgemeine«. Aber Walser kriegte offenbar die Kurve. Das Blatt konzidiert: »Jetzt, sechzehn Jahre später, leistet er implizite Abbitte.« Und zitiert aus seinem neuen Buch: »Wir, die Deutschen, bleiben die Schuldner der Juden. Bedingungslos. Also absolut. Ohne das Hin und Her von Meinungen jeder Art. Wir können nichts mehr gutmachen.«

Aha. Hier hat ein Schriftsteller offenbar etwas begriffen, er ist seiner Starrköpfigkeit nach langem Zaudern selber in die Parade gefahren. Endlich Abbitte? Das Urteil mutet an, als werde da eine Art Wiedereinbürgerung genehmigt. Ins politisch Korrekte. Anlass für die wertende Generosität ist Walsers Essay »Shmekendike Blumen«, ein »Denkmal/A dermonung für Sholem Yankev Abramovitsh«. Es ist ein Buch über den Begründer der modernen jüdischen Literatur (1835 bis 1917). Diesen kleinen Band, so noch einmal die »Jüdische Allgemeine«, könne man »als Eingeständnis einer erschreckend lang dauernden Ignoranz gegenüber dem Judentum lesen«. Das ist der Tenor auch anderer Rezensionen. Die »FAZ« zitiert Walser ebenfalls: »Ich kann nichts dagegen tun, in mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben.« Die Zeitung spricht von des Autors »neuem Verständnis für die Monstrosität der Schoa«.

Walser selbst schreibt, er habe durch die Lektüre Abramovitshs einen unerwarteten Zugang zu jüdischem Leben »erfahren« - was sehr wohl die sinnliche Vertiefung und Bereicherung von etwas meint, aber doch keinesfalls neu ist im Bewusstsein des Schriftstellers. Lektüre als Erfahrung - und Erfahrung als nachgekommene Partnerin einer bestehenden Erkenntnis. Gewiss, längst hat Walser eingeräumt, nach seiner Paulskirchenrede sehr verkapselt, gar aggressiv reagiert zu haben, und ebenso bekannte er, die damals vehemente Ablehnung seines vermeintlich antisemitischen Romans »Tod eines Kritikers« durch Marcel Reich-Ranicki heute besser zu verstehen als damals. Aber solch ein Einsehen ist doch so natürlich, wie es das kratzige, selbstwertschützende Aufbäumen dieses Autors war - der sich missverstanden, missbehandelt fühlen musste. Weil sich die meisten Interpretationen etwa seiner Frankfurter Rede in geradezu frecher Ignoranz mehr und mehr vom Text, um den es doch zu gehen hatte, entfernten. Und noch jetzt klemmen die Schubladen in den staatsanwaltlichen Feuilletons.

Im neuen Buch ein neues Verständnis für die Monstrosität der Schoa? Ein Eingeständnis von jahrelanger Arroganz? Hier hilft nur, Walser zu zitieren: »Wir helfen uns eben dadurch, dass wir die Schuld, das konkrete Furchtbare, auf eine Handvoll Schergen schieben. Aber die Frage, wie unter uns Wohlerzogenen plötzlich ein paar zu sowas imstande waren, können wir nicht wegdelegieren ... Diese Tötungsfabrik ist durch uns entstanden. Sie wurde von uns entwickelt. Schritt für Schritt .... Jedes Bild von Auschwitz zerschlägt jedes mögliche Abkommen mit dieser Vergangenheit, die keine werden kann.« Geschrieben 1979, im Essay »Auschwitz und kein Ende«.

Zu lesen ist bei Walser jetzt: »Ich merke, wenn ich Abramovitsh lese, dass mich das ungeeignet macht für alles, was ich jetzt tun oder sein müsste. Ich erlebe ein Nicht-mehr-in-Frage-Kommen für das sogenannte Hier und Heute.« Abstinenz-Sehnsucht wider alles Aktuelle? Das kommt einem schon vor wie ein Hauptgewinn im Medien-Tsunami, da Welle auf Welle rauscht. Und dauernd dieser Print-und-Online-Druck wächst - durch Sprechende, Saftelnde, Sabbernde, Salbadernde, Streitende, Speiende, Sülzende, Schreiende, Stöhnende, Seufzende, Schwurbelnde, Schwatzende, Sezierende, Singende, Stotternde, Stoßbetende, Säuselnde. Walser lesen, der Abramovitsh liest: Da ist »keine irgendeinen Ismus nährende Einseitigkeit«, du vergisst für knapp hundertfünfzig Seiten, dass es Leute gibt, die den sklavisch täglichen Kommentar - zu diesem oder jenem - für eine Lebensäußerung halten.

Nicht mehr in Frage zu kommen für das sogenannte Hier und Heute? Aber wäre das denn wirklich zu empfehlen? In solcher Zeit, da wieder mal jeder vehement aufgerufen scheint zu Standpunkt und Courage? Ja doch! Erinnern wir uns: Kürzlich ging ein großartiges Beben durch Teile der Menschheit; die Ermordeten von Paris stifteten Sinn für eine kraftvolle Theatralik der Trauer - ja, auch Erschlagenheit kann ein Volksfest werden, auch Erschütterungen münden in Festivals der gegenseitigen Ermutigung. Als sei Trost trotz allem möglich. Freiheit, Demokratie, Wehrhaftigkeit - eine Feier, bei der wir alle Charlie wurden. Jeder ernannte jeden und sich selbst. Und seltsam: War es nicht so, dass die weltweiten Zeremonien dieser Trauer uns mit der einen Kraft, in aller Härte, auf die tödlich belasteten Weltzustände stießen - aber eine andere Kraft uns für Sekunden von just dieser Welt entrückte? Als sei diese Welt der Morde durch die Art, wie der Opfer gedacht wurde, plötzlich für Momente unwirklich schön. Eingeschlossen in die gewaltigen Erhebungen des humanen Bürgersinns blieb also die Illusion, es sei im öffentlichen Bewusstsein schon mehr Frieden und Menschlichkeit erreicht, als uns die geschehenen Terrortaten eben noch weismachen wollten. Solche Momente muss man leben. Man darf nur nicht gleich wohnen wollen in ihnen, sich also darin nicht einrichten.

Dies genau ist der Walser-Punkt. Er glaubt an den Menschen, nicht an das, was dieser Mensch kollektiv inszeniert. Wenn Walser an einen Gott glaubt, dann ist es die Ambivalenz. Die regelmäßig aus den Sonntagsreden, von den diversen Kanzeln vertrieben wird und sich dafür an der Woche rächt: kein Tag ohne eine Gnadenlosigkeit, die uns doch wieder in der Hoffnung erschüttert, alles gehe gut aus. Walser sieht in staatlich organisierten und verwalteten Ritualen jenen Prozentsatz Lüge, den Politik so gern leugnet. Er träumt von einer politischen Rede, die sich so an die Bevölkerung wendet, wie sich der Einzelne, im Selbstgespräch, ans eigene Gemüt wendet: Wenn jeder fragend ganz bei sich ist, durchläuft er, so Walser, »alles Erdenkliche, läuft tief ins Unmoralische, Amoralische und dadurch auch nicht Haltbare hinein ... und es kann lang im Unstatthaften, nicht mehr zu Billigenden tasten, bis es wieder Punkte erreicht, die öffentlichkeitsfähig sind ...«

Würde man diese Selbstbeschreibung einer Denkungsart (das Unstatthafte!) auf das öffentliche Betrachten gegenwärtiger Weltverhältnisse anwenden, so würden politische Reden wahrhaft ehrlich, indem sie Denkwindungen spiegeln, nicht nur Phrasenfülle - aber dann stürzte man in ein Fragenfeld, das beunruhigt. Da strahlt eine Pariser Großkundgebung also eine wunderbare geistige Geschlossenheit aus, aber die hohe Staatspolitik darf aus Sicherheitsgründen nur wenige Meter mitlaufen - ausgerechnet jene hohe Staatspolitik, die von ihren Bürgern fordert, (ungeschützt!) Gesicht zu zeigen. Oder da wird in gesteigerter Vehemenz eine Freiheit postuliert und gepredigt, die doch auch Entfesselung, Enthemmung, Entsolidarisierung fördert und damit gesellschaftliche Strukturen zerfrisst - gibt es dafür vergleichbare Trauer- und Protestzüge? Und: Womit man sich auch verbündet - es wird seine Zweifelhaftigkeit früh genug offenbaren; worauf man auch setzt - es wird enttäuschen. Der Pegida-Rassismus versucht glückhaft vergeblich, sich zur Bürgerwehr umzudeuten - aber alle politischen Kräfte stehen doch ratlos vor der Frage, wie man Bevölkerungssorgen ernst nimmt, ohne sich mit Nationalismus anzustecken. Von links bis zur Mitte: Es ist schwer bis unmöglich, in politischer Programmatik das Tonangebende mit dem Populären so zu verbinden, dass man sich, im wahren Sinn des Wortes, nicht gemein macht.

Durch die US-Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein ist Walser auf Abramovitsh gestoßen. Ja, er schreibt über die Juden: »Dieses Volk ist mir jetzt, erst jetzt, wirklich bekannt geworden.« Bekannt geworden, wie Literatur bekanntmacht: Menschen mit Menschen. Doch mit bereits vorhandenen deutsch-historischen Wissens- und Schmerzensständen von Martin Walser freilich, die nun angeblich neu zu bemessen wären, hat das nichts zu tun. Mit Korrekturen schon gar nicht. Höchstens mit Erweiterung. Im Buch heißt es: Des jüdischen Schriftstellers Werk »ist eine Liebeserklärung an ein Volk. Damit konnte unser Literaturbetrieb kaum etwas anfangen.« Das Volklose im deutschen Gemüt ist eine Folge von uns selber. Immer wieder hat Walser deshalb die Unmöglichkeit betont, etwa durch wohlfeile rhetorische oder rituelle Identifikation mit den Opfern »je die Seite der Täter verlassen« zu können. Diese Täter, noch einmal ein Satz von 1979(!): »Was wir mit denen zu tun haben, ist unsere Unruhe, unser Erfolg, unser Anstand, unser Bewusstsein von unserer Rechtschaffenheit, unser ungeheures Vertrauen in unsere Vernunft.« Hier werden Qualitätsattribute der Bürgerlichkeit aufgerufen - Werte, die wir genau beobachten müssen: ob sie uns wirklich halten können oder ob sie nur herhalten müssen. Die Spannung zwischen beidem nennt man deutsche Geschichte. Und deutsche, europäische Gegenwart.

Martin Walser: Shmekendike Blumen. Ein Denkmal/A dermonung für Sholem Yankev Abramovitsh. Rowohlt Verlag, 145 S., geb., 14,95 €.

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