Werbung

Ausgebootet

Die Segler wurden aus dem paralympischen Programm 2020 gestrichen und verstehen die Entscheidung nicht

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Das Internationale Paralympische Komitee streicht Segeln, weil es der Sportart an Verbreitung fehle. Die Betroffenen widersprechen.

Als Ringen im Februar 2013 drohte, aus dem olympischen Programm geworfen zu werden, gab es einen weltweiten Aufschrei. Der zeigte letztlich Wirkung und die Mattenkämpfer dürfen nun doch weiter mitmachen. Ähnliches geschieht derzeit bei den Paralympics, nur schlägt der Fall nicht so hohe Wellen. Das ist buchstäblich zu verstehen, denn am vergangenen Wochenende sind die Segler vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) aus dem Programm der Sommerspiele 2020 in Tokio ausgeschlossen worden, und mit ihnen die 7er Fußballer mit Zerebralparese.

»Unser Ziel war immer, 2020 in Tokio ein Programm zu präsentieren, das frisch ist und von dem wir sagen können, dass es das bestmögliche ist«, teilte IPC-Präsident Philip Craven am 31. Januar mit. Die Entscheidung sei dem Vorstand nicht leicht gefallen, aber »7er-Fußball und Segeln konnten die Minimalkriterien zur weltweiten Verbreitung nicht erfüllen. Daher haben wir sie nicht ins Programm 2020 aufgenommen.«

Winfried Klein zeigt sich wenige Tage später im Gespräch mit »nd« noch immer überrascht. »Natürlich ist unsere Stimmung nicht gerade euphorisch und geprägt von Unverständnis. Wir waren der Überzeugung, alles richtig gemacht zu haben und hatten keine anderweitige Information vom IPC bekommen«, sagt das Mitglied des Komitees für Behindertensegeln in der International Sailing Federation (ISAF). Das Komitee wurde im November 2014 gebildet, als sich der bis dahin eigenständige Behindertensegler-Verband (IFDS) in die ISAF integrierte. In der Führung der IFDS war Klein zuvor Vizepräsident gewesen.

Dem Ausschluss von den Paralympischen Spielen war ein mehr als einjähriger Prozess vorausgegangen, an dessen Anfang im November 2013 24 Sportarten um eine Bewerbung für 23 freie Plätze gebeten wurden. Alle reichten die geforderten Unterlagen bis Juli 2014 ein, doch nach einer IPC-Vorstandssitzung im Oktober, bei der acht Wackelkandidaten sich nochmals präsentieren und Zweifel ausräumen durften, erhielten nur 22 die Zusage. »Wir haben die Daten, die uns ISAF und IFDS übermittelt haben, gründlich geprüft und sind zur Überzeugung gelangt, dass sie keinen ausreichenden Nachweis darstellen, dass unsere Kriterien erfüllt werden. Wir haben nicht geglaubt, dass sie zuverlässig sind«, begründet IPC-Sprecher Craig Spence gegenüber »nd« den Schritt. Winfried Klein kontert: »Wir können nicht nachvollziehen, wie das IPC zu dieser Einschätzung kommt, wir haben uns nichts aus den Fingern gesogen.«

Als Beispiel nennt Spence einen Fall, in dem der Fachverband Sportler einer Nation erwähnt, die Katamaranboote segeln. »Diese Klasse ist jedoch gar nicht paralympisch«, sagt Spence. Dies trifft wahrlich nur auf die 2,4-Meter-Einmannboote, das Skud für zwei sowie das Sonar für drei Segler zu. Diese Daten seien jedoch keine Irreführung, insistiert Klein, sondern vielmehr eine zusätzliche Information. »Wir vertreten schließlich alle Segelklassen in unserem Verband, auch diejenigen, die nicht paralympisch sind.«

Nach dem Treffen mit dem Dachverband im Oktober in Berlin hatten die Segler laut Klein »den Eindruck, alle Fragen des IPC positiv beantwortet zu haben«. Jedoch wurden nochmals neue Daten verlangt, die die geforderte Verbreitung der Sportart in 32 Ländern untermauern sollten. »Die haben wir geliefert. Wir haben sogar 38 Nationen gemeldet, die die Bedingungen erfüllen, und waren daher der Auffassung, unsere Hausaufgaben gemacht zu haben. Bis zum vergangenen Freitag war ich davon überzeugt, dass wir im Programm stehen werden«, sagt Klein.

Individualsportarten - darunter fällt auch Segeln - müssen laut dem 2013 neu verfassten IPC-Handbuch nachweisen, dass sie in mindestens 32 Ländern auf drei Kontinenten regelmäßig von einer bestimmten Anzahl von Athleten betrieben werden. Früher waren die Anforderungen nicht so hoch. »Die Vorgaben sind in Ordnung«, sagt Klein, »sie gelten ja für alle, auch wenn es für manche Verbände sicher schwerer ist als für andere, sie zu erfüllen - vor allem im Behindertensport, in dem es generell viel schwieriger ist, eine breite Nachwuchsbasis aufzubauen.« Von den neuen Regularien wird jedoch nicht abgerückt, versichert Craig Spence: »Es war das erste Mal, dass das IPC solch tiefgehende Bewerbungen verlangt hat. Wir werden das auch wieder tun, denn es hält die Sportverbände auf Trab.«

Zumindest in einem Fall scheint das IPC jedoch gnädiger gewesen zu sein, denn den Radsportlern hat man ins Hausaufgabenheft geschrieben, für mehr Spitzenathleten und bessere Trainingsbedingungen auf der Bahn zu sorgen. Ausgeschlossen wurden sie aber nicht, wohl aufgrund der breiten Basis auf der Straße.

Segeln war 1996 in Atlanta erstmals Demonstrationssport bei Paralympischen Spielen, seit 2000 wird offiziell um Medaillen gekämpft. Diese Information findet man auf der Internetseite des Internationalen Paralympischen Komitees. Darunter steht übrigens der im Angesicht der aktuellen Diskussion sehr merkwürdige Satz, dass Segeln »von Athleten in mehr als 70 Ländern betrieben wird«.

Winfried Klein und seine Kollegen hoffen nun auf eine Nachnominierung. »Aktuell haben noch weitere Nationen angeboten, neue Programme zu starten. Aber das geht natürlich nicht von heute auf morgen«, berichtet Klein. Craig Spence zufolge ist die Tür allerdings endgültig zu, schließlich sei das IPC verpflichtet, den japanischen Organisatoren 68 Monate vor den Spielen die endgültige Anzahl der Sportarten mitzuteilen. Die Frist lief Ende Januar ab. »Alle Verbände hatten genug Zeit, die Anforderungen zu erfüllen. Wir haben den Seglern und Fußballern drei Chancen gegeben«, sagt Spence.

Sollte es bei der Entscheidung bleiben, befürchtet Klein nicht nur einen herben Imageverlust für seinen Sport. »Es gibt auch enorme finanzielle Auswirkungen. Alle Fördersysteme sind so aufgebaut, dass man möglichst weit, also am besten bis zu den Paralympics kommt. Nun müssten wir mit noch weniger Mitteln die Anforderungen des IPC erreichen.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!