Werbung

Staunen fällt vom Himmel. Und bleibt unversehrt

Am Sonntag erhält er auf der Berlinale den Progress-Preis »Paula«: der große deutsche Schauspieler Rolf Hoppe

Da ist dieser Studienrat Dr. Klein. Trägt Fliege und den Kopf sehr hoch. Kommt aus der bürgerlichen Elite Hitlerdeutschlands und muss jetzt, nach dem Krieg, Neulehrer ausbilden. Der Hass lächelt. Die Verachtung hat Samtpfötchen angelegt. Der Ekel probt die Heimtücke einer gespielten Loyalität. Frühe DDR - wie da der schneidende Geisteshochmut des entmachteten Bourgeois auf die noch ungelenk Lernenden im neuen Staat prallt. Der Film hieß »Die besten Jahre«, Regie: Günther Rücker, 1965.

Da ist dieser James Bashan. Cowboyhut im Nacken, unterm Hut kein Hirn, sondern nur Parkettglanz-Glatze. Die Hand am Colt, Zigarre in der Fresse. Auftakt für eine Serie der Indianer jagenden Kolonisatoren. Es macht Spaß, im Klischee zu baden. Es ist eine Wonne, durchs Typische zu wüten. Es ist toll kindisch, durch extreme fiese Art den Indianern zusätzlich Sympathien zuzutreiben. Indirekt also: Reiten für Gojko Mitic. Hoppe, Hoppe, weiter! Der Film hieß »Spur des Falken«, Regie: Gottfried Kolditz, 1968.

Da ist dieser Vater von Clara Wieck (Nastassja Kinski), die Robert Schumann (Herbert Grönemeyer) liebt. Ein gefährlicher Tochter-Besitzer. Diktatorisch liebend. Ein fürsorglicher Menschenaussauger. Gespenstisch dauerpräsent. Eine Nebenrolle wird zur Hauptrolle. Der Film hieß »Frühlingssinfonie«, Regie: Peter Schamoni, 1983.

Da ist dieser Sachsenherrscher August. Der Satz »Brühl, ich hab doch noch Geld?« wird zur geflügelten Angstfrage eines befehlsschwachen Fürsten, der für seine kostspielige Kunstgier zum Auspresser des Volkes wird. Der TV-Mehrteiler hieß »Sachsens Glanz und Preußens Gloria«, Regie: Hans-Joachim Kasprzik, 1983.

Und da ist vor allem dieser Nazi Göring. Ein so fantastisch geschmeidiger Dreckskerl. Ein Erotiker des Bösen, der einen Schauspieler (als Hendrik Höfgen: Klaus Maria Brandauer) so umschmeichelt, wie solche Typen ein ganzes Volk umschmeicheln. Bis alle umfallen. Bis die Welt einstürzt. Der Film hieß »Mephisto«, Regie: István Szábo, 1981. Wenn die Kamera die Augenhöhe verlässt und leicht von unten das Gesicht des Nazibonzen erfasst, geht diese Fresse als fette Sonne auf, die sich quasi selber umstrahlt. Deutsche Finsternis als toll-tumbes Fleischglühen; eine glänzende Schweinebacken-Feier. Aber Hoppe wäre nicht Hoppe, wenn er nicht versuchte, uns solche prunkende Ungestalt ans Herz zu legen. Wie eine schleimige Schlange, angepriesen als schönen Schal. Szábos Welterfolg wäre fast an Rolf Hoppe vorübergegangen, denn der weigerte sich, schon wieder einen Nazi zu spielen - außerdem wollte er mit Frau und Töchtern endlich mal ausgiebig Ostseeurlaub machen. Szábo belagerte gleichsam die Dresdner Intendanz - bis klar war: Auch Budapest ist ein angenehmer Urlaubsort, jedenfalls für die Familie. Und Hoppe drehte.

Das Dämonische muss sehr lange und sehr wählerisch auf Suche gewesen sein: bis es auf Rolf Hoppe gestoßen war. Fortan ging das Dämonische wie ein Glückskind durch den DEFA- oder DDR-Fernsehfilm: Denn das Grobschlächtige war nunmehr nicht nur grobschlächtig, nein, es hatte die Gutmütigkeit zur Gefährtin; das Tückische mietete sich im Treuherzigen ein. Wirkungsvoller kann Dialektik nicht sein. Nur Hoppes König in »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel«, der durfte gütig sein, und auch dieser Film ist ein schönes Beispiel, dass Leben stets mehr Zufall ist als Plan. Nach dem Dreh im Sommer war das Geld plötzlich alle, und es dauerte bis zum Winter, bis es weitergehen konnte. Es schneite, so erst geriet der Film unversehens zum romantischen Weihnachtshit.

Rolf Hoppe, 1930 im Südharzer Ellrich geboren, ist trotz sehr präsenter Rollen nie ein Vordergrundspieler gewesen. Das Filigrane seiner Fieslinge, das tigerhaft Schleichende seiner Despoten, das Feiste seiner Desparados sowie die leidende Versenkung oder die melancholische Verzagtheit bei seinen Vätern und Lebens-Vorgerückten - das hatte nie einen so festen energetischen Kern wie etwa bei Heinrich George oder Willy A. Kleinau. Hoppes Agieren verlor nie das flatternde Misstrauen. Den bang flackernden Blick. Das fein Verhemmte. Das vorsichtig Schleppende oder sich tastend Herantänzelnde. Im schweren Körper die Libellenschnelligkeit: eine ständige Fluchtbereitschaft gleichsam. Hinterm Wüterich immer der Werteflüsterer. Die kehlige Stimme: Man hört die Liebe zum spannungsvoll Gedämpften. Als wünschte er sich einen schützenden Schleier zwischen Realität und Spiel, zwischen Ausdrucksgewerbe und privater Person. Die Schüchternheit, die doch besiegt werden sollte, sie steigerte sich selber zur imposanten Erscheinung. Stört Scheu die Kunst? Es ist die Kunst. Jedenfalls bei Hoppe.

Der Junge lernt Bäcker im väterlichen Betrieb, er will Pferdezüchter werden. Später Clown, am liebsten auf einem Zirkuspferd. Der Vierzehnjährige, eben noch Pimpf, wird er von den US-Amerikanern zu Aufräumungsarbeiten im nahen KZ »Dora« beordert. Fürs Leben bleibt ein Grund-Satz: »Ich gehöre zur Generation, die den Geruch verbrannten Fleisches in der Nase und das Geräusch der Holzpantinen im Ohr hat, ich werde das nicht los.« Hoppe wird Mitglied der Antifa-Jugend. Lebens Fügung: Er ist jung genug, um schuldlos zu sein, aberd alt genug, um zu begreifen. Was ihn erstmals in den künftigen Beruf gezogen hatte, war übrigens der vorwärtsreißende Elan einer FDJ-Laienspielgruppe,diese wackere Fröhlichkeit der »Südharzer Jungspatzen«. Ja, fröhlich sein und singen, die Leute zum Lachen bringen - deshalb wolte Hoppe Schauspieler werden. Und musste dann ausgerechnet ins Garstige, Zwielichtige, um berühmt zu sein. Aber zunächst: Mit Fleiß und Geduld war auf dem Konservatorium in Erfurt eine Stimmlippenlähmung zu überwinden, am Organ und mehr noch an der Seele - vor die Kunst hatte das Schicksal die Krise gesetzt. Er überwand sie, nach Zeiten als Kutscher und Tierpfleger im Staatszirkus »Aeros«.

Die unverwüstliche Liebe zum Spaßmacher, zum Artisten - berührend Gestalt wurde sie in der Rolle des mittelalterlichen Gauklers, die Hoppe in Bernhard Stephans Film »Jörg Ratgeb - Maler« von 1978 gab. Da zieht einer mit Jesus' Geschichte, also mit einem Märchen der Nächstenliebe, durch Bauernkriegsland. Ein Seiltänzer aus Lust am Abgrund. Ein Passions-Spieler. Ein Clown, am Ende selber wie Christus: am Kreuz, unter der Folter der Dornenkrone. Er wird sich von der Kirchturmspitze werfen, als zeige er sein schönstes Kunststück. Der Tod als Sieg über kein Leben. Rettung nur, indem die geschundene Kreatur aus Zeit und Welt fällt. Der Clown - für Hoppe ein großes, lebensstiftendes Prinzip: Der Clown ist zornig, so dürfen wir mit ihm rebellieren; er kennt das bittere Leben, so dürfen wir ihm trauen; er ist bunt, so ruft er Träume in uns wach.

Theater gespielt - Vorbild: Erich Ponto - hat Hoppe in Nordhausen, in Erfurt, in Halle, in Greifswald, in Leipzig, in Gera, schließlich war er ein jahrelanger Protagonist am Staatsschauspiel Dresden. Und agierte als Mammon im »Jedermann« der Salzburger Festspiele. Letztlich aber: ein Filmmensch. Bei Regisseuren wie Frank Beyer und Jerzy Kawalerowicz, Rainer Simon und Roland Gräf, Herrmann Zschoche und Konrad Wolf, Lothar Warneke und Horst Seemann, Bernhard Wicki und Helmut Dietl. Vierhundert Filme! Manche mindere Vorlage hat er einfach an die Wand gespielt, wo sie ihn nicht mehr stören konnte. Nie trat er derb auf. Seine Schmerzwitterungen, seine Tollheiten finden sekundenschnell in den Augenwinkeln statt, in den Mundwinkeln, in den Spannungen zwischen Blick und Lippenbekenntnis oder Lippenlüge. Ein Zucken oder ein Gieren oder ein Grinsen oder ein Lächeln. Mehr nicht. Gabin konnte das, Welles, Bogart, Böwe, Geschonneck. Bierbichler kann es: Tendenz zur Bewegungslosigkeit. Im Abgründigen wirkt, was Hoppe spielt, unendlich frei, aber immer wirkt es auch unendlich einsam.

Den erwähnten Gaukler im Ratgeb-Film: Diese Rolle Rolf Hoppes empfinde ich bis heute als seine ergreifendste. Vielleicht, weil sie so erschütternd ungebrochen das Weiche, Kindliche, Verletzliche, Weltungeschickte dieses schauspielerischen Wesens offenbarte. Hoppe, ein Narr aus Güte. Unbefriedigte Güte ist die Hauptarbeit der Narren. Sie sehen Äxte auf sich zukommen und zücken eine Rose. Narren salben die Geschwüre der Welt mit Poesie. Als sich der Gaukler des besagten Films in den Tod stürzt, fällt ein Staunen vom Himmel. Der Gaukler schlägt auf, das Staunen fällt und fällt und fällt. Bleibt unversehrt. Rolf Hoppes Kunst. Sie zielt in ihren stärksten Momenten ins einzig Sichere: ins Bodenlose.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!