Von Christin Odoj

Wenn das Geld für einen Pinguin fehlt

Beirat beleuchtet in einer Studie den Alltag von Berliner Familien nah am oder unterhalb des Existenzminimums

Für die Studie »Denn sie wissen, was sie tun« – Strategien zum Umgang mit Kinder- und Familienarmut im Auftrag des Familienbeirats wurden 32 Berliner Familien interviewt. Wie mühselig ist der Besuch auf den Ämtern, was ist, wenn Eltern kein Geld für die Schulpatenschaft eines Pinguins beisteuern können?

Für ihre Studie wurden 32 Familien interviewt, die in unterschiedlichsten Formen von Armut betroffen sind. Welchen Belastungen sind diese Familien ausgesetzt?
Die Belastungen stehen natürlich im engen Zusammenhang mit ihrer finanziellen Lage. Insbesondere was den Wohnraum betrifft, der nicht im ausreichenden Maße für Familien mit keinem oder nur geringem Einkommen zur Verfügung steht. Außerdem kommen gesundheitliche Aspekte dazu. Die gesellschaftliche Teilhabe, gerade für Kinder, ist schwierig zu gewährleisten.

Wie kommen diese Familien zurecht?
Das geht beim Einkaufen los, wo sie vor allem auf Sonderangebote achten müssen. Die Kinder bekommen kein Taschengeld, oder wenn sie welches bekommen, muss es öfter für den alltäglichen Bedarf der Familie herhalten. Oft ist ihre Wohnsituation prekär. Der Vermieter bessert nicht aus. Die Familien sind aufgrund ihrer sozialen Stellung wenig fordernd. Für viele ist die Miete der Hauptgrund, warum sie sich verschulden.

Lässt sich aus der Befragung ein Muster ableiten, welche Menschen am stärksten armutsgefährdet sind?
Das sind einmal die, die in einer Trennungssituation leben. Das sind vor allem Alleinerziehende, gering Qualifizierte und Familien mit Gesundheitsproblemen.

Werden die Unterstützungsangebote, die es ja gibt, gut genug kommuniziert?
Das wird von den Familien immer wieder angesprochen. Natürlich nutzen sie Flyer oder recherchieren im Internet. Aber gerade was die persönliche Beratung und Ansprache in den Jobcentern oder Jugendämtern angeht, fehlt es oft an die Sensibilität der Mitarbeiter.

Ein paar Infobroschüren zu auszulegen reicht nicht aus.
Nein. In unserer Arbeit als Familienbeirat wird immer wieder deutlich, dass es wichtig für die Familien ist, einen Ansprechpartner zu haben, der sie begleitet. Immer wieder wird auch nach einer zentralen Anlaufstelle gefragt. Unsere Schlussfolgerung daraus ist, dass es in den Ämtern ein kommunales Familienbüro geben muss, in dem sie ressortübergreifend beraten werden. Auch die Einrichtung von Familienzentren ist ein richtiger Schritt.

Wie gehen die Eltern aber mit der Situation um, immer in der Bittstellerposition zu sein?
Viele Familien, die interviewt wurden, wollen sich selbst aus ihrer Lage befreien. Oft wird ihnen ja vorgeworfen, sie würden sich in der sozialen Hängematte ausruhen. Das stimmt aber nicht. Die Menschen wollen mit ihren Ressourcen ernst genommen werden. Oft genug sind sie mit Vorwürfen konfrontiert, an der Situation selbst schuld zu sein. Wenn man nur einen kurzen Termin hat, wieder rausgeschickt und weiter verwiesen wird, verliert man schnell das Vertrauen.

Hier würde man ihnen wahrscheinlich entgegnen, dass die Arbeitsbelastung und diverse Verwaltungsvorschriften nicht viel Zeit für Zwischenmenschliches lassen.
Natürlich sehen wir auch, dass die personelle Ausstattung der Jugendämter in den letzten Jahren immer schlechter wurde. Es geht nicht, dass bei einem Anruf nur der Anrufbeantworter sich meldet und die Familien dann zwei Tage auf einen Rückruf warten müssen.

Ist es da hilfreich, wenn SPD-Fraktionschef Raed Saleh den zusätzlichen Personalbedarf der Bezirke zurückweist, um die Neuverschuldung auf null zu halten?
Das muss man differenziert betrachten. Die Bezirke sind unterschiedlich ausgestattet und setzen unterschiedliche Schwerpunkte und das müssen sie dann auch verantworten. Aber über demografische Entwicklungen, was den Personalbestand bei den Sozialarbeitern und in den Jugendämtern angeht, kann man nicht hinwegschauen. Wenn die Bezirke nachweisen können, dass sie den Bedarf nicht ohne eigene Kräfte und Umstrukturierungen decken können, dann muss der Senat helfen.

In der Studie wird auch das Teilhabepaket angesprochen. Die 100 Euro, die einer Familie pro Kind und Schuljahr u.a. zur Verfügung stehen, reichen oft nicht aus.
Die Eltern schätzen die Unterstützung, die es gibt. Egal, ob Ferienpass oder Teilhabepaket. Im Alltag aber, und da kommt wieder die Sensibilität ins Spiel, gibt es viele zusätzliche finanzielle Belastungen. Eine Familie erzählte von einer Patenschaft für einen Pinguin im Zoo, die die Schulklasse ihres Kindes übernommen hat. Damit das Kind nicht zugeben muss, dass Mama und Papa das Geld nicht haben, zahlen sie es. Da muss in Kitas und Schulen drauf geachtet werden: Was macht man für Ausflüge und wie oft. Kann man aus Schulfonds einen Beitrag leisten?

Der Senat hatte für die Legislatur eine ressortübergreifende Strategie gegen Kinderarmut angekündigt. Sie waren als Beirat beratend daran beteiligt. Welche Forderungen fließen aus der Studie mit ein?
Die Wahlperiode ist ja bald vorbei und wir fordern zuerst, dass eine solche Strategie nun endlich vorgelegt wird. Es geht nicht darum, einen weiteren Bericht zur Kinder- und Familienarmut in Berlin zu präsentieren. Wir brauchen Antworten und die ressortübergreifend. Der Senat will das Konzept in einigen Wochen vorlegen, darauf sind wir gespannt.

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