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Erst Wissen, dann Wikipedia

Mit der Online-Enzyklopädie seriös arbeiten bedeutet Quellenrecherche für Fortgeschrittene. Von Sabine Schiffer

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Als Lehrkraft kann man sich heutzutage schon glücklich schätzen, wenn Schüler der Mittelstufe die Website als Quelle angeben, auf die sie sich in Referaten berufen. Sehr oft bekommt man als Antwort auf Nachfragen wie »Woher hast du das?« oder »Wie kommst du darauf?« folgenden allumfassenden Satz zu hören: »Das steht im Internet.«

Nun passiert es nicht allein Schülern, dass sie übers Surfen hinweg vergessen, was sie genau wo gesehen haben, geschweige denn, dass sie es sichern, bevor sie es zitieren. Man könnte meinen, dass die Abiturvorbereitung hier Abhilfe garantieren würde, aber dem ist nicht unbedingt so - und wenn, dann ist auch das keine Garantie für Qualität.

Die Aufgabe der Quellenrecherche ist durch das Internet eine viel größere geworden als früher, obwohl es auch dann notwendig war, sich über Autoren, Herausgeberschaften, Finanzmittel für Publikationen etc. Gedanken zu machen. Gerade im Enzyklopädiebereich wurde dies oft nicht getan. Im Gegenteil, Nachschlagewerke bekamen durch nüchternen Ton und Ausblenden der Autorenschaft regelrecht Objektivität zugeschrieben.

Während heute das Einschätzen unzähliger Websites und deren Autoren zu einer schier unerschöpflichen Herausforderung geworden ist, scheint diese Basisrecherche mit Blick auf das Online-Nachschlagewerk schlechthin nicht notwendig. Die Mitmachenzyklopädie Wikipedia ist für viele zum unangefochtenen Hort des Wissens geworden. Die Einladung zur Selbstbeteiligung vermittelt zudem, dass es sich hier um ein grunddemokratisches und transparentes Gemeinschaftsprojekt handelt, wo alle zur Verbesserung des jeweiligen Eintrags beitragen können. Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht anders aus. Kleinere und größere Skandale um Wikipedia zeigen die Schwachstellen des Projektes auf - so etwa die Nachricht vom Oktober 2013: Man sperrte über 200 Wikipedia-User, da sie bezahlte Einträge für die Pharmaindustrie einstellten. Auch macht man sich regelmäßig auf die Suche nach Sockenpuppen, also Mehrfachaccounts einzelner Personen, die dann unter verschiedenen Identitäten ihre Wahrheiten bzw. die ihres Auftraggebers verkünden - ein aus Facebook bekanntes Phänomen.

Trotz der klaren Richtlinien, was nach welchen Kriterien geprüft werden muss und wie es in Wikipedia eingestellt werden darf, ob und welche Bilder verwendet werden dürfen etc. - man kann teilweise auf der Diskussionsseite sehen, wie um manche Textstellen gerungen wird - bleibt eine offene Flanke des Portals, dass es keinerlei Identifikationsverfahren für die Autoren gibt. Damit ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Zunächst kann jede(r) über »Bearbeiten« einen Eintrag verändern. Ist man nicht registriert, wird die jeweilige IP-Adresse abgespeichert. Regelmäßige Nutzer legen sich Accounts an, sehr oft anonym und mit fantasievollen Pseudonymen. Im Laufe der Zeit und bei regelmäßiger Mitarbeit erhält man mehr Schreibrechte und weitergehende Entscheidungsbefugnisse über Einträge, Löschungen und Korrekturen.

So, könnte man meinen, werden nur die bewährtesten Mitautoren schließlich Administrator. Jedoch gibt es auch bei den mächtigen Administratoren keine Identitätsprüfung, viele Accountinhaber sind nicht namentlich bekannt. Allerdings ermöglicht ein hoher Status, dass man andere User sperren kann - und das wird auch gemacht, etwa dann, wenn Einträge formuliert werden, die zwar den Wikipedia-Richtlinien entsprechen können, jedoch inhaltlich den Wiki-Mächtigen nicht gefallen.

Diese Erfahrung machte Paul Schreyer, als er zum Artikel »Verschwörungstheorien zum 11. September 2001« etwas ergänzen wollte. Wie heftig die Straf- und Ausschlussmaßnahmen sein können, beschreibt er in seinem Bericht auf dem Heise-Portal Telepolis am 2. März 2014. Sein Erfahrungsbericht deckt sich mit den Erlebnissen anderer, die von Zensurmaßnahmen und Ausschluss berichten.

Das soll nicht heißen, dass auf Wikipedia nicht auch viele Bemühte unterwegs sind. Aber diese Problematik muss man kennen und ernst nehmen, um die Qualität des Angebots einschätzen zu können. Schließlich empfehlen seriöse Medienpädagogen Wikipedia nicht als Quelle, sondern allenfalls als Quelle für Quellenfunde, denen man dann nachgehen kann - sozusagen als Ausgangspunkt einer Schneeballrecherche.

Als ich im Mai 2014 von ZDF Info für die Sendung »Login« zum Thema Computerspiele angekündigt wurde, entbrannte ein wahrer Shitstorm im Netz. Präventiv empörte sich die Gamer-Community über meine Einladung - und dies unter anderem mit dem Verweis, dass in meinem Wikipedia-Eintrag über Games gar nichts stünde. Da hatten sie allerdings recht, nur offensichtlich keine Ahnung davon, wie Wikipedia-Artikel zustande kommen. Hätte ich auf dessen Gestaltung Einfluss, sähe der freilich anders aus. Viele Themen, die ich in meiner 20-jährigen Tätigkeit als Medienpädagogin behandelt habe und behandle, kommen darin nicht vor. Vielmehr orientiert man sich an den ersten Google-Hits, anscheinend ohne sich über Google-Algorithmen Gedanken zu machen. Dies war nur eines von vielen Lehrstücken, die wir regelmäßig erleben mit sogenannten Digital Natives. Hier zeigt sich, was passiert, wenn man den Begriff »Medienkompetenz« auf Technikaffinität einschränkt und eine kritische Auseinandersetzung mit Inhalten und Konstruktionsprinzipien von Medien ausblendet - wie dies Frank Schubert, Medienwissenschaftler an der Uni Potsdam, zu recht in seinem lesenswerten Text »Ist die Medienkompetenz auch in der Krise?« darlegt.

Die Medienpädagogik wurde von Anfang an von mächtigen Geldgebern für eigene Zwecke umgedeutet und Schulungsmodule ganz im Sinne einer frühen Hinführung an neue Technologie konzipiert, die vor allem auf Konsum setzt. Mal abgesehen davon, dass es nachweislich kontraproduktiv ist, die Kleinsten an einfache Zugänge heranzuführen und sie dann für einen kompetenten Umgang sensibilisieren zu wollen, fallen inhaltliche Auseinandersetzungen eher flach oder ganz aus. In den Angeboten auf klicksafe.de & Co. spielen darum auch Urheberschutzfragen eine vergleichsweise große Rolle - dies ganz im Interesse der Medienindustrie. Neben weiteren nützlichen Fragestellungen wie denen des Datenschutzes fehlen aber medienkritische Anregungen weitestgehend.

Die Bundestags-Enquete »Internet und digitale Gesellschaft« folgt wirtschaftsfördernden Vorgaben und verrät in ihren Berichten die Feigenblattfunktion, die Medienpädagogik und Medienkompetenz haben. Während ältere User - oft gescholten als Digital Immigrants - noch wissen, wonach sie suchen und wie so manche Internetfunde einzuschätzen sind, wird die Erarbeitung von Maßstäben für die nächste Generation nicht gerade einfacher.

Mit Wikipedia könnte man in den Schulen beginnen, wenn andere Grundlagen der Wissensfindung und Quellenprüfung erarbeitet wurden. Dann ist es höchste Zeit, die Online-Enzyklopädie kritisch unter die Lupe zu nehmen. Über die Reiter oben auf jeder Seite kann man sich durch den Diskussionsstand (»Diskussion«) zu einem Artikel klicken, sowie Textversionen (»Versionsgeschichte«) miteinander vergleichen. Dies allein schafft schon mehr Distanz zum Geschriebenen, als wenn man auf der Oberfläche des Eintrags bleibt, dessen Lemma man gesucht hat. Natürlich ist der Versionsvergleich der allerersten, die oft Jahre zurück liegt, mit der gerade aktuellen Fassung, sehr erhellend. Aber auch zeitnahe Änderungen, zum Beispiel Ergänzungen und deren Löschung, die auf das Streiten um die richtige Formulierung hindeuten, zeigen den Fluss, in dem sich die Enzyklopädie befindet - man kann eigentlich gar nicht daraus zitieren, weil sie am nächsten Tag schon wieder anders aussehen kann.

Dies ist bereits bei einfachen Einträgen der Fall, aber erst recht bei umstrittenen Definitionen wie beispielsweise der des Antisemitismus. Wer sich die Mühe macht, die einzelnen Autoren mit ihren Positionen zu analysieren, wird sehen, wie sich die politischen Flügelkämpfe im Streit etwa über die Einbeziehung von sogenannter Israelkritik dort niederschlagen. Vor Trollen ist man hier ebenso wenig gefeit wie bei anderen Schlagwörtern auch. Als Dozentin erkenne ich Wikipedia als Quelle für wissenschaftliche Beiträge nicht an.

Eine Methode, die man zur Dekonstruktion von Wikipedia empfehlen kann, ist das Mitmachen. Als Schulklasse kann man einfach mal einen Testballon absetzen und über »Bearbeiten« einen Eintrag verändern. Oder sich an der Diskussion beteiligen. Der erste Zugang ist niedrigschwellig - und dann wird man sehen.

Die Dekonstruktion medial gemachter Vorstellungen von der Welt sollte die zentrale Aufgabe der Medienbildung sein. Dafür brauchen wir ein Schulfach mit einem Lehrplan, der sich an der Wahrnehmungsentwicklung der Kinder orientiert, und evaluiertes didaktisches Material. Mit einem wachen medienkritischen Blick lässt sich nicht nur im Nachhinein Skepsis üben. Angesichts eines zunehmenden Verlautbarungsjournalismus, der die berufsverpflichtende Kritikfähigkeit anscheinend einbüßt, wird diese Bildungsaufgabe immer wichtiger. Mediale Vorgaben beeinflussen die Geschichtsschreibung - nicht nur auf Wikipedia, aber dort natürlich auch.

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