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Stillleben des Todes

Im sächsischen Lohmen zeigt eine Ausstellung, wie Maler die Zerstörung Dresdens erlebten

  • Von Gert Clausnitzer
  • Lesedauer: 4 Min.
Am 13. und 14. Februar 1945 kehrte der Krieg, den das faschistische Deutschland begann, nach Dresden zurück. Werke von Künstlern, die damals in der Stadt waren, sind in der Sächsischen Schweiz zu sehen.

In einer eindrucksvollen Weise erinnert die Bastei-Apotheke in Lohmen in der Sächsischen Schweiz an die Bombardierung Dresdens am 13. und 14. Februar 1945. Die Werke der Malerei und Grafik, vorwiegend von Dresdner Künstlern, sind gleichsam mythische Erinnerungsmale in einer Stimmung von Warnung und Besinnung: Die Vergangenheit und viele Menschen liegen unter Trümmern begraben, die Kunststadt Dresden, ihre bedeutende Architektur, die Kunstwerke sind vernichtet. Nur Erinnerungssedimente sind geblieben. Somit haftet etwas Metaphysisches all den zahlreichen Darstellungen von Künstlern an, die sich dem Untergang der Stadt gewidmet haben.

Es war der Maler Otto Dix, der im Jahr des Kriegsausbruchs, also 1939, die Vision des brennenden Dresdens hatte und sie in den Hintergrund seines Gemäldes »Lot und seine Töchter« einfügte. Feuersbrünste verwüsten das Zentrum der Stadt! Gewiss, eine etwas ungewöhnliche Allegorie, könnte man meinen, aber mit welch einer ergreifenden Aussagekraft, wenn man heute mit Abstand auf dieses Bild schaut! Die sinnlose Zerstörung der Stadt haben viele der in dieser Ausstellung vertretenen Künstler zutiefst miterlebt und miterlitten. Ihre Werke besitzen exemplarische Bedeutung.

Die Vision, die Dix hatte, wurde Realität. Der Krieg, den das faschistische Deutschland entfachte, war mit aller Wucht und Härte zurückgekehrt. Angesichts der Zerstörungen in Dresden sprach man fürderhin von einem deutschen Pompeji. Schutt und Asche hatte Hitler bekanntlich allen europäischen Weltstädten angedroht. So sollte doch der Mord aus der Luft auch London in einen Trümmerhaufen und Moskau zu Staub verwandeln. Nun war auch Dresden das »Herz zerrissen« worden.

In der Lohmener Ausstellung werden die Resultate des Bombenkrieges für Dresden uns vor Augen geführt. In erster Linie wäre da der Maler Wilhelm Rudolph zu nennen, war er doch einer der Ersten, die unmittelbar nach dem fürchterlichen Angriff in den noch verbliebenen rauchenden Trümmerstätten herumkrochen, um das schreckliche Geschehen zu dokumentieren. Rudolph griff zunächst zu Rohrfeder und zu Tusche. Später schnitt er das Gesehene ins Holz. Ausgebombt und ausgehungert, von einer Bleibe zu einer anderen ziehend, befand er sich förmlich in einem Zwangszustand, Zeugnis abzulegen und das Ausmaß der Vernichtung in seiner ganzen Tragik zu erfassen.

Andere Künstler zeichneten auch die Menschen, die dem Ort entfliehen, dem Tod zu entrinnen suchen. In dieser Ausstellung sind es unter anderen Leonore Kehrer, die Sterl-Schülerin, und Fritz Tröger, die berührende Bilder von leidenden Menschen zur Darstellung bringen, in Trauer angesichts der Grausamkeit oder auf Suche nach Nahrung. Es handelt sich um Gespenster der Nacht, denen man allerorts begegnen konnte.

Späterhin entstanden Landschaftsimpressionen von den entrümpelten Zonen des Stadtbildes. Frei von jeglichen akademischen Affekten malte beispielsweise der Maler Fred Walther einen Blick von der Güntzstraße zu den noch verbliebenen Türmen der Dresdner Altstadt über eine entblößte und ausgeschlachtete Fläche. Auch ein Aquarell von Kurt Schuster zeigt eine derartige »entsorgte« Stadt in seinem Blick über den Stübelplatz zur Grunaer Straße. Man könnte von Dünenlandschaften sprechen, geradezu von einer Sandlandschaft am Meer. Zerstörung und Gestaltung in gänzlich neuen Dimensionen! Ganz ähnliche Eindrücke von Berlin hatte der Maler Werner Heldt. »Berlin am Meer« betitelte er seine Arbeiten.

Auch bei Wilhelm Rudolph tritt der Mensch in seinen Holzschnitten in Erscheinung, die mageren Gestalten in formlose Lappen gehüllt oder Brennholz suchend. Bei Martin Erich Philipp ist es eine Gestalt vor den »klagenden Gebilden« der Dresdner Frauenkirche - eine sehr schöne und nur wenig bekannte Lithografie! In einer größeren Pastellstudie des Pirnaer Zahnarztes Hans-Martin Gey wird das Grauen der Zerstörung gleichsam in totaler Verheerung dargestellt, die Wunden des Krieges wie vom Ende der Welt her gesehen.

Von einer »gemordeten Stadt« spricht der Verleger Wolf Jobst Siedler im Text zu einer Bildfolge vom zerstörten Berlin. Die anschauliche Bildsprache der in Lohmen ausgestellten Werke kündet gleichermaßen von so einer »gemordeten Stadt«, aufgehoben in künstlerischen Dokumenten, im »Schrei der Steine«, wie man sagen sollte, in den »Stillleben des Todes«. Es sind mithin auch Werke des Widerstands, der Klage und zweifellos Zeugnisse der Menschenwürde, die nicht der Resignation anheimfallen, sondern dem Nachsinnen.

Ausstellung zum 70. Jahrestag der Zerstörung Dresdens. Werke der Malerei und Graphik. Noch bis 30. Mai 2015 in der Bastei-Apotheke Lohmen.

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