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Die Stellvertreterin

Seit 70 Jahren gilt Dresden als Inbegriff 
für Kriegsverheerungen – obwohl es andere Städte noch schlimmer traf

Vor 70 Jahren wurde Dresden von Bomben zerstört. Die Stadt gilt als Inbegriff für die Verheerung durch Kriege, obwohl es andere härter traf. Dresden wurde zum Mythos – wozu auch Literaten beitrugen.

Dresden. Die Gitarren schnarren, das Schlagzeug scheppert, der Gesang wirkt gehetzt. Er renne durch die Straßen, er fühle sich »wie reines Speed«, kreischt ein junger Mann ins Mikrofon. Dann, im Refrain, der Vergleich: Sein Gehirn fange an zu brennen – »just like Dresden 45«. Genau wie Dresden ’45.
Ein Skandal? Nicht wirklich. 1979 erschien die erste Single der Punkband »NY Niggers«. Der 30-jährige Deutsche Dieter Runge hatte dafür einen Text geschrieben, der die Unrast eines Jugendlichen mit der von Bomben und Feuersturm zerstörten Stadt verglich. In US-Sendern lief die Platte kaum – wegen des Namens der Band, nicht wegen des anstößigen Vergleichs. In der BBC spielte Radiolegende John Peel die Scheibe. Empörte Anrufe sind nicht überliefert.

Darf man das? Darf man pubertäre Verwirrung und das Leid der Stadt in eins setzen, die heute vor 70 Jahren bei drei Luftangriffen binnen zwei Tagen großflächig zerstört wurde, wobei 25 000 Menschen starben? Die Analogie mag pietätlos scheinen; sie ist aber noch nicht der Tiefpunkt des schlechten Geschmacks. Die Journalistin Heidrun Hannusch fand in Blogs im Internet noch ganz andere Vergleiche: Eine unaufgeräumte Küche wird da ebenso mit Dresden ’45 verglichen wie ein unansehnliches Gesicht – »a real Dresden-face«.

Solche sprachlichen Bilder mögen empören. Für Hannusch sind sie jedoch auch ein Indiz: dafür, dass Dresden »zur Marke wurde«, wie sie im Katalog zur aktuellen Ausstellung im Militärhistorischen Museum Dresden schreibt. Die trägt – nach dem Titel des weltbekannten Buches von Kurt Vonnegut – den Titel »Schlachthof 5« und widmet sich »Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen«, zu denen in diesem Fall auch Runges maschinengeschriebene Zeilen für die »NY Niggers« zählen.
Der Song ist wie die schrägen Metaphern in den Blogs ein Beleg dafür, dass das Kürzel »Dresden ’45« heute für mehr steht als für eine kaputte Stadt im Elbtal kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Es sei zum »Symbol« geworden, schreibt Hannusch: Sei ein Maß gefragt, um Zerstörung jeder Art zu beschreiben, »muss seit Jahrzehnten Dresden herhalten«. Ob es nun um Naturkatastrophen geht, um die Verwahrlosung von Städten, aus denen die Industrie verschwunden ist oder – was immerhin nahe liegt – um vom Krieg verwüstete Orte; ob über Aleppo gesprochen wird, über New Orleans, Detroit oder Ground Zero nach 9/11: Selten ist ein Vergleich schneller zur Hand als der mit Dresden. Der Name ist zur Schablone geworden, zur Chiffre – zum Mythos.

Zwangsläufig war das keineswegs. Dresden war, wie die Ausstellung anhand eines eindrucksvollen Bildes erklärt, längst nicht die am schlimmsten von Bomben getroffene Stadt. Das Bild, das gleich am Eingang hängt, zeigt eine verwüstete Stadt an einem Fluss aus der Perspektive eines Piloten. Zu sehen sind Krater, Ruinen und Brandflecken; der Titel lautet »Bridge 14 Feb 45«. Doch obwohl dies das Datum ist, an dem auch Dresden aus der Nacht der Angriffe erwachte, stellt der Maler Gerhard Richter nicht seine an der Elbe gelegene Geburtsstadt dar, sondern Köln – eine Stadt, die im Laufe des Krieges nicht acht Bombenangriffe erlitt wie Dresden, sondern 262. In der über 2000 Jahre alten »Mutter aller deutschen Städte«, die für ihre mittelalterlichen Kirchen so berühmt ist wie Dresden für seine barocken Bauten, lebten von einst 770 000 Einwohnern bei Kriegsende noch 20 000.
Nicht nur Köln aber wurde härter getroffen als Dresden, sagt Gorch Pieken, der wissenschaftliche Leiter des Museums. Die meisten Toten bei einem Bombenangriff gab es in Hamburg, die meisten Opfer in Relation zur Bevölkerungszahl in Pforzheim. Würzburg war die prozentual am stärksten zerstörte Stadt, Berlin jene mit der größten Bombenlast. Der meistbombardierte Ort in Europa war Malta mit 3302 Angriffen. Und selbst im sächsischen Vergleich ist das Dresdner Schicksal nicht einzigartig. Dort fielen 6884 Tonnen Bomben, in Chemnitz 7360 Tonnen, auf Leipzig gingen 11 427 Tonnen nieder. Auch dort kam es in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1943 zu einem orkanartigen Feuersturm. Dass es, anders als 14 Monate später in Dresden, nicht 25 000 Tote gab, sondern »nur« 1815, führen Historiker auf mangelnde Disziplin zurück: Viele Leipziger verließen bereits vor der Entwarnung die Luftschutzkeller – die für viele Dresdner zur tödlichen Falle wurden.

Und dennoch: Zum Mythos, zum Inbegriff für die Zerstörungen durch einen entfesselten Bombenkrieg wurden nicht Köln oder Pforzheim, sondern Dresden. Während das Gedenken an die Opfer von Chemnitz oder Magdeburg bis zur versuchten Vereinnahmung durch Nazis vor einigen Jahren eine Veranstaltung mit lokaler Bedeutung war, wird über die Jahrestage der Dresdner Zerstörung seit Jahrzehnten überregional berichtet – im »Neuen Deutschland« ebenso wie in der »FAZ«. Von einer »Verungleichung des Gleichen« spricht Gorch Pieken – eine Sonderstellung, die heute erneut bildmächtig untermauert wird: Am Gedenken zum 70. Jahrestag nimmt mit Joachim Gauck der Bundespräsident teil; er spricht in der wieder errichteten Frauenkirche. Es scheint, als sei Dresden eine Art Stellvertreterin für andere Städte, die das gleiche Schicksal erlitten, aber nie die gleiche Prominenz erreichten.

Über die Gründe dafür, dass ausgerechnet Dresden zum Mythos wurde, ist viel geschrieben worden. Der Publizist Gunnar Schubert, der 2006 das akribisch recherchierte Buch »Die kollektive Unschuld« veröffentlichte, verweist auf Ursprünge schon in der NS-Propaganda. Wurden Luftangriffe zuvor eher verschwiegen, ging man nun in die Offensive. Dafür wurden zunächst schwedische und dänische Korrespondenten eingespannt. Am 4. März erschien dann in der Wochenzeitung »Das Reich« ein Text, der, so Schubert, bereits »viele der bis heute fortwirkenden Standards der Dresden-Mystifizierung« enthält. Fortan war von »barbarischen« Angriffen auf eine Stadt die Rede, die meist als »unschuldig« charakterisiert wird – obwohl nicht erst in den letzten Jahren bekannt wurde, in welchem Umfang in Dresden für die Rüstung produziert wurde, dass in den Firmen Tausende Zwangsarbeiter eingesetzt und über die Bahnhöfe Tausende Soldaten verfrachtet wurden, die zuvor oft in Dresdner Garnisonen stationiert waren. Ganz abgesehen davon, dass in der Stadt viele NS-Strukturen schneller etabliert waren als andernorts – weshalb sie eine von nur sechs »Führerstädten« wurde.

Nach Kriegsende wurde weiter am Mythos gestrickt, wobei Schubert anmerkt, dass maßgebliche Publikationen im Westen erschienen. Dort veröffentlichte Axel Rodenberger 1951 »Der Tod von Dresden«; im Osten erschien 1955 das von Max Seydewitz verfasste Buch »Zerstörung und Wiederaufbau von Dresden«. Für die Debatte um die Zahl der Toten war der Brite David Irving maßgeblich, der diese 1963 auf zwischen 35 000 und »mehr als 200 000« bezifferte – und später einräumen musste, dass er Opfer einer Fälschung geworden war. In seinem 1975 veröffentlichten »Inferno Dresden« gibt Walter Weidauer die heute akzeptierte Zahl von 25 000 an. Weidauer war Oberbürgermeister im ersten Jahr nach dem Krieg, als man es in Dresden tunlichst vermied, den 13. Februar als Trauertag zu begehen – weil dies »sehr leicht als Tendenz gegen die Alliierten« gedeutet werden könnte, wie ein Dokument in der Schau erklärt. Nur vier Jahre später entstand ein Foto, das den Zwinger zeigt – samt einem Plakat, auf dem es heißt, das Bauwerk sei »von anglo-amerikanischen Bombern sinnlos zerstört« worden. Der 13. Februar war im Kalten Krieg angekommen.

Am Mythos indes wirkten, wie die Ausstellung an einem guten Dutzend Beispielen darstellt, nicht nur Propagandisten und Historiker mit – sondern auch Schriftsteller. Die stärkste Wirkung dürfte dabei Kurt Vonnegut gehabt haben, der als Soldat in Gefangenschaft geriet und die Dresdner Bombennacht im Keller des Schlachthofes überlebte – im »Slaughterhouse 5«, wie sein 1969 veröffentlichter Roman heißt; ein Buch, das sich auf komplexe Weise mit Kriegserfahrungen beschäftigt, das als pazifistischer Klassiker gilt – und das in den USA und vielen anderen englischsprachigen Ländern Schullektüre ist. Viele Touristen, sagt Kurator Ansgar 
Snethlage, hätten Vonneguts Buch im Gepäck und dessen Bilder im Kopf. Dresden sei, schrieb dieser, »jetzt wie der Mond, nichts als Mineralien«; sein Held spricht vom »größten Massaker in der europäischen Geschichte«. Die Zahl der Opfer beziffert Vonnegut, gestützt auf Irving, auf 130 000.
Doch nicht nur er trug dazu bei, Dresden zum Symbol zu erheben. Bereits 1959 war »Das steinerne Brautbett« des Holländers Harry Mulisch erschienen, in dem dieser sich anhand der Person eines ehemaligen US-Bomberpiloten mit Fragen von Schuld und Moral auseinandersetzt – wohl als erster am Beispiel Dresdens, das er mit dem antiken Troja vergleicht, ebenfalls eine angeblich sinnlos zerstörten Stadt, deren Name zur Chiffre wurde.

Mit derlei Analogien steht Mulisch nicht allein da. Die Ausstellung geht auf Rudolf Mauersberger ein, Kreuzkantor in Dresden, der zu Ostern 1945 die Trauermotette »Wie liegt die Stadt so wüst« schuf und Dresden mit dem zerstörten Jerusalem vergleicht. Als »Weltuntergang« wird die Bombennacht vom 13. Februar im Bericht eines Augenzeugen empfunden, der in Walter Kempowskis Kompilation »Der rote Hahn« einfloss. Auch in Romanen und Gedichten von Martin Walser, Durs Grünbein oder Marcel Beyer spielt das Datum eine zentrale Rolle. Ein Ende ist nicht abzusehen, wie ein 2005 erschienenes Buch von Jonathan Safran Foer beweist. »Extrem laut und unglaublich nah« schlägt einen kühnen Bogen zwischen zwei traumatischen Ur-Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit. Es sind die Terrorangriffe auf das World Trade Center in New York im September 2001 – und eben die Zerstörung Dresdens, heute vor 70 Jahren.

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